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Tempoforschung: Musik ohne Muße
Virtuosen spielen alte Kompositionen oft doppelt so schnell wie vor 200 Jahren; der Bildschnitt in Film, Fernsehen und Werbung wird auch immer rasanter. Wodurch hat sich diese Hast entwickelt?
Der "Teufelsgeiger" Niccolò Paganini (1782-1840) mochte keine lyrischen, langsamen Sätze. Kurzerhand ließ er zum Beispiel bei Werken Ludwig van Beethovens jene Partien weg, bei denen seine Zuhörer sich aus Langeweile im Konzertsaal zu unterhalten begannen. Paganini war ein herausragender Vertreter der Zunft der Virtuosen. Diese hatten erst kurz zuvor die Bühnen betreten und rasch an Bedeutung gewonnen. Nahmen im 18. Jahrhundert noch meist die Komponisten selbst die Geige in die Hand oder setzten sich ans Hammerklavier, so standen in bedeutenden Konzerten bald "Handwerker" auf dem Podium, deren Kunst und Berühmtheit oft mehr strahlen sollte als die Qualität des Musikstücks. Dabei nahm die Spielgeschwindigkeit zu, wie als Ausweis reiner Virtuosität - und sie wurde als selbstverständlich akzeptiert.
Nach Mozart verstummt die Tempo-Kritik
Noch Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) hatte sich heftig gegen die hektische Interpretation seiner Werke verwahrt ("So ... spiellen und scheissen ist bey mir einerley"). Derartige Kritik sollte in der Folgezeit fast verstummen. Autoritäten der Moderne wie der Komponist Arnold Schönberg und der Philosoph Theodor W. Adorno unterstellten der schnelleren Spielweise bei bestimmten Musikstücken sogar höhere Authentizität. Zur Begründung führten sie scheinbar objektive Belege an, wie die von Beethoven akribisch notierten enormen Geschwindigkeiten einst als "unspielbar" geltender Werke: zum Beispiel 138 halbe Noten pro Minute in seiner Hammerklaviersonate Opus 106. Das war etwa fünfmal schneller, als ein Musiker einzelne Töne bewusst und kontrolliert zu spielen vermag.
Die Anhänger des Metronoms irrten sich
Doch die Experten saßen womöglich einem Irrtum auf, wie der Musikwissenschaftler Willem Retze Talsma 1980 in einer unter Fachleuten umstrittenen These darlegte. Zwar habe Beethoven die Geschwindigkeit seiner Stücke nach Metronom-Zahlen bemessen - aber vermutlich nur die halbe Geschwindigkeit gemeint. Der Grund: Das um 1815 eingeführte Metronom war der Nachfolger eines Pendelchronometers, das nach einer Hin- und Rückbewegung des Pendels ein Glöckchen schlug, ähnlich wie ein Dirigent früher erst nach einer Auf- und Abwärtsgeste zum Taktgeben auf das Pult klopfte. So mögen manche Musiker im Metronom eine Art Pendel gesehen haben, das erst nach zwei Ausschlägen einen Taktschlag angab - obwohl es nun zweimal tickte. Wie Beethoven könnte auch Robert Schumann den Takt gezählt haben - seine Frau Clara hatte später fälschlich gemutmaßt, das Metronom ihres Gatten müsse wohl kaputt gewesen sein, als er die Geschwindigkeit notiert hatte. Ähnliches gilt vermutlich für eine ganze Reihe von Kompositionen, die im frühen 19. Jahrhundert nachträglich "metronomisiert" worden sind.
Die Musik spricht für sich
Auch wenn die Diskussion in vieler Hinsicht akademisch ist (die meisten Musiker kümmern sich wenig um Metronomzahlen und spielen nach Gefühl): Eine größere Zahl von Werken der Klassik wird heute doppelt so schnell aufgeführt wie früher. Ein eindrücklicher Beleg für Talsmas These lässt sich in Beethovens Werk selbst finden: Dort sind zahlreiche Passagen enthalten, in denen Singvogelstimmen nachgeahmt werden. Spielt man seine Stücke nur halb so schnell, entspricht die Länge eines musikalisch imitierten Nachtigallenrufs genau dem Original in der Natur.
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Kommentare zu "Tempoforschung: Musik ohne Muße"
Dem stimme ich zu. Beispiel: Beethovens Klaviersonate 5 (op.10 Nr.1) 3.Satz Finale - Prestissimo - Alla breve. Nach Mälzel ist Prestissimo 200-208 Schläge pro Minute. In diesem Falle 200 Halbe = 400 Viertel = 800 Achtel = 1600 16tel pro Minute (16tel sind als mehrtaktige Passagen im Stück zu finden). Das hieße in diesem Tempo würden ca. 26 Sechzehntel pro Sekunde zu spielen und zu hören sein .... Kommentar überflüssig. Bei dieser Geschwindigkeit ist es nicht mehr möglich, eine differenzierte Artikulation so zu spielen, dass sie auch zu hören, die aber vorhanden ist (Legato - Portato - Staccato) - und auch noch auf 8tel. So ist das Prestissimo wohl als "so schnell als möglich" aufzufassen, und zwar auf den kleinsten Notenwert (16tel) bezogen (wie damals üblich). In diesem Tempo ist das Stück mit allen Artikulationen sauber spielbar UND auch hörbar. Ich wünsche mir, dass die brillianten Klaviervirtuosen im Konzert öfter an uns Hörer denken. Musik hat nichts mit Sport zu tun
es gibt klare und unumstössliche indizien, dass die klassische musik heute (wieder) viel zu schnell gespielt wird. die gründe sind in diesem artikel klar aufgeführt. die musikerinnen haben keine zeit zum "spielen", die zuhörer keine musse zum, hören. man lese auch die thesen von sergiu celibidache und nehme sich allenfalls viel zeit zum hören seiner aufnahmen.