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Astrologie: Mythos und Macht der Sterne
Ob römischer Kaiser, deutscher Diktator oder französischer Sozialist: Vom Altertum bis zur Gegenwart mischen Hof-Astrologen und Wahrsager in der Weltpolitik mit.
Das Sternsymbol, das heute Horoskopspalten ziert, ist in der ältesten babylonischen Keilschrift das Zeichen für Gott. Als Experten für die himmlischen Sphären studieren Priester die Rhythmen und Bewegungen am Himmel und auf der Erde, protokollieren Bahnen der Himmelskörper, "erfinden" die Zeit und Methoden, sie zu messen. Um dem Himmel näher zu kommen, errichten sie "Gottesberge", hohe Tempeltürme wie jenen, den die Sumerer vor über 4000 Jahren dem Mondgott Nanna widmeten.
Viele Kultbauten früher Zivilisationen offenbaren erstaunliche Kenntnisse der Himmelsrichtungen und der Sonnenstände im Jahreslauf: die Pyramiden am Nil, die Tempel der Maya oder die Felssäulen von Stonehenge. Als sie entstehen, sind Priester gleichermaßen für Astronomie und Astrologie, Sternenkunde und Schicksalsdeutung zuständig. Ihr Versuch, die Offenbarungen der Götter aus den himmlischen Konstellationen herauszulesen, ist Zeugnis für eine Ur-Sehnsucht des Menschen: dem Universum, das ohne sein Zutun entstanden ist, Gesetz und Ordnung abzuringen und den eigenen Platz im Kosmos zu verstehen.
Das Spektrum der Sternendeutung reicht inzwischen vom Boulevard-Auftritt der Horoskop-Vierzeiler über astrologische Börsenspekulationen um die T-Aktie ("Skorpion, Aszendent Steinbock" = Ausdauer + Zähigkeit) bis zur esoterischen Debatte über den Einfluss des Neptun auf den Concorde-Absturz. Doch die Astrologie hat - bei aller gebotenen Skepsis, von der noch die Rede sein wird - Substanzielleres zu bieten. Ihre Bedeutung für die Gegenwart illustrieren zwei ganz unterschiedliche Richtun-gen. Während die Horoskop-Deutung in der psychologisch-symbolischen Variante des Westens als Typologie und Methode zur Selbstfindung dient, ist die vedische Astrologie in der Hindukultur Indiens wie in alten Zeiten unentbehrliche Entscheidungshilfe im Alltag.
Alle zwölf Jahre im Wintermonat Magh, wenn Jupiter im Widder oder im Stier steht und Sonne und Mond sich im Steinbock treffen, pilgern Hindus ins nordindische Allahabad zum Kumbh Mela, dem "Fest des Kruges". Dem Mythos zufolge fiel beim himmlischen Gerangel zwischen Göttern und Dämonen ein Tropfen des Unsterblichkeitsnektars aus dem Krug (Kumbh) auf jenen Ort, wo Ganges, Yamuna und der sagenumwobene unterirdische Fluss Sarasvati zusammenfließen. Damit das reinigende Bad am Sangam, dem Ort der Vereinigung, seine Glück verheißende Kraft voll entfalten kann, müssen die Planetengötter den richtigen Platz am Himmel besetzen. Zwölf Jahre dauert ein Umlauf des Brihaspati, des Jupiters. Und erst in 144 Jahren wird die kosmische Konstellation wieder so günstig sein wie bei der Maha Kumbh Mela, der großen Kumbh Mela, von 2001.
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