Genetischer Flaschenhals Buckelwal-Populationen leiden bis heute unter den Folgen der Jagd

Zwei Buckelwale schwimmen nebeneinander
Zwei Buckelwale schwimmen unter der Wasseroberfläche des Pazifischen Ozeans
© Vincent Pommeyrol / Moment RF / Getty Images
Mit mechanisierten Jagdmethoden brachten Walfänger Buckelwale vor einem Jahrhundert fast zum Aussterben. Zwar haben sich die Bestände wieder etwas erholt, doch Folgen der Jagd sind bis heute sichtbar

Um die Auswirkungen des kommerziellen Walfangs zu untersuchen, hatte das Team um Fabricio Furni von der Universität Groningen Knochenreste von insgesamt 25 Buckelwalen (Megaptera novaeangliae) analysiert: 16 moderne Proben aus der Zeit ab 1980 und 9 historische aus dem frühen 20. Jahrhundert. "Unsere Ergebnisse zeigen, dass die relativ schnelle und deutliche Dezimierung der Buckelwal-Populationen durch den Walfang erkennbare negative und dauerhafte Auswirkungen auf das Genom der Wale hatte", so Erstautor Furni.  

Die alten Knochen stammen von der Insel Südgeorgien im Südatlantik. Damals wurde die Waljagd durch dampfbetriebene Schiffe und Sprengharpunen mechanisiert - mit drastischen Folgen. Die Buckelwal-Populationen im Nordatlantik waren zu dieser Zeit bereits am Rande des Aussterbens, und viele Walfänger verlagerten ihren Fokus auf das Südpolarmeer.

Dort lebten vor der intensiven Bejagung nach Schätzungen der  Forschenden rund 67.000 Buckelwale. Binnen Jahrzehnten brach  ihre Zahl ein: Tiefpunkt war vermutlich das Jahr 1930 mit noch etwa 1.375 Tieren: ein Rückgang um über 97 Prozent.

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Erbgut auch Jahre später weniger vielfältig

Seit dem Walfangverbot ist die Zahl der dortigen Buckelwale zwar wieder gestiegen - auf etwa 22.000. Doch die Spuren der intensiven Jagd tragen die Buckelwale noch immer in ihrem Erbgut: "Insgesamt beobachteten wir eine verringerte genetische Vielfalt, einen leichten Anstieg der Inzucht und eine höhere Mutationslast für leicht schädliche Varianten in den heutigen Genomen im Vergleich zu den historischen Genomen der Buckelwale im Südpolarmeer", schreibt die Forschergruppe aus den Niederlanden, Brasilien und den USA.

Selbst kleine bis mittelschwere Mutationen könnten die Überlebenschancen der Tiere stark beeinflussen. Je weniger Vielfalt im Erbgut einer Population zu finden ist, desto schlechter kann sie sich demnach an veränderte Umweltbedingungen anpassen, zudem steigt die Gefahr von Inzucht. In der Forschung sei das Problem auch als "genetischer Flaschenhals" bekannt und betreffe nicht nur Buckelwale, sondern auch andere Tiere, schreibt das Team und verweist unter anderem auf Gorillas und Breimaulnashörner.

Kein Einzelfall in der Tierwelt

Die Folgen der intensiven Bejagung finden sich also auch noch  Generationen später im Erbgut der heutigen Tiere – obwohl der  Einschnitt bei den Walen bereits vor etwa 12 bis 14 Generationen  stattfand. Wie stark diese genetischen Veränderungen ihre Zukunft  beeinflussen, lasse sich nicht genau abschätzen, schreibt die Gruppe. 

Klar ist jedoch: Eine verringerte Anpassungsfähigkeit betrifft nicht nur  die Wale selbst. Als zentrale Akteure in marinen Ökosystemen tragen sie  zur Verteilung von Nährstoffen, zur Stabilisierung von Nahrungsnetzen  und sogar zur Speicherung von Kohlenstoff bei. Wenn ihr Bestand  gefährdet sei, könne das langfristig auch die Funktionsweise ganzer  Meeresökosysteme verändern – mit Folgen für Fischbestände,  Klimaregulation und damit letztlich auch für den Menschen.

"Auch wenn sich einige Buckelwal-Populationen nun wieder erholen, tun sie  dies wahrscheinlich mit einer verminderten Anpassungsfähigkeit an  zukünftige Bedingungen und Bedrohungen", schreibt das Team um Furni.

Franca Krull, dpa