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Indien: Die härteste Prüfung der Welt
Rund 300 000 junge Inder wagen sich jedes Jahr an den Aufnahmetest der "Indian Institutes of Technology" (IIT) - mit schier unglaublicher Disziplin. Zwei von 100 Bewerbern bestehen
Nach zwei Stunden Fahrt durch Patna, die dreckigste und ärmste Landeshauptstadt Indiens, schält sich Pranav Anand aus einer überfüllten Sammelrikscha. Er trägt sein bestes Hemd und eine schwarze Hose mit Bügelfalten. Es ist Anfang April, die Sonne brennt schon kurz nach acht sengend vom Himmel. Pranav, taub in den Beinen, stolpert auf das Schultor zu, hinter dem sich seine Zukunft entscheiden wird.
Er bleibt stehen, holt Luft. Dann übergibt er sich in den Staub zu seinen Füßen, auf sein Hemd. Pranav wankt zu einem Brunnen, doch aus dem Rohr tropft nur ein brackiges Rinnsal. So muss er sich das Gesicht mit dem Wasser waschen, das er für die sechsstündige Prüfung vorgesehen hatte. Eine halbe Autostunde entfernt wartet Ritesh Ranjan unter einer Platane und beobachtet seine Konkurrenten, die vor einer Mauer auf und ab laufen, Formelsammlungen in der Hand. "Die machen sich verrückt", murmelt er, rückt seine Brille zurecht, fährt sich durch den schwarzen Wuschelkopf. "Main zaroor kamyab hounga" - ich werde es schaffen. Er wiederholt den Satz wie ein Mantra.
Vier Jahre lang hat sich Ritesh auf diese Stunden vorbereitet, an manchen Tagen von morgens bis tief in die Nacht. Um halb neun Uhr ertönt der erste Gong: Polizisten stemmen das Eisentor auf, kontrollieren Ausweise. Ritesh dreht sich noch einmal um, lächelt unsicher, hebt einen Daumen in die Höhe. Dann spült ihn der Strom der Leiber, der in die Schule drängt, davon.
Sechs Stunden betet die Mutter für den Erfolg des Sohnes
Bangalore, 1600 Kilometer südwestlich von Patna.
Als der Gong aus den Lautsprechern scheppert, beugt sich
Giridhar Nayak zu seiner Mutter hinab. Sie umfasst den Kopf
ihres Sohnes mit Händen, die nach Kardamom, Kokospaste
und Chili riechen, segnet ihn so. Giridhar hat die High School
als Jahrgangsbester abgeschlossen, er misst fast zwei Meter,
seine Stimme klingt normalerweise tief und samten – jetzt
aber bekommt er keinen Ton heraus.
Aus einem Seidentuch wickelt seine Mutter eine Steinfigur: Ganesh, den Elefantengott, der alle Widerstände beseitigen soll. Sechs Stunden lang wird die Mutter vor dem Schultor beten. Dafür, dass Giridhar in das "Indian Institute of Technology" (IIT) aufgenommen wird. Dafür, dass sich das Leben ihres Sohnes und damit das Leben ihrer gesamten Familie ändern wird.
Nur jeder Fünfzigste wird einen Studienplatz ergattern
Fünf Minuten vor neun, der zweite Gong: In mehr als 600 Testzentren auf dem indischen Subkontinent werden in diesem Moment die Fragebögen ausgehändigt.
Um neun Uhr, beim dritten Gongschlag, brechen Pranav, Ritesh und Giridhar die Banderolen auf, mit denen die Fragebögen versiegelt sind. Sie wissen: In diesem Augenblick starren mehr als 300 000 indische Jugendliche auf die Aufgaben. Und nur zwei von hundert werden durchkommen: 6500 Erstsemester nehmen die sieben Ableger der Technologie-Universität jedes Jahr auf. Und wer, wie Ritesh und Giridhar, Informatik oder Elektrotechnik in Mumbai oder Delhi belegen möchte, muss sogar zu den besten 300 gehören; zu den 0,1 Prozent der Allerbesten.
Es ist die härteste Aufnahmeprüfung der Welt.
Zwei Monate zuvor, in einer aufgelassenen Fabrikhalle am Stadtrand von Patna. Im Schein flackernder Neonröhren kauern 30 Jungs über ihren Heften. Pranav und Ritesh haben sich in Schals gewickelt, andere haben sich Wollmützen mit ausgeschnittenem Gesichtsfeld übergestülpt, wie Bankräuber. An den Füßen aber tragen sie alle offene Sandalen, manche sitzen barfuß da. Es ist Mitte Februar, und der Wind zieht bitterkalt durch die Halle.
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Kommentare zu "Indien: Die härteste Prüfung der Welt"
Ein sehr beeindruckender Bericht. Hilft es arm zu sein, um echten Ehrgeiz für das Berufsleben zu entwickeln ? Ein Bruchteil dieser Lernintensität und dem Willen voranzukommen bei hiesigen Studenten würde Deutschlands Ekonomie wesentlich stabiler gestalten.
Outstanding journalist work and video!
Institut of Technology; Multiple Choice Test. Da könnte man Prüfungsergebnisse innerhalb weniger Stunden erwarten. Tatsächliche Dauer: Mehr als sechs Wochen. Rektoren und Professoren am IIT dürften sich nach Bestehen der eigenen Aufnahmeprüfung schlafen gelegt haben.
Warum ist Indien so Arm, bei einem doch so inteligenten und disziplinierten Volk? Liegt es nur an der Kultur und an der Religion? Hat uns die christliche Prägung so viel erfolgreicher werden lassen?
Fantastic and very interesting. It makes our problems, concerns and school reform issues look unimportant by comparison. Hopefully, you will make an English version of this so many, many more can also enjoy it! Why not share it with students? Excellent work! Keep it up!
Sehr aufschlussreiche Dokumentation. Mal wieder ein Thema, was man so gar nicht wusste. Weiter so!
Die Bildung ist rund um den Erdball kaputt! Die Aufgaben sind nicht schwerer, als was ich mit 20, in Analysis, Algebra, Physik im Vordiplom an einer deutschen technischen Uni löste. Wir hatten kein multiple Choice, sondern auch sehr anspruchsvolle formale Beweise, meiner Meinung nach die schwierigste Kategorie von Aufgaben. Ich war damals in Physik der beste von 400 und in Analysis der 6.beste von 350. Hat es mir etwas für meine jetzige Forschertätigkeit gebracht? Quasi nicht, denn sich ein paar Wochen mit alten Aufgaben auf genau die Prüfungsmodalität zu "konditionieren" ist keine Vorbereitung auf das wahre Leben. Was ich heute brauche, ist die Fähigkeit Menschen zu führen, motivieren und inspirieren, mich tief und hartnäckig in umfangreiche Probleme einzudenken, kreative Lösungen zu entwerfen und sie rhetorisch elegant zu verkaufen. Das habe ich nicht in der Schule/Uni gelernt, sondern nur beim Spielen: Staudammbau, LEGO, Räuber & Gendarm. Eine Schande für unsere Zivilisation!