Rezension Wie Tiere mit ihren Verstorbenen umgehen

Buchcover "Das Schweigen der Schimpansen"
Das Buch "Das Schweigen der Schimpansen. Wie Tiere den Tod verstehen" von Susana Monsó hat 254 Seiten. Es erschien 2025 im Insel Verlag, kostet 28 Euro und ist unter anderem hier erhältlich
© Insel Verlag
Die Philosophin Susana Monsó geht in ihrem Buch der Frage nach, wie Tiere den Tod verstehen – und was wir davon lernen können

Ein achtjähriges Mädchen beschließt, Ameisen zu erforschen. Doch die Tiere halten nicht still. Für die Untersuchung unter dem Mikroskop müssten sie tot sein, aber körperlich unversehrt. Das Mädchen fängt also eine Ameise und sperrt sie in eine Glasröhre – in der Erwartung, ihr werde schon bald der Sauerstoff ausgehen. Der erhoffte Erstickungstod aber bleibt aus. Stunden später krabbelt die Ameise noch immer in der Röhre umher. Genug Zeit für die junge Forscherin, ihr Tun zu reflektieren. Sie versetzt sich schließlich in die Lage des Insekts – und erschrickt über die eigene Grausamkeit. Sie lässt die Ameise frei, wird sich als Erwachsene der Tierethik widmen und ein Buch über das Verständnis vom Tod im Tierreich schreiben.

Die Anekdote aus Susana Monsós Kindheit verweist auf einen komplexen Entwurf vom Tod, der lange als ausschließlich menschlich galt. Wir können über den Tod nachdenken, bevor er stattfindet, ihn auf unterschiedliche und flexible Art bewerten, sein Eintreten herbeiführen oder verhindern. Doch wie steht es um die Tiere?

Auch Ameisen reagieren auf den Tod, aber offenbar mechanisch. Nehmen sie den Geruch von Ölsäure wahr, der von toten Artgenossen ausgeht, tragen sie diese aus dem Nest. Wird eine lebende Ameise mit diesem Duft bestrichen, behandeln die Artgenossen sie ebenfalls wie einen Leichnam, ungeachtet ihres lebhaften Widerstands. Ein flexibles Verständnis des Todes scheint den Ameisen also zu fehlen.

Gleiches gilt längst nicht für alle Tiere: Viele reagieren kognitiv, ihr Verständnis vom Tod ist erlernt, flexibel und nicht an bestimmte Sinnesreize gebunden. Als eine Gruppe von Schimpansen sich etwa um eine verstorbene Artgenossin versammelte, verblüffte ihr Verhalten Laien wie Fachleute. Die sonst lauten und zerstreuten Tiere waren plötzlich still und fokussiert, wirkten fast andächtig. Diese Beobachtung gilt als Geburtsstunde der vergleichenden Thanatologie, einer Wissenschaft, die untersucht, wie Tiere mit dem Tod umgehen.

Wie groß die Bandbreite emotionaler und kognitiver Reaktionen auf den Tod ist, arbeitet Monsó in ihrem Buch "Das Schweigen der Schimpansen" heraus – gestützt auf Philosophie, Verhaltensforschung und anschauliche Tiergeschichten. Demnach kann der Tod Tiere ängstigen, erfreuen, erregen oder traurig stimmen. Sie töten aus Instinkt, Aggression oder Berechnung. Manche sind in der Lage, sich totzustellen.

Die geschilderten Szenen bewegen und irritieren zugleich: Eine Walmutter trägt ihr totes Kalb unter großer Anstrengung kilometerweit durch das Meer. Primatenmütter schleppen verwesende Jungen wochenlang mit sich herum, fressen sogar Leichenteile. Hunde kosten von verstorbenen Besitzern. Dass wir diese Verhaltensweisen wahlweise als rührend oder ekelhaft bewerten, legt unsere anthropozentrische Sichtweise offen.

Darin liegt Monsós zentrale Mahnung: Tiere dürfen weder vermenschlicht noch unterschätzt werden. Beides führe zu Fehlurteilen, die nicht selten in gut gemeinten, aber problematischen Interventionen münden. Als Forschende etwa einer Delfinmutter ihr bereits verwestes Jungtier abnahmen, um es an Land zu begraben, folgte das Tier dem Boot und kreiste noch Stunden später vor der Küste. Delfine sind, wie Wale und Primaten, klassische K-Strategen, die sich durch lange Lebensdauer und stabile Populationen auszeichnen. Diese Tiere haben in der Regel wenige Nachkommen und kümmern sich intensiv um jeden einzelnen. Weil sie für die erfolgreiche Fortpflanzung von entscheidender Bedeutung ist, ist die mütterliche Fürsorge hier besonders ausgeprägt. Das Tragen des Leichnams könne Müttern helfen, Stress zu regulieren. Es sei sogar möglich, dass der bei Schimpansen beobachtete Kannibalismus motiviert ist von der Liebe einer Mutter zu ihrem Baby. "Spüren wir nicht auch manchmal so einen Urtrieb, wenn wir jemanden zum Fressen gern haben?", spekuliert die Autorin.

Das Buch richtet sich an ein breites Publikum, auch an Skeptiker, die bezweifeln, dass Tiere über Geist und Verstand verfügen. Monsós Ausführungen sind schlüssig, klar strukturiert und klug erzählt – wenn auch mit einigen Wiederholungen. Gelegentlich garniert die Autorin die schwere Kost mit einer Prise Humor.

Wie Individuen – ob Mensch oder Tier – ihr eigenes Sterben begreifen, bleibt offen. Hier liegt, bei aller intellektueller Auseinandersetzung mit dem Thema, die Grenze unseres Verstehens. Am Ende bleibt die erwartbare Einsicht: Der menschliche Blick auf den Tod ist in seiner Komplexität womöglich eine Ausnahme, aber kein universeller Maßstab. Er ist eine Perspektive von vielen.

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