Große, weiße Blasen steigen aus der Tiefe empor. Bilden eine Spirale, aus der es kaum ein Entkommen gibt, einen tödlichen Trichter für Fische und Krill. Der Jäger, der diese Falle gebaut hat, ist nur wenige Flossenschläge entfernt. Das Maul weit aufgerissen, schwimmt er in Richtung Wasseroberfläche, umgeben von aufsteigenden Luftblasen – und verschlingt seine Beute.
Dass Buckelwale Blasennetze aus Atemluft nutzen, um ihre Beute zusammenzutreiben, ist schon länger bekannt. Nun hat ein Forschungsteam der schottischen Universität St. Andrews Buckelwale im Nordostpazifik beobachtet und festgestellt: Fehlt einem Wal die Fähigkeit, Blasennetze zur Jagd zu nutzen, hat er die Möglichkeit, diese Methode zu erlernen – von Artgenossen, deren Migrationsrouten durch ihre Gewässer führen.
Die Zahl der Wale, die Blasennetze nutzten, nahm zu
Über eine Zeitspanne von fast 20 Jahren hinweg analysierte das Team um die Studienleiterin Dr. Éadin O’Mahony das Verhalten der Buckelwale, die durch das Kitimat Fjord System zogen: ein Netz aus Flüssen und Landzungen im Norden der kanadischen Provinz British Columbia.
Dabei stießen sie auf ein faszinierendes Phänomen: Wale, die nie zuvor dabei beobachtet wurden, wie sie Blasennetze zur Jagd nutzten, begannen auf einmal, diese Methode anzuwenden. Nach und nach nahm die Zahl der Wale, die Blasennetze zur Jagd einsetzten, zu.
Wissensvermittlung als evolutionärer Vorteil
Die Forschenden führen dieses Phänomen auf eine soziale Verbreitung von Wissen zurück: Wale, die die Fähigkeit zunächst nicht beherrschten, schienen diese von ihren fähigen Artgenossen zu erlernen. Diese Form von Wissensvermittlung dient laut O’Mahony der Resilienz der gesamten Art: "Das Fressen mithilfe von Blasennetzen ist nicht nur eine Futterbeschaffungsmethode, sondern eine Form des Wissensaustauschs, der die Widerstandsfähigkeit der gesamten Population stärkt."
Auch der Mensch habe einen evolutionären Vorteil durch die Vermittlung von Wissen. Dass sich Buckelwale ebenfalls diese Strategie zu eigen machen, sei jedoch neu. O’Mahony verspricht sich von dieser Erkenntnis verbesserte Schutzmaßnahmen für die Tiere: "Der Schutz von Gebieten, in denen sich bestimmte erlernte Verhaltensweisen konzentrieren, könnte Naturschutzvorteile mit sich bringen, die weit über die lokalen Gewässer hinausreichen."