AMOC Müssen wir die Beringstraße zumauern, um eine Meeresströmung zu retten?

Computer-Rendering: Erdansicht aus dem All, Beringstrasse und Alaska im Sonnenaufgang.
Im Dunkeln liegt die Beringstraße: Auch durch den Klimawandel könnte die Meerenge zwischen Asien und Nordamerika zu einer wichtigen Handelsroute werden 
 
© Anton Balazh / Zoonar.com / picture alliance
Die Atlantische Umwälzströmung AMOC wird schwächer, ihr Kollaps wäre fatal. Doch Rettung naht: ein achtzig Kilometer langer Damm, quer durch die Beringstraße. So zumindest modellierten es zwei Forscher aus Utrecht. Ist das ihr Ernst? 

Ohne AMOC wäre die Welt eine andere. In den Tropen würden sich Niederschlagsmuster verändern, an der nordamerikanischen Ostküste würde der Meeresspiegel noch rasanter steigen als ohnehin. Über Europa hingegen würde die Luft gewaltig abkühlen. Der Kontinent würde heimgesucht von harschen Winterstürmen.

Die Atlantische Umwälzströmung (Atlantic Meridional Overturning Circulation) ist ein komplexes Strömungssystem. Es transportiert warme Wassermassen durch den Nordatlantik, spült sie aus dem Golf von Mexiko bis vor die Küsten Westeuropas. Dort gibt das Strömungssystem die mitgeführte Wärme in Teilen an die Atmosphäre ab, verschafft besonders dem Norden Europas milde Temperaturen. In der Tiefe spült AMOC kaltes Wasser gen Südwesten. 

Unter dem Einfluss des Klimawandels jedoch verliert AMOC seine Kraft. Das modellieren zahlreiche Studien. Höhere Temperaturen erschweren es den warmen Wassermassen, in die Tiefe zu sinken. Schmelz- und Regenwasser verändern ihren Salzgehalt, bringen das Dichtverhältnis der Schichten durcheinander. Bereits bis 2100, so errechnete es jüngst ein Forschungsteam, könnte sich AMOC um etwa die Hälfte abschwächen. Die Strömung sei damit näher als gedacht an einem gefährlichen Kipppunkt. 

Abhilfe schaffen könnte eine gigantische Mauer in der Beringstraße: jener Meerenge, die Russland von Alaska trennt und Asien von Amerika. Zu diesem Schluss gelangen zumindest Jelle Soons und Henk Dijkstra von der Universität Utrecht. Die Klimaforscher modellierten, welche Auswirkungen ein solcher Damm hätte, der die etwa 80 Kilometer lange und durchschnittlich 50 Meter tiefe Meerenge teilen würde. Obwohl die Beringstraße Pazifik und Arktischen Ozean verbindet, wären die Folgen eines solchen Damms auch im Atlantik zu spüren.  

AMOC ist Europas "Wärmepumpe" – und gerät ins Stocken

Das liegt vor allem am veränderten Salzgehalt. Aus dem Pazifik strömt Süßwasser in den Arktischen Ozean, von dort in den Nordatlantik. Je weniger salzhaltig das Wasser rund um Grönland ist, desto geringer seine Dichte. Wassermassen, die AMOC in den Norden befördert, sinken damit schlechter in die Tiefe: Europas "Wärmepumpe" gerät ins Stocken. 

Wird die Beringstraße jedoch geschlossen, zeigen Soons und Dijkstra in ihrer jüngst im Fachmagazin "Science Advances" erschienenen Studie, steigt der Salzgehalt in der Arktis. Der Damm wäre also eine "wirksame Klimainterventionsstrategie", schreiben die Forscher: AMOC behielte seine Kraft auch bei steigenden Kohlendioxidkonzentrationen in der Atmosphäre. 

16.05.2022             Engl.: Mojib Latif, meteorologist, oceanographer, climatologist, university lecturer portrait
16.05.2022             Engl.: Mojib Latif, meteorologist, oceanographer, climatologist, university lecturer portrait
© Melina Mörsdorf / Laif
Klimarettung oder Ablenkung? Mojib Latif bezieht Stellung
© Video: RTL/ntv/GEO/stern; Foto: Melina Mörsdorf

Zugleich warnen Soons und Dijkstra: Wird der Damm zu spät gebaut, könnte er AMOC sogar bremsen. Denn das Süßwasser strömt auch in die andere Richtung: aus den Gewässern rund um Grönland durch die Beringstraße in den Pazifik. Je stärker sich die Erde erwärmt, je mehr Eisberge geschmolzen sind, je mehr Regen auch in der Arktis fällt – desto mehr Süßwasser ist dort vorhanden und würde vermehrt in den Nordatlantik fließen.

Eine Schnapsidee? Nicht ganz. Immer wieder im Verlauf der Erdgeschichte verband eine Landbrücke Asien und Nordamerika, die erst mit dem Ende der letzten Kaltzeit vor etwa 12.000 Jahren vollständig im Meer versank. Bereits frühere Studien hatten gezeigt, dass AMOC stabiler war, als die Landbrücke noch aus dem Wasser ragte: auch während des Pleistozäns, als der CO₂-Gehalt in der Atmosphäre dem heutigen ähnelte.  

Auch technisch sei ein solcher Damm umsetzbar, schreiben Soons und Dijkstra. Sie verweisen auf den gigantischen Saemangeum-Damm, der Watt vor der koreanischen Halbinsel in urbare Felder verwandelt. Zugleich, so die Forschenden, seien die Ergebnisse ihrer Studie "hauptsächlich konzeptuell" – und damit kein konkreter Handlungsvorschlag. Abgesehen von den geopolitischen Hürden – die Beringstraße trennt Russland und die USA, sie wird eine zunehmend wichtige Route für Handelsschiffe –, wäre das Megaprojekt ohnehin fragwürdig: Durch die Meerenge führen wichtige Migrationsrouten etlicher Meerestiere. Auch Soons und Dijkstra gehen von "erheblichen Auswirkungen auf regionale Ökosysteme" aus. 

Ihre Alternative, um einen Zusammenbruch von AMOC doch noch zu verhindern? Klingt beinahe altmodisch: weniger Kohlendioxid in die Atmosphäre pusten.  

mth