Japan Maren erlebte die Katastrophe in Japan

Als sich in Japan die tragische Katastrophe ereignete, bereiste Maren mit ihrer Familie gerade das ostasiatische Land. Während ihrer Schulzeit verbrachte sie ein Austauschjahr in Japan. Für GEOlino.de berichtete sie von ihren dortigen Erfahrungen und dem Leben nach dem Atomunfall in Fukushima

An dem Tag, als sich das Erdbeben in Japan ereignete, also am 11. März 2011, war ich mit meiner Familie in einem Botanischen Garten. Der ist auf einem Berg bei dem Ort Kōchi auf der Insel Shikoku angelegt. Wir waren also über 800 Kilometer südlich von Tokio, das auf der Hauptinsel Honshū liegt.

Maren erlebte die Katastrophe in Japan

Während einer Rundreise durch Japan überraschte das Erdbeben und der Tsunami Maren (rechts) und ihre Familie

Wir auf der Nachbarinsel haben das Erdbeben überhaupt nicht gespürt. Erst etwa eine Stunde nach dem Beben, merkten wir, dass etwas geschehen ist. Eine aufgeregte Japanerin stürmte aus einem Souvenirladen und fragte uns, ob wir denn das Erdbeben nicht mitbekommen hätten. Zudem berichtete sie uns, dass nun ein Tsunami erwartet wird. Als sie das erzählte, da haben wir uns erstmalig Sorgen gemacht.

Die Frau half uns, indem sie ein Taxi bestellte, da keine Busse mehr fuhren. Das öffentliche Nahverkehrssystem ist das erste, was nach einem Erdbeben in Japan lahmgelegt wird. Der Taxifahrer fuhr uns ganz ruhig nach Hause und das, obwohl genau zu der Zeit der Tsunami seinen Höhepunkt erreichte. Zwei Meter waren die Wellen hoch, das ist zwar relativ viel, aber die Stadt Kōchi ist mit hohen Mauern und Dämmen gut gerüstet, so dass es keine Überflutungen gab, selbst über Brücken konnten wir fahren.

Als wir dann zu Hause ankamen, verfolgten wir die Nachrichten, denn wir wollten wissen, was sich um uns herum ereignete. Doch das allerwichtigste für mich, war zu erfahren, wie es meiner Gastfamilie in Tokio ging. Und ich wollte sie besuchen. Vier Tage nach dem Erdbeben reiste ich dann zu ihnen. Für mich war es eine große Erleichterung zu sehen, wie sie mit der Situation umgingen.

Am Tag meiner Ankunft in Tokio war es sehr windig. Ständig haute etwas gegen die Fenster des Hauses. Meine Gastmutter wartete die ganze Zeit darauf, dass noch etwas Schlimmes passieren würde. Sie war wirklich sehr angespannt. Die Kinder in Japan, so war mein Eindruck, haben gar nicht realisiert, was sich ereignete. Ich habe eine Gastschwester, die Anfang 20 ist. Sie erzählte mir, dass sie mit anderen jungen Erwachsenen gar nicht über das Thema spricht. Auch ich traf viele junge Japaner, die überhaupt nicht über die Situation nachzudenken schienen, für die es kein Thema war. Die Leute gingen raus, feierten, versuchten den Alltag weiterlaufen zu lassen.

Maren erlebte die Katastrophe in Japan

Die Japaner versuchen den Alltag wie gewohnt weiter zu leben

Angst vor Naturgewalten

Grundsätzlich haben Japaner ein großes Vertrauen in die Technik. Doch eins beunruhigt die Japaner: Die Naturgewalten. Tokio erwartete schon seit Jahren ein großes Erdbeben, in Kōchi gab es seit 100 Jahren keinen nennenswerten Tsunami mehr. Ich habe gemerkt, dass das die Japaner nervös machte. Sie wussten im Hinterkopf, es könnte bald ein großes Unglück geben. Jetzt war es geschehen. Doch selbst nach dem schrecklichen Ereignis blieben die Japaner, zumindest in Tokio, erst einmal ruhig.

Doch dann wurde bekannt, dass aus dem Atomkraftwerk Fukushima radioaktive Strahlung austritt. Jetzt bekamen die Leute Angst, das merkte ich deutlich. Aber was sollten sie dagegen tun? Sie konnten nicht viel unternehmen. Um überhaupt etwas machen, trugen sie Masken. Weggehen, aus dem Land fortziehen, ist für viele Japaner keine Option. Man lässt seine Familie, seine Bekannten nicht im Stich. Trotz der Angst bliebt meine Gastfamilie unheimlich gelassen. Vielleicht ist es damit zu erklären, dass sie sehr gläubig sind. Ich bekam den Eindruck, dass sie in der Situation in ihrem Glauben Halt fanden. Sie vertrauen einfach darauf, dass alles wieder gut wird. Zum Glück vermeldeten die Behörden für Tokio während meines Aufenthaltes keine gefährlichen Strahlenwerte.

Über Atomenergie wird nicht gesprochen

Eine Woche nach dem Erdbeben flog ich mit meiner Familie zurück nach Deutschland, früher als geplant, da uns die Situation zu gefährlich wurde.

Nach wie vor gibt es große Einschränkungen in Japan. Besonders verursacht durch Stromausfälle. Noch immer fahren Bahnen unregelmäßig. Das spannt die Japaner an. Alles muss bei ihnen reibungslos laufen, sonst kommen sie durcheinander. Dennoch verhalten sie sich sehr ruhig, es entsteht keine Panik. Das zu sehen, beeindruckte mich.

Eins aber lässt den Japanern keine Ruhe: Das Essen. Essen zählt in Japan zu einen der wichtigsten Angelegenheiten, man ist unheimlich stolz auf die einheimische Küche. Jede Region hat zudem ihre eigenen regionalen Gerichte. Wegen der Verstrahlung nicht mehr alles anbieten zu können, verwirrt die Japaner.

Noch immer halte ich den Kontakt zu meiner Gastfamilie, telefoniere mit ihnen, spreche über die aktuellen Entwicklungen. Ein Gesprächsthema liegt mir am Herzen: Atomenergie. Ich hatte mir bei meinem letzten Telefonat fest vorgenommen, meine Gastschwester darauf anzusprechen. Doch es ist ein Thema, das in Japan vermieden wird. Daher schaffte ich es nicht, mit ihr darüber zu sprechen. Der Umgang mit Atomenergie ist scheinbar noch kein Diskussionsthema. Die Japaner waren über Jahrzehnte hinweg der festen Überzeugung, dass diese Energieform überhaupt kein Problem darstellt. Es ist schwierig, innerhalb so kurzer Zeit, die Gesellschaft eine Debatte darüber führen zu lassen. Ich hoffe stark, dass sich da etwas ändert. Ich beobachte, dass es erste kleine Schritte in die richtige Richtung gibt. Doch diese sind noch sehr klein. In dieser Hinsicht ist Japan ein langsames Volk.

Auf meine Zeit in Japan während der Katastrophe schaue ich mit gemischten Gefühlen zurück: Auch wenn mir selber nichts passiert ist, war es einerseits ganz schlimm. Andererseits bin ich unheimlich dankbar dafür, dass ich meine Gastfamilie sehen konnte. Wenn ich mir das Unglück von Deutschland aus angeschaut hätte, wäre es für mich viel schlimmer gewesen. So habe ich mit ihnen geredet, habe gesehen, dass es ihnen gut geht, dass sie alles ruhig angehen. Dieses Gefühl habe ich auf den Rückflug mitgenommen und es tat mir unheimlich gut. Jetzt hoffe ich nur, dass die Japaner tatsächlich eine Energiediskussion anfangen, damit sich die Katastrophe von Fukushima dort nie wiederholen kann.

Maren Bergschneider verbrachte als sie 16 war ein Austauschjahr in Japan und lebte bei einer Gastfamilie in Tokio. Mit ihren Eltern reiste sie im März 2011 durch Japan und wurde vom Erdbeben überrascht.

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