Interview Wissen Wale, dass sie sterben?

Buckelwale kommunizieren, singen und haben eine Kultur. Vermutlich trauern sie auch um sterbende und tote Artgenossen, meint die Expertin Tamara Narganes Homfeldt 
Buckelwale kommunizieren, singen und haben eine Kultur. Vermutlich trauern sie auch um sterbende und tote Artgenossen, meint die Expertin Tamara Narganes Homfeldt 
©  Shane Gross/nature picture library / mauritius images
Das Drama um den Buckelwal in der Wismarer Bucht zeigt: Wir wissen wenig darüber, wie Wale ihr Leben beenden. Ein Interview mit der Expertin Tamara Narganes Homfeldt

GEO: Frau Narganes Homfeldt, der Fall des Buckelwals in der Wismarer Bucht sorgt seit Tagen für Aufsehen. Was ist Ihre Einschätzung – hat der Wal sich ins flache Wasser begeben, um zu sterben?

Tamara Narganes Homfeldt: Dass er dahin geschwommen ist, um zu sterben, können wir nicht sicher sagen. Aber dass er es getan hat, um sich auszuruhen, das ergibt für mich Sinn. Denn flache Gewässer sind für schwächere Wale eher sichere Gewässer. Sie wissen: Im offenen Ozean wären sie eine leichte Beute für die Jäger der Meere.

Über das Leiden des Tieres wissen wir noch wenig. Aber ist es nicht eher unüblich, dass Wale an die Küsten kommen, um zu sterben?

Ja, die meisten Wale sterben auf hoher See. Es kommt zwar vor, dass kranke Tiere angespült werden, meist sind die Tiere aber schon tot, bevor sie stranden. Wenn ein Wal zum Beispiel desorientiert ist, "falsch abgebogen" ist, dann kann es natürlich sein, dass er in flachere Gewässer kommt. Und falls er dann nicht allein zurückfindet, stirbt er eben an Ort und Stelle. Es kommt immer auf die individuellen Umstände an.

Woran leiden Wale am Ende ihres Lebens – und wie sterben sie normalerweise?

Wale sind Säugetiere – und unterscheiden sich bei den ganz grundlegenden Körperfunktionen gar nicht von uns Menschen. Woran sie am häufigsten sterben, lässt sich kaum angeben. Wir wissen von vielen Fällen menschlicher Einwirkungen, Verfangen in Fischernetzen, Kollisionen mit Schiffen, Unterwasser-Detonationen, Plastiktüten im Magen, andere sterben an Infektionen oder durch Angriffe von Räubern – oder einfach an Altersschwäche. Am Ende, davon können wir wohl ausgehen, sind sie zu schwach, um weiter an der Oberfläche zu atmen.

Und ertrinken dann?

Das ist das Wahrscheinlichste. Allerdings muss man wissen, dass Wale bewusst atmen. Sie haben keinen Atemreflex wie wir Menschen. Es könnte also sogar sein, dass sie sich am Ende ihres Lebens entscheiden, mit dem Atmen aufzuhören.

Gibt es über die letzten Momente von Walen auf hoher See Augenzeugenberichte?

Da muss ich passen, ich kenne keinen. Aber es ist natürlich auch wahnsinnig unwahrscheinlich, dass ein Mensch so etwas beobachtet. Vergangene Woche wurde davon berichtet, dass zum ersten Mal überhaupt ein Mensch die Geburt eines Pottwal-Babys beobachtet hat.

Wie viel Selbstbewusstsein haben Wale? Wissen sie, dass es mit ihnen zu Ende geht?

Es ist natürlich Spekulation, wissenschaftlich bestätigen können wir es bei Bartenwalen nicht. Ich persönlich denke aber schon, dass Wale ein Selbstbild haben und verstehen, in welcher Lage sie sich befinden. Zutrauen würde ich es ihnen auf jeden Fall.

Trauer von Müttern um ihre Kinder ist dokumentiert, etwa bei Schwertwalen. Trauern Wale auch um erwachsene Artgenossen?

Dass so etwas mal beobachtet wurde, ist mir nicht bekannt. Ich kann mir allerdings vorstellen, dass sie trauern – wenn auch nicht so, dass man es an ihrem Verhalten eindeutig ablesen kann. Vielleicht müssen wir einfach genauer hinschauen.

Jeden Tag sterben Wale, überall in den Weltmeeren. Was meinen Sie – woher kommt die menschliche Emotionalität und das riesige Interesse an dem sterbenden Wal in der Ostsee?

Zum einen sind Großwale faszinierend, und ihr Auftauchen an unseren Küsten ist etwas sehr Ungewöhnliches. Hinzu kommt, dass die Hilflosigkeit dieses Wals unseren Wunsch weckt, Anteil zu nehmen, irgendwie zu helfen, auch wenn es dafür vielleicht zu spät ist. Sicher auch deswegen, weil wir viele Gemeinsamkeiten mit Walen haben: Buckelwale sind intelligent, sie haben Gesänge, sie können kommunizieren, sie haben eine Kultur.

Tamara Narganes Homfeldt ist Koordinatorin Meeresschutz und Wissenschaft bei der Walschutzorganisation Whale and Dolphin Conservation (WDC).