GEOlino Nr. 06/04 - Kunststück! Seite 1 von 1


Text von Tilmann Wörtz

Spielen statt dealen

In der brasilianischen Stadt Rio de Janeiro blüht der Handel mit Drogen - vor allem in den Elendsvierteln. Schon Kinder geraten in das gefährliche Geschäft mit dem Tod. Ein Jugendprojekt holt sie nun von der Straße


Salsa-Musik dröhnt aus den Boxen und lässt die Spiegelwand im Tanzsaal zittern. "Um, dois, tres, cuatro", zählt der Lehrer, und Nayana, 13, überlässt sich ganz dem Rhythmus. Setzt ihre Schritte im Takt, dreht Pirouetten. So, als gäbe es keine Sorgen, die ihren Bewegungen die Kraft rauben könnten. Hier im Jugendzentrum "Espaço Criança Esperança" (auf Deutsch: "Lebensraum Kinderhoffnung") kann sie für ein paar Stunden alle Ängste vergessen. Wenn sie aber das Gebäude verlässt, kehrt sie zurück in die bedrückende Enge der Häuser aus Wellblech, Holz und Backsteinen. Nayana lebt in Cantagalo, einem Elendsviertel in Rio de Janeiro. Zu Hause sitzt ihr Vater, der keine Arbeit findet und oft betrunken ist. "Gib nicht mir die Schuld!", schreit er. "Hier leben alle so."


Gefährliches Geschäft

"Favela" nennen die Brasilianer solche Armensiedlungen, die oft nicht mal über Kanalisation und Wasserleitungen verfügen. Wenn überhaupt vorhanden, sind Schulen und Krankenhäuser überfüllt. Nayana durfte lange Zeit ab 18 Uhr nicht mehr nach draußen. Denn am Abend und in der Nacht gehört die Straße den Drogenhändlern, die sich untereinander oder mit der Polizei Schießereien liefern. Nayana kennt Jungen, die schon mit zwölf Jahren ins Drogengeschäft eingestiegen sind. Eine "Karriere" als Dealer ist verlockend: Man muss nicht mehr für die Schule pauken, kann sich Markenklamotten leisten und mit Pistolen angeben. Sie birgt aber auch ein großes Risiko: den Tod. Allein in dem halben Jahr, bevor das Jugendzentrum eröffnet wurde, zählte die Polizei in Cantagalo sieben Morde an Jugendlichen. Die meisten der Opfer hatten mit Drogen zu tun.


Null Bock auf Drogen

Doch mit Hilfe von UNICEF holt das Team von "Espaço Criança Esperança" die Jungen und Mädchen von der Straße. Nach der Schule kommen regelmäßig rund 2000 Kinder und Jugendliche in das ehemalige Hotel. Hier spielen sie Fußball, Tischtennis und Basketball, proben Theaterstücke oder schwimmen um die Wette. An 30 Computern zeigen Betreuer, wie man Texte schreibt und im Internet surft. "Ich will Programmierer werden", sagt der 15-jährige Edvis und klickt sich flink durch seine Lieblingsseite, die per Webcam die Bilder vom nahen Strand übermittelt. Ob er sich für Drogen interessiert? Edvis winkt ab: "Dazu hab ich weder Zeit noch Lust."




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