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Matthieu Ricard: Übersetzer, Fotograf und Archivar
Ein Mann, der seine Jahre gerne zweiteilen würde: sechs Monate Abgeschiedenheit und sechs Monate Dienst an der Welt. Ricard - ehemals Molekularbiologe - ist jetzt der französische Übersetzter des Dalai Lama, Fotograf und Herr über eine bedeutende Sammlung von Fotos tibetischer Kunst.
Matthieu Ricard ist gehetzt: "Ach! Ihr jetzt auch noch mit euren Fragen!", sagt er und ist, kaum da, schon wieder weg, läuft, dass die rote Robe flattert. "Sechs Uhr!", ruft er uns zu, "dann eine halbe Stunde!" Im Hof des Shechen-Klosters am Rand von Kathmandu steht ein Jeep, der bepackt werden muss. Ricard ist auf dem Weg in eine vierwöchige Klausur; und leider braucht der in Abgeschiedenheit meditierende Mensch mehr als eine Schale Reis und Luft zum Atmen. Außerdem ist da noch diese Gruppe von Europäern, die im Schneidersitz im Schulraum hockt und eine Einführung in die Riten des Klosterlebens erwartet. Stress auf buddhistisch.
Eine immerwährende Prüfung
"Fifty-fifty", sagt Ricard, als wir schließlich beieinander sitzen, "fifty-fifty, das wäre eine gute Balance: sechs Monate Klausur und sechs Monate Dienst an der Welt. Aber das schaffe ich kaum." Der 56-Jährige ist der französische Dolmetscher des Dalai Lama, ist Übersetzer tibetischer Texte, ist Buchautor, ist Fotograf, ist Leiter des Archivs des Shechen-Klosters, das eine bedeutende Sammlung von Fotos tibetischer Kunst besitzt. Viele davon hat Ricard selber bei seinen regelmäßigen Reisen nach Tibet aufgenommen. Der Buddhismus - eine weltabgewandte, auf das Jenseits gerichtete Religion? "Quatsch!", sagt Ricard, "ein westliches Vorurteil." Er doziert es mit ein, zwei routinierten Lehrsätzen unter den Tisch. "Möge ich Erleuchtung erreichen, um allen Wesen mit Mitgefühl zu begegnen: Das ist der erste Schritt auf unserem Pfad. Klingt das nach Gleichgültigkeit? Natürlich ist es einfach, als Eremit meditierend da zu sitzen, und keiner geht dir auf die Nerven. Aber ein Buddhist muss sich der Welt stellen, mit ihren Konflikten, ihren Aggressionen. Da wirst du geprüft, jede Minute."
Keine schnellen Ekstasen zu holen
Matthieu Ricard heißt auch Konchok Tenzin, und eigentlich passt dieser buddhistische Name besser zu seiner Erscheinung. Dem runden Bauch, dem kahl geschorenem Kopf, seinem Lachen. Unbeirrbar, freundlich und in sich ruhend: ein Mann, der auf dem Weg ist, seine "Buddha-Natur" zu realisieren, und zwar mit Seele und Leib. Er fällt nicht weiter auf, wenn er über den Klosterhof eilt. Ein wenig hellhäutiger ist er als seine Mitbrüder. Und nur aus Zufall in Frankreich geboren. Seit 1972 lebt Ricard im Himalaya, seit 1979 ist er als Mönch ordiniert. Wie so viele seiner Generation kam er nach Indien, getrieben von einer unbestimmten Sehnsucht nach den labenden Quellen östlicher Weisheit. Die meisten gaben auf, als es zu anstrengend wurde, denn die buddhistischen Lamas, erzählt Ricard, "sind sehr bodenständig. Die wollen, dass du an dir arbeitest. Schnelle Ekstasen sind da nicht zu holen."
Ein promovierter Molekularbiologe kommt ohne sein Fach aus
Ricard aber meinte es ernst und widmet sich seither der buddhistischen "kontemplativen Wissenschaft" mit der gleichen Entschlossenheit, mit der er sich in seinem französischen Leben der "rationalen Wissenschaft" verschrieben hatte. Ricard ist promovierter Molekularbiologe und arbeitete am Institut Pasteur in Paris. Ein vielversprechender Nachwuchsforscher, dem der Wissenschaftsbetrieb zuwider wurde – "dieses endlose sich Verlaufen in Details, diese Unfähigkeit, die fundamentalen Fragen des Lebens zu lösen". Der Abschied ist ihm nicht schwer gefallen. "Die Biologie kommt wunderbar ohne mich aus", sagt er, "und ich wunderbar ohne die Biologie." Er hat die Seiten gewechselt. Die Naturwissenschaften betrachtet er aus der Ferne, distanziert-freundlich.
Alte Weisheiten
Als "Versuchskaninchen" nimmt er an einem Projekt von Bewusstseins- und Emotionsforschern teil, die den Einfluss von Meditation auf das Gehirn untersuchen. "Da liege ich dann im Tomographen und meditiere über Mitgefühl", sagt Ricard, leicht amüsiert. Er zeigt uns die Aufnahme vom Inneren seines Kopfes: Farbig leuchten da jene Zonen, die bei der Meditation in konzentrierte Ruhe versinken. Damit ist nun bewiesen, Ricard lacht, "was der Buddhismus seit 2500 Jahren ohnehin weiß".
Literaturtipps
Xuan Thuan Trin/Matthieu Ricard: Quantum und Lotus. Vom Urknall zur Erleuchtung, Goldmann-Verlag
Matthieu Ricard/Oliver Föllmi/Danielle Föllmi: Buddhismus im Himalaya, Knesebeck-Verlag
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