Kulturgeschichte Gestrandete Giganten: Wale an der Ostseeküste faszinierten schon vor Jahrhunderten

Aufhängung des Finnwalskeletts
Im Jahr 1825 strandete ein Finnwal vor der Insel Rügen. Das Skelett hängt heute im Meeresmuseum Stralsund. Hier zu sehen bei der Aufhängung Gerhard Schulze (links) und Edwin Kretschmann (rechts)
© Sabine Burwitz / Deutsches Meeresmuseum
Von Heils- bis Unheilszeichen: Wale hatten schon in früheren Jahrhunderten eine starke Symbolwirkung. Davon zeugen verschiedene Darstellungen in Kirchen

Derzeit bewegt das Schicksal eines vor Wismar gestrandeten Buckelwals viele Menschen. Dass derartige Ereignisse schon vor Jahrhunderten die Menschen an der Ostseeküste umtrieben, davon zeugen etwa Wal-Darstellungen in Greifswalder Kirchen. "Schon in alter Zeit ist es so gewesen, dass solche Strandungen als Faszinosum und Wunder gesehen wurden", sagt Kirchenhistoriker Irmfried Garbe. Das Auftauchen solcher Tiere an der Ostseeküste sei früher teils sogar als unheilvolles Vorzeichen gewertet worden. 

So war am 30. März 1545 in Greifswald-Wieck ein Schwertwal angespült worden. Eine Wandmalerei in der Greifswalder Marienkirche belegt heute, welchen Eindruck dieses riesige Geschöpf auf die damaligen Zeitgenossen machte. Im Jahr 2009 entdeckten Restauratoren auch im Greifswalder Dom St. Nikolai Spuren einer über sieben Meter langen Wal-Darstellung. Nach Aussage Garbes sagen historische Quellen aus, dass nach dem Fund des Meeresriesen alle drei Greifswalder Kirchen Wal-Darstellungen erhielten. In der dritten Kirche, der Kirche St. Jacobi, sei aber bislang nichts dergleichen aufgetaucht.

Der Greifswalder Wal-Fund sei in die Zeit der Reformation gefallen und im Nachhinein mit Blick auf das schwierige Jahr 1546 gedeutet worden, unter anderem dem Todesjahr Martin Luthers. Garbe berichtet auch von einer in Stettin gehaltenen "Walfischpredigt" aus dem 17. Jahrhundert, die sich um den Wal als "schreckliches Vorzeichen" gedreht habe.

Wal auch als Zeichen der Rettung

Der Wal sei aber nicht nur negativ gewertet worden. So verweist Garbe auf die biblische Jona-Geschichte, in der der Protagonist von einem Wal gerettet worden sei: "Der Wal ist auch ein Heilszeichen."

Blick auf eine Wal-Darstellung in der Kirche St. Marien in Greifswald
Überraschung an der Wand: Bei Restaurierungsarbeiten stieß man im Greifswalder Dom St. Nikolai auf die historische Zeichnung eines sieben Meter langen Wals
© Pommersche Evangelische Kirche / picture alliance

Wale hätten lange Zeit eine große symbolische Bedeutung gehabt. Deshalb seien ihre Knochen laut Überlieferungen in Kirchen ausgestellt worden. Heutzutage sei der Blick natürlich ein anderer – weniger symbolisch, sondern stärker naturwissenschaftlich und emotionaler getrieben, so Garbe.

14 Meter langer Buckelwal-Abguss in Greifswalder Kirche 

An die Geschichte des Greifswalder Wals erinnerte im Jahr 2021 auch eine Kunstaktion im Dom St. Nikolai. Damals wurde im Innenraum eine 14 Meter lange Wal-Skulptur aufgebaut. Dabei handelte es sich um den Abguss eines in Südafrika angeschwemmten Buckelwals des israelischen Künstlers Gil Shachar. An dem Abguss waren etwa Bissspuren von Haien oder auch Schnittwunden von Schiffsschrauben zu erkennen.

14 Meter langen Wal-Skulptur im Dom St. Nikolai
Buckelwal-Skulptur des Künstlers Gil Shachar im Dom St. Nikolai 
© Stefan Sauer / picture alliance

Auch der Direktor des Deutschen Meeresmuseums in Stralsund, Burkard Baschek, berichtete vergangene Woche, dass Großwale bereits vor Jahrhunderten in der Ostsee strandeten. Davon zeuge etwa das Skelett eines Finnwals, der vor mehr als 200 Jahren vor Rügen strandete. Das Skelett hängt heute im Meeresmuseum in Stralsund, im Chor der Katharinenhalle des dortigen ehemaligen Klosters.