Schwertwale unter Druck Kannibalismus bei Orcas? Was rätselhafte Rückenflossen über das Familienleben verraten

Orcas vor Alaska. Die Wale faszinieren, weil sie uns so ähnlich sind: klug, sozial und manchmal grausam
Orcas vor Alaska. Die Wale faszinieren, weil sie uns so ähnlich sind: klug, sozial und manchmal grausam
© Ron Sanford / Getty Images
Zwei Orca-Unterarten leben vor der Westküste Nordamerikas. Flossenfunde legen nah, dass die eine der anderen nachstellt – und die Gejagten zur Verteidigung auf Familienbande setzen

Der Fund, den Sergey Fomin im August 2022 an der Küste der sibirischen Beringinsel machte, war so makaber wie faszinierend: Am Strand entdeckte der Mitarbeiter des Pacific Geographical Institute in Russland die abgetrennte Rückenflosse eines Orcas. Sie war nur 47 Zentimeter hoch, stammte also vermutlich von einem Jungtier. Auf der grauschwarzen Haut befanden sich in regelmäßigen Abständen kleine Verletzungen: frische Spuren von Orcazähnen. Das war bemerkenswert, weil niemand je Kannibalismus unter Schwertwalen beobachtet hatte. Es existierte lediglich ein Bericht aus Zeiten des Walfangs, dessen Verfasser Überreste von Artgenossen in den Mägen zweier Orcas entdeckt hatte. Fomin selbst hatte zuvor lediglich angenagte Rückenflossen von Baird- und Minkwalen gefunden, Arten also, die auf der Speiseliste der Schwertwale stehen.

Fomin veröffentlichte seinen Fund in einer russischsprachigen Publikation. Ihm fehlten die Mittel, um die Herkunft der Flosse genauer zu bestimmen. Doch dann wurde zwei Jahre später eine weitere Rückenflosse auf der Beringinsel angeschwemmt. Sie war größer als die erste und trug erneut gut sichtbare Bissspuren eines anderen Schwertwals. Diesmal führte Fomin gemeinsam mit Olga Filatova und Ivan Fedutin von der Süddänischen Universität in Odense DNA-Analysen beider Funde durch. Sie verrieten, dass die Rückenflossen von Resident Orcas stammten, einer Unterart aus dem nordöstlichen Pazifik. Die Meeresströmungen mussten sie bis nach Sibirien getragen haben. Doch was hatte es mit den Bissspuren auf sich? Die Forschenden kamen zu dem Schluss, dass vermutlich eine weitere pazifische Unterart, Biggs-Orcas oder Transients genannt, Jagd auf die Residents gemacht hatte. 

Ein Lebensraum, zwei Lebensweisen

Residents und Transients haben eine besondere Beziehung. Sie gehören derselben Art an, teilen sich bisweilen einen Lebensraum und besitzen als Spitzenprädatoren keine natürlichen Feinde. Doch damit hören die Gemeinsamkeiten auf. Transients leben in kleinen, flexiblen Gruppen, die sich beständig aufsplitten und neu zusammenfügen. Von Kalifornien bis Alaska jagen sie entlang der Küste Robben, Seelöwen und andere Meeressäuger. Residents hingegen sind ortstreu. Ihre Heimat sind die Gewässer vom Nordwesten Kanadas bis nach Seattle. Sie leben in Großfamilien, die bis zu vier Generationen umspannen. Meist stammen alle Mitglieder von einem einzigen Weibchen ab. Während die Transients im Team jagen, gehen die Residents allein auf Fischfang. Dabei erbeuten sie nahezu ausschließlich Lachse.

Die Populationen unterscheiden sich in ihrer Lebensweise, ihrer Kommunikation, ja sogar in ihrem Körperbau. Sie paaren sich nicht untereinander, sind also genetisch isoliert. 2025 debattierten Fachleute deshalb, Residents und Transients als eigenständige Arten anzuerkennen. Das verantwortliche Gremium votierte letztlich dafür, sie als Unterarten einzustufen. Doch das letzte Wort ist noch nicht gesprochen: Weitere Forschung soll klären, ob eine Trennung auf höherer taxonomischer Ebene gerechtfertigt ist. 

Trauernde Tiere: Walmutter trägt ihr totes Kalb umher
© SeaDoc Society/San Diego Zoo Wildlife Alliance / APTN
Walmutter trägt ihr totes Kalb umher
© Bild; Video: SeaDoc Society/San Diego Zoo Wildlife Alliance / APTN; CNN

Weltweit gibt es etliche Orca-Populationen mit distinktiven Ernährungsweisen, Jagdtechniken, Dialekten und Sozialstrukturen. Das Familienleben der Residents sticht jedoch heraus. Dass Weibchen und Männchen ein Leben lang Teil der Sippe bleiben, in die sie hineingeboren wurden, sei unter Säugetieren einzigartig, schreiben Filatova, Fedutin und Formin in einer aktuellen Veröffentlichung in der Fachzeitschrift "Marine Mammal Science". Und dennoch: "Die Frage, warum die Residents solch eine extrem stabile soziale Struktur entwickelt haben, wurde bisher kaum ernsthaft untersucht." 

Aus evolutionärer Sicht hat das Leben in der Großfamilie gute und schlechte Seiten. Ältere Orkas haben ein Auge auf das Wohlergehen ihrer Kinder und Enkel, auch wenn diese schon erwachsen sind. Doch im Gegenzug kann der Tod der Mutter oder Großmutter die Überlebenschancen ihrer Nachkommen messbar verringern. Bei der Jagd spielt die Gruppenstruktur keine Rolle, weil die Wale allein auf Lachsfang gehen.  

Das Team glaubt, in den angenagten Flossen des Rätsels Lösung gefunden zu haben: Der Familienverband könnte Residents vor Angriffen der Transients schützen – schnellen und gerissenen Jägern, die Spezialisten im Erbeuten von Meeressäugern sind. Die gemeinsame Abstammung der Residents garantiere den nötigen Zusammenhalt im Angesicht der Gefahr. Denn wer die Verwandtschaft schützt, schützt auch seine eigenen Gene. Zwar wurden Angriffe von Transients noch nie in freier Wildbahn beobachtet. Gesichert ist jedoch, dass große Gruppen sesshafter Orcas kleine Gruppen von Transients aktiv aus ihrer Nachbarschaft verscheuchen: Obwohl keine Nahrungskonkurrenz besteht, sind die Durchziehenden offenbar unerwünscht.

Aasfresser oder Kannibalen?

Wasserdicht ist die Argumentation des russisch-dänischen Teams noch nicht. Erstens sind zwei angeschwemmte Flossen eine dünne Datengrundlage – insbesondere, weil Kannibalismus unter Orcas noch nie beobachtet wurde. Der kanadische Forscher Jared Towers wurde lediglich Zeuge eines Infantizids unter Transients: Er sah, wie ein Mutter-Sohn-Gespann das neugeborene Kalb einer anderen Gruppe tötete. Die Angreifer fraßen den Kadaver nicht, sondern ließen ihn auf den Meeresgrund sinken. Towers und sein Team vermuten, dass ihr eigentliches Interesse der Mutter galt. Stirbt deren Junges kurz nach der Geburt, ist sie innerhalb weniger Monate wieder empfängnisbereit und könnte sich mit dem mörderischen Männchen paaren. 

Ein zweites Argument gegen die Kannibalismus-Hypothese ist, dass die Bissspuren auch auf anderem Wege entstanden sein könnten. Vielleicht rissen die Rückenflossen im Kampf ab. Oder hungrige Orcas machten sich über die sterblichen Überreste ihrer Artgenossen her. "Schwertwale sind dafür bekannt, dass sie Aas verwerten, darunter auch Artgenossen, die während der Ära des kommerziellen Walfangs von Walfängern getötet wurden", räumen die Autor*innen ein. "Allerdings sinken die Kadaver frisch verstorbener Schwertwale in der Regel schnell, sodass sie für den Verzehr unzugänglich sind." Deshalb seien gezielte Attacken eine plausible Erklärung. Ob Kannibalismus der richtige Begriff dafür sei, stellen Filatova, Fedutin und Fomin jedoch in Frage. Residents und Transients seien so unterschiedlich, dass wohl eher eine Spezies Jagd auf die andere mache. 

Was den Forschenden auf jeden Fall gegen den Strich gehen dürfte, ist die Überschrift der britischen "Sun". Die Boulevardzeitung dichtet: "WALE IM KRIEG Horror-Zeichen deuten darauf hin, dass Killerwale in einen kannibalistischen Bürgerkrieg verwickelt sind." Na dann – Mahlzeit.