Zwischen Mitleid und Empörung Warum bewegt ein Wal in der Ostsee die Menschen stärker als viele Weltkrisen?

Dem gestrandeten Buckelwal vor der Insel Poel in der Ostsee geht es unverändert schlecht
Dem gestrandeten Buckelwal vor der Insel Poel in der Ostsee geht es unverändert schlecht
© Florian Manz / Greenpeace Germany / dpa
Vor der Insel Poel stirbt ein Wal – und in Deutschland kochen die Gefühle hoch. Sein Schicksal berührt viele, einige lässt es hasserfüllt geifern. Was geschieht da gerade im Land?

Fachinstitute, Tierschutzorganisationen, Experten weltweit sind sich einig: Dem vor der Ostsee-Insel Poel liegenden Buckelwal kann nicht sinnvoll geholfen werden, es ist das Beste, ihn in Ruhe und Würde sterben zu lassen. Dennoch regt sich in sozialen Medien Zorn, einige Menschen protestieren direkt vor Ort. Auf Pappschildern ist von "unterlassener Hilfeleistung" die Rede, Helferinnen und Helfer werden bedroht. Warum passiert das?

Bei politischen Krisen hänge das Mitgefühl für die Kontrahenten von den persönlichen Ansichten ab – das Mitgefühl für den Wal hingegen sei von niemandem infrage stellbar, erklärt Roman Rusch von der Hochschule Ansbach. "Menschen sind komplex, der Wal nicht." Hinzu komme menschliches Mitverschulden an der Lage des Tieres, dem ein Fischernetz aus dem Maul hängt. "Der Mensch ist Täter - und nun tut dieser Täter nichts, das ist schwer zu ertragen."

Anders als viele andere Herausforderungen unserer Zeit zeichne sich ein vermeintlich klarer Weg ab, für den man sich starkmachen könne, sagt Jan-Philipp Stein von der TU Chemnitz. "Diese Art von Komplexitätsreduktion übt auf viele Menschen in unserer heutigen Zeit einen großen Reiz aus."

Der Fall ist ja wirklich einfach – oder?

Augenscheinlich sei der Vorfall sehr klar gestrickt, erklärt Stein. "Ein beeindruckendes und bekanntermaßen auch sehr intelligentes Lebewesen leidet, und alles, was – vermeintlich – zur Rettung erforderlich ist, ist der Transport einige Hundert Meter ins offene Meer hinaus." Der intuitive Eindruck sei, dass das mit allen Möglichkeiten heutiger Technik doch möglich sein sollte.

"Die Frage ist, was tatsächlich gut ist für das Tier", sagt Finn Viehberg, Leiter des WWF-Ostseebüros in Stralsund. Jeder weitere Rettungsversuch wäre mit mehr Qual für das Tier verbunden, nach einhelliger Einschätzung von Experten bei sehr geringen Aussichten auf Erfolg. Im vor einigen Tagen veröffentlichten Gutachten zum Zustand des rund zwölf Meter langen Wals heißt es, dass nach den vier Strandungen bei Niendorf, Wismar und vor Poel mit einer erneuten gerechnet werden müsse. Die wiederholten Strandungen wiesen auf ein ernsthaftes Gesundheitsproblem hin.

Seit dem 31. März liegt der Buckelwal in etwa 1,50 Meter Wassertiefe vor Poel. Bis zum südlichen Ende des Kattegats sind es rund 200 Kilometer und bis zum Skagerrak weitere etwa 250 - erst dann wäre das Tier wieder in den Tiefen der Nordsee und könnte weiter ins offene Meer schwimmen. "Transportmöglichkeiten für einen Wal dieser Größe existieren nicht", heißt es im Gutachten. Zudem wäre schon ein Anheben mit Schlaufen mit extremem Stress und wahrscheinlich großflächigem Abreißen der schwer geschädigten Haut verbunden.

Das Tierschutzgesetz verbiete zusätzliches Leid ohne vernünftige Erfolgsaussichten. Methoden zur Euthanasie eines Großwales in solchen flachen Gewässern gebe es derzeit nicht. Der Wal solle darum in Ruhe gelassen sterben. "Da muss man letztendlich auch die Meinung der Experten akzeptieren, wenn man merkt, dass es da tatsächlich unter denen einen Konsens gibt", so Viehberg. "Es geht nicht darum, Verantwortung zurückzuweisen", teilte Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus mit. "Alle, die sich mit dem Schicksal dieses gestrandeten Wals beschäftigen, fühlen sich verantwortlich. Die Verantwortung besteht darin, dem Tier kein Leid zuzufügen und ihm den letzten Gang so einfach wie möglich zu machen."

Es geht um Moral und Aufmerksamkeit

Stein zufolge geht es Social-Media-Usern – ohne besorgten Stimmen ihre Gutmütigkeit absprechen zu wollen – auch um sogenanntes Virtue Signalling: öffentlichkeitswirksam inszenierte Verhaltensweisen, mit denen Menschen die eigene moralische Tugendhaftigkeit zum Ausdruck bringen und zugleich die moralische Verwerflichkeit anderer abwerten wollen.Mit Beiträgen bei Social Media könne man seinem Netzwerk mit geringem Aufwand den Eindruck vermitteln, man habe sich politisch für eine Sache starkgemacht. "Wenn ich mich jetzt vehement einsetze, bekomme ich das Ansehen von Menschen mit ähnlicher Haltung", sagt Frank Schwab von der Universität Würzburg.

Der Buckelwal vor dem Timmendorfer Strand zu sehen
Ende März strandete der Buckelwal vor dem Timmendorfer Strand (hier ein Foto vom 23. März 2026)
© René Schröder / dpa

Ebenso vorhersehbar sei, dass die Ansichten und Forderungen in einer Art Entrüstungsspirale immer extremer werden. "Die Einzelnen überbieten sich und man muss mitgehen, um weiter zur Gruppe gehören zu können", so Schwab. Ähnliche Mechanismen habe es zum Beispiel auch während der Corona-Pandemie gegeben. Teils geht es auch schlichtweg um Geld: Das Umweltministerium Mecklenburg-Vorpommern warnte vor betrügerischen Aktivitäten in sozialen Medien wie vermeintlichen Spendenaktionen.

Es gibt so viele Probleme – warum ausgerechnet der Wal?

"Unser Gehirn funktioniert über Emotionen", erklärt Neurowissenschaftlerin Maren Urner. Es falle leichter, auf ein Einzelschicksal zu reagieren, gerade, wenn es als eine Art Serie mit immer neuen Cliffhängern in direkter zeitlicher und räumlicher Nähe ablaufe. "Ein klassisches Drama wie aus dem Lehrbuch", nennt auch Medienwissenschaftler Rusch das Geschehen.

Zudem neigt der Mensch Urner zufolge dazu, gerade dem Negativen und Absurden viel Aufmerksamkeit zu schenken. Zum Tragen komme ein uraltes evolutionäres Erbe: Einst konnte es den Tod bedeuten, eine negative Nachricht - etwa das Anrücken eines Säbelzahntigers - zu verpassen. Entsprechend fokussiert sei das Gehirn auf solche Botschaften. Je negativer und absurder eine Social-Media-Botschaft ist, desto besser klicke und verbreite sie sich. "Das Gehirn ist das faszinierendste, aber auch das frustrierendste Organ."

Hinzu kommt, dass ein besonderes Tier in Not ist: "Der Wal ist eine mythologische Figur, er ist friedlich, intelligent, er kümmert sich um seine Kinder", erklärt Medienpsychologe Schwab. Unsere Zuneigung zur Natur sei höchst selektiv. Herzhaft ins Fischbrötchen beißen und zugleich vehement eine Walrettung fordern - das sei für manche Menschen kein Widerspruch. "Stellen Sie sich mal vor, vor Poel würde nur ein Hai oder ein Wildschwein liegen."

Populisten springen auf

Klar ist: Mit dem Thema lässt sich gut Aufmerksamkeit bekommen. Auf solchen Aufmerksamkeitswellen mitzureiten, sei für Populisten sehr attraktiv, sagt Rusch. Dass weitere Rettungsversuche ausblieben, lasse sich als moralisches Staatsversagen darstellen. "Das ist besonders gefährlich: Der Staat wird nicht nur als korrupt, sondern auch als moralisch verdorben dargestellt." Auch Maren Urner von der FH Münster betont: "Der Wal ist hochpolitisch."

Sehr kleine Gruppe, die sehr viel Spektakel macht

"Ich habe schon mehrfach gestrandete und verendete Wale gesehen. Orcas, Grau- und Buckelwale. Das passiert in der Natur nicht selten", schreibt Sarah Connor. Würde man den Buckelwal aus dem Flachwasser ziehen, würde er sehr wahrscheinlich an anderer Stelle wieder stranden. "Ich kann ihm nicht helfen. Und wohl auch niemand anders mehr." Wer sich die Kommentare dazu ansieht, könnte meinen, Connor habe nun keine Fans mehr, nur noch Ex-Fans, die sie verachten.

Der Schein trügt, wie fast immer bei solchen aufgebauschten Debatten, betont Schwab: "Eine sehr kleine Gruppe macht sehr viel und sehr laut Spektakel." Es gebe oft die Tendenz, einzelne Stimmen als besonders verbreitet oder gar meinungsführend einzustufen, nur weil sie mit besonderer Vehemenz vorgetragen würden, sagt Medienpsychologe Stein. Menschen mit moderateren oder ausgewogeneren Sichtweisen äußerten sich in öffentlichen Diskursen häufig weniger sichtbar.

Den in einer Entrüstungsspirale rotierenden Menschen dürfte nur selten klar sein, dass diese schweigende Mehrheit existiert. "Es gibt kein Korrektiv in den Social-Media-Blasen, niemanden, der sagt: "Na so ein Quatsch"", erklärt Urner. Sie wundert sich nicht, dass sich einige Menschen so ereifern, obwohl es einen so klaren Konsens der Experten gibt. "Gerade weil es diesen Konsens gibt, entstehen Verschwörungsideen", sagt Urner. "Verschwörungsgeschichten werden mit wissenschaftlicher Skepsis verwechselt."

Hinzu kommt: "Die Wissenschaft hat ein Komplexitätsproblem", sagt Schwab. Forschungsergebnisse können fragil und vielschichtig sein, sich mit neuen Daten verändern. "Menschen mögen das nicht." Zudem böten Verschwörungsideen eine willkommene Möglichkeit, sich überlegen zu fühlen, ergänzt Stein. Insbesondere Menschen mit narzisstischen Tendenzen würden zu Verschwörungsanhängern, da dies ihnen das Gefühl gebe, vermeintlich zu ausgewählten Erkennern einer verborgenen Wahrheit zu gehören.

Was wären sinnvolle Reaktionen?

Walexperten und Tierschutzorganisationen sollten ausführlich und immer wieder darlegen, warum es für die beste Lösung gehalten wird, das Tier sterben zu lassen, meint Rusch. Dabei sei der Würdeaspekt hervorzuheben: das Tier in Frieden, ohne weitere Qualen gehen zu lassen.

Bei allem Negativen biete der Fall auch eine Chance, Menschen Naturschutz näherzubringen, meint Urner. Nicht belehrend, sondern mit Angeboten zu weiteren Informationen und der Verbindung zum eigenen Leben. "Die Hardcore-Verschwörungsleute wird man nicht erreichen", sagt Schwab. Wer lange eine Extremposition vertreten habe, gebe sie nur selten noch auf – allein schon aus psychologischem Selbstschutz. Einer großen Menge von Menschen bringe das aktuelle Geschehen aber mehr Hintergrundwissen, Interesse an der Lage der Meerestiere werde geweckt.