Hauptspalte:
Kadettenschülerinnen von Moskau: Im Gleichschritt, marsch!
Sie sind zwischen elf und 16 Jahre alt, können nähen, kochen, tanzen - und schießen: Die Mädchen einer Kadettenanstalt im russischen Moskau lernen Manieren, Parieren und Marschieren
Die Mädchen stehen in einer Reihe. Konzentrieren sich. Kneifen ein Auge zusammen. Die Pistolen halten sie fest in den Händen. Noch einmal atmen sie durch, dann drücken sie ab. Die Kugeln zischen aus den Pistolenläufen und bohren sich nur ein Sekundenbruchteil später in die winzigen Zielscheiben ein paar Meter entfernt. Der Lehrer ist zufrieden. Gute Schützinnen sind an der Kadettenanstalt in Russlands Hauptstadt Moskau schließlich gefragt! Rund 300 Mädchen zwischen elf und 16 Jahren gehen dort zur Schule. Einerseits, um später im Militär dienen zu können. Andererseits, um "gute Hausfrauen" zu werden.
Kriegerischer Unterricht
Der Alltag der Mädchen ist streng
geregelt. Um sieben Uhr in der
Früh heißt es für die Kadettinnen:
aufstehen! Betten machen!
Haare flechten! Uniform anlegen!
Und schließlich: Frühstück!
Frühsport! Schulunterricht!
Natürlich stehen dann
Mathe, Fremdsprachen und Literatur
auf dem Stundenplan.
Aber eben auch Schießen, Waffenkunde
und Kriegsführung.
Ehemalige Soldaten erklären
den Schülerinnen etwa, wie während
des Zweiten Weltkrieges
die Truppen erfolgreich geführt
wurden. Die Mädchen schieben
dabei kleine Figuren über
Landkarten und versuchen auf
diese Weise, die Strategien von
Angriff und Verteidigung zu
verstehen. In Waffenkunde lernen
sie wiederum, Schusswaffen
zu unterscheiden. Die meisten
Schülerinnen brauchen nur
Sekunden, um etwa ein Maschinengewehr
in seine Einzelteile
zu zerlegen und wieder zusammenzubauen.
"Am Telefon erzähle
ich meinen Eltern jeden
Tag, welche Waffen ich neu kennengelernt
habe", erzählt die
zwölfjährige Lena.
Für uns mag all das befremdlich,
sogar abstoßend klingen.
Lena und die anderen Mädchen
kennen das Leben nicht anders.
Denn die meisten von ihnen
stammen aus Militärfamilien.
Ihre Väter sind zum Beispiel Offiziere
und stolz darauf, dass
ihre Töchter in die Kadettenanstalt
gehen, dort Manieren, Parieren
und Marschieren lernen.
Schulter an Schulter
Einmal im Jahr tun die Mädchen das sogar auf dem Roten Platz im Zentrum von Moskau, bei einer großen, feierlichen Parade. Dafür üben sie das Strammstehen. Und den Gleichschritt: eins, zwei, eins, zwei… Dann wieder das Strammstehen. Und noch mal den Gleichschritt: eins, zwei, eins, zwei… "Ich liebe es zu marschieren und bin so stolz, wenn wir alle Schulter an Schulter wie ein großes Ganzes laufen", sagt Lenas Kameradin Alyona. Und auch noch: "Ich bin bereit, für Russland zu sterben." Das ist ein harter Satz, vor allem für eine 13-Jährige.
Uniformtausch
Doch diesen Nationalstolz bekommen die Mädchen vom ersten Schultag an eingeimpft. Übersetzt lautet der Text ihrer Schulhymne etwa: "Jetzt ist Frieden, aber wir sind immer bereit, die Großtaten unserer Väter und Mütter zu wiederholen. Und wenn sie uns rufen, dann werden wir ehrlich unserer Heimat dienen." Wie viel friedlicher wirkt da doch der "Hausfrauenunterricht" der Schule, immer am Nachmittag. Nähen, Kochen und Tanzen stehen auf dem Programm, außerdem Klavierspielen und Frisuren-Stecken. Letzteres üben die Mädchen vor allem für den großen Winterball kurz nach Weihnachten. Dann tauschen sie ihre Uniformen gegen lange, weiße, schicke Kleider und feiern mit den Jungen der benachbarten Kadettenanstalt. Strammstehen? Gleichschritt? Marsch? Nicht an diesem Abend!
Servicelinks:
Druckansicht
Artikel versenden
Deine Meinung
Kontakt
Sitemap


