Auf Abwegen Warum verirren sich immer mehr Meeressäuger fernab ihrer Habitate?

Walrosse tauchen immer öfter weitab ihres eigentlichen arktischen Verbreitungsgebiets auf. Erst vor kurzem machte ein junger Walross-Bulle an der schottischen Küste von sich reden
Walrosse tauchen immer öfter weitab ihres eigentlichen arktischen Verbreitungsgebiets auf. Erst vor kurzem machte ein junger Walross-Bulle an der schottischen Küste von sich reden
© Cath Bain
Wale in Binnenmeeren und Flüssen, Walrosse in Sporthäfen: Die Zahl der Meeressäuger in ungünstigen Umgebungen steigt. Schuld daran ist auch der Klimawandel

Buckelwal "Timmy" ist kein Einzelfall: Immer mehr Wale und andere Meeressäuger verirren sich an Orte weitab ihres eigentlichen Verbreitungsgebiets. Orte, die für die Tiere potenziell gefährlich sind – und ihre Überlebenschancen sinken lassen.

Insgesamt 42 Arten von Meeressäugern waren in den vergangenen Jahren von solchen "Out of Habitat"-Ereignissen betroffen, berichtet die Meeresschutzorganisation "OceanCare" in einer aktuellen Studie. Darunter der inzwischen berühmte Buckelwal in der Ostsee, ein Walross auf den britischen Scilly-Inseln, weit südlich seines arktischen Lebensraums, ein Zwergwal in London und ein arktischer Weißwal (Beluga), ebenfalls in der Themse. In die französische Seine verirrte sich im Jahr 2022 sogar ein Schwertwal.

Für ihre im Fachjournal "Diversity" veröffentlichte Studie haben die Autorinnen und Autoren 63 Fragebögen aus sechs Kontinenten ausgewertet. Als mögliche Gründe für die Verirrung wird in den Antworten am häufigsten der Klimawandel genannt: Gestiegene Wassertemperaturen und veränderte Meeresströmungen verändern auch das Nahrungsangebot im Meer. In fremde Gewässer gelangen viele Meeressäuger einfach dadurch, dass sie ihren Beutetieren folgen.

Ein weiterer möglicher Grund kann aber auch das Anwachsen von Populationen sein. So ist die Zahl der Buckelwale seit Einstellung der Jagd von wenigen Hundert auf heute etwa 84.000 Tiere gestiegen. Je mehr Tiere es gibt, desto größer ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich außerhalb des bekannten Verbreitungsgebiets bewegen.

Lebensräume verschieben sich durch den Klimawandel

Vereinzelte Verirrungen können langfristig auch dazu führen, dass sich ganze Populationen neu bilden. So haben sich vor der Küste Perus Galápagos-Seebären – eine gefährdete Art – inzwischen in dritter Generation auf einer Insel angesiedelt, die bisher nicht zum Lebensraum der Tiere gehörte: rund 1800 Kilometer entfernt von ihrer ursprünglichen Heimat.

"Wenn Walrosse an Europas Küsten und Wale weit außerhalb ihrer Habitate auftauchen, sind das keine kuriosen Einzelfälle", sagt Mark Simmonds, Leiter Wissenschaft bei OceanCare und Mitautor der Studie. "Sie mahnen, wie stark sich die Ozeane bereits verändern." Die Studie dokumentiere, dass das Phänomen weltweit auftrete und ernst genommen werden müsse, sagt Simmonds.

Mindestens ein Drittel aller Meeressäugetierarten seien von Out-of-Habitat-Ereignissen betroffen, heißt es in der Studie. Drei Viertel (77 Prozent) der Befragten berichten zudem, dass solche Ereignisse zunehmen. Und etwas mehr als die Hälfte (55 Prozent) sind der Ansicht, dass sie eine dauerhafte Veränderung des Verbreitungsgebiets einer Art ankündigen.

Wenn Tiere durch veränderte Umweltbedingungen gezwungen seien, neue Lebensräume zu suchen, müsse die Forschung reagieren, erklärt Mitautorin Laetitia Nunny. Entscheidend sei nun, Schutz- und Reaktionsstrukturen an diese neue Realität anzupassen – um das Wohlergehen von Tieren und Menschen zu schützen.

Das Autorenteam fordert, Out-of-Habitat-Ereignisse besser in Schutzbemühungen, in Forschungs- und Rettungsstrategien einzubeziehen. Die weltweit auftretenden Fälle müssten besser erfasst, regionale Rettungsnetzwerke gestärkt werden. Zudem fordert OceanCare klare, wissenschaftlich fundierte Protokolle, nach denen im Fall von Sichtungen und Strandungen zu verfahren ist.

Die Verwirrung um den Buckelwal in der deutschen Ostsee zeigt: Ein solcher, mit Walfachleuten und Tierschützenden entwickelter Leitfaden hätte dem verirrten und geschwächten Tier wohl unnötige Leiden erspart.