GEOlino Nr. 10/10 - Auf nach Amerika Seite 1 von 1
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Text von Sina Löschke

Hoffnung für die Schildkröten

Aus dem Bohrloch im Golf von Mexiko sprudelt seit Mitte Juli kein Erdöl mehr. 650 Millionen Liter sind in den Monaten zuvor ins Meer geflossen. Und bedrohen zum Beispiel Zehntausende Meeresschildkröten. Um den Nachwuchs zu retten, wagen Helfer ein Experiment


 (Foto von: Paul Souders/Corbis)
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Die Gewitterwolken über den Dünen von Santa Rosa Island verheißen nichts Gutes. Erste Windböen fegen über den Strand der zu Florida gehörenden Insel im Golf von Mexiko. Sie rütteln an dem Pavillon, den Rick Clark und sein Team als Sonnenschutz aufgestellt haben. Er soll Schatten spenden für die empfindlichen Eier, die seit etwa sieben Wochen an dieser Stelle im Sand vergraben liegen. Anstelle der Abendsonne aber fürchten die Biologen des US-amerikanischen Nationalpark-Services (NPS) nun Regen und Sturm. Beides könnte dem Gelege gefährlich werden – und somit verhindern, dass den Biologen in Florida eine einmalige Rettungsaktion gelingt: Sie wollen zum ersten Mal frisch geschlüpfte Meeresschildkröten vor dem Tod im ölverseuchten Meer bewahren.

An diesem Gewitter-Freitag im Juli ist es genau 92 Tage her, dass die Ölbohrplattform „Deepwater Horizon“ im Golf von Mexiko versunken ist. Unvorstellbare 650 Millionen Liter Erdöl sind seitdem in das Meer gesprudelt, mitten hinein in die Kinderstube von fünf der sieben Meeresschildkröten- Arten, die es weltweit gibt. Allein an den Stränden des Gulf-Islands- Nationalparks, zu dem Santa Rosa Island gehört, kriechen in jedem Sommer Tausende „Schlüpflinge“ aus dem Ei, darunter Grüne Meeresschildkröten, Lederschildkröten, Unechte Karettschildkröten und der Nachwuchs der Atlantik- Bastardschildkröte. Sie gilt als seltenste Art der Welt.


Den Pavillon haben die
Experten aufgestellt,
um die
empfindlichen Eier vor Sonnenstrahlen
zu schützen (Foto von: NPS)
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Den Pavillon haben die Experten aufgestellt, um die empfindlichen Eier vor Sonnenstrahlen zu schützen

Wohin die Jungen schwimmen, nachdem sie das Meer erreicht haben, wissen die Biologen allerdings nicht genau. Bekannt ist nur so viel: Die Winzlinge fressen in ihren ersten zwei Lebensjahren am liebsten Sargassum-Braunalgen, die in riesigen Teppichen im Golf von Mexiko treiben. Im Schutz des Seetangs fühlen sich die kleinen Schildkröten wie im Schlaraffenland.

In diesem Sommer aber haben sich viele der Algenteppiche in eine tödliche Falle verwandelt. „Die Jungtiere schwimmen genau dorthin, wo auch das Öl ist, zu den Sargassum-Algen“, sagt Patricia Behnke von der Florida Fish und Wildlife Conservation Commission, jener Behörde, die sich in Florida um die Belange der Fische und Wildtiere kümmert. Der Seetang hat das Öl stellenweise wie ein Schwamm aufgesogen und hält es fest. Die Wissenschaftler befürchten deshalb Schlimmes: Die meisten der rund 50 000 Schlüpflinge, die in diesem Jahr an den Küsten Alabamas und Nordwest-Floridas das Licht der Welt erblicken, könnten im ölverdreckten Meer sterben. Es sei denn, der Mensch hilft.


Die Schale der
Eier ist kaum dicker als Pergamentpapier
und dellt sich, als die Experten sie einzeln
aus der Grube nehmen (Foto von: FWC)
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Die Schale der Eier ist kaum dicker als Pergamentpapier und dellt sich, als die Experten sie einzeln aus der Grube nehmen

Wie die einzig mögliche Hilfe aussieht, demonstrieren Rick Clark und sein Team auf Santa Rosa Island. Die Männer und Frauen knien unter dem Sonnenschutz am Strand, streifen sich dünne Latexhandschuhe über und schieben mit den Händen vorsichtig den Sand beiseite. In etwa 30 Zentimeter Tiefe kommen sie zum Vorschein – die nur tischtennisballgroßen Eier einer Atlantik- Bastardschildkröte. Ihre Schale fühlt sich kaum dicker an als Butterbrotpapier. Jede noch so kleine Erschütterung könnte die Eihaut unter der Schale reißen lassen und das Junge umbringen.


 (Foto von: NASA)
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Mit äußerster Vorsicht heben die Biologen die Eier einzeln aus der Grube und setzen sie in Boxen aus Styropor, die zuvor eine Handbreit mit feuchtem Sand gefüllt wurden. Sitzt jedes Ei richtig herum in der Kiste, füllen die Ausgräber eine zweite Schicht Sand darüber, heften ein Schild mit Angaben über den Legeplatz, die Zahl der Eier und die Schildkröten-Art an die Box und tragen sie behutsam zu einem Umzugswagen der Extraklasse. Denn den Eiern steht nun eine lange Reise bevor.

Im Spezialtransporter mit Klimaanlage, „unplattbaren“ Reifen und gefederten Boxen-Halterungen geht es von Santa Rosa Island etwa 700 Kilometer weit an die Ostküste Floridas. Genauer gesagt auf das Gelände des Kennedy Space Centers. Dort, in Sichtweite der Space-Shuttle-Startrampen, nehmen die Biologin Jane Provancha und ihr Team die Schildkröten- Boxen in Empfang. Sie bringen die Eier in ein Lagerhaus. Tag und Nacht kontrollieren die Tierschützer die Boxen. Regt sich schon etwas in den Eiern? Laut Zeitplan dürfte es nach dem Umzug nicht länger als zehn Tage dauern, bis die Kleinen schlüpfen.


Auf ins Leben: Biologin
Jane Provancha und eine
Kollegin setzen die Schildkrötenjungen
am Strand
des Atlantischen Ozeans
in die Brandung (Foto von: NASA)
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Auf ins Leben: Biologin Jane Provancha und eine Kollegin setzen die Schildkrötenjungen am Strand des Atlantischen Ozeans in die Brandung

In freier Natur buddeln sich die jungen Schildkröten nachts aus ihren Sandnestern. Bei Dunkelheit laufen sie nicht Gefahr, von Möwen, Waschbären und anderen hungrigen Strandbewohnern entdeckt zu werden. Das Team um Jane Provancha verfährt ebenso. Sowie die Jungtiere in den Boxen ihre Köpfe aus dem Sand stecken, fahren die Tierschützer noch in der gleichen oder der darauffolgenden Nacht an den Atlantikstrand und setzen die Winzlinge in der Brandung aus. Kaum eine Taschenlampe darf dabei leuchten. „Künstliches Licht würde die Jungen vom Weg abbringen, denn ihr Instinkt sagt ihnen, steuere den hellsten Punkt am Strand an. Und das ist immer das Meer“, erzählt Patricia Behnke.


 (Foto von: NASA)
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Ob die Schildkröten aus dem Golf von Mexiko in ihrer neuen Heimat überleben werden? Die Wissenschaftler haben Grund zur Hoffnung. An der Atlantikküste Floridas leben seit Jahrhunderten Unechte Karettschildkröten. Zudem haben die Biologen schon so manche Atlantik-Bastardschildkröte in den Gewässern vor der Ostküste beobachtet. Die Tiere aus dem Golf lassen sich vermutlich von Meeresströmungen in den Atlantischen Ozean tragen.

Trotz alledem überlegen die Wissenschaftler bei jedem Nest aufs Neue, ob sie den Umzug wirklich wagen sollen. Patricia Behnke: „Unter normalen Umständen hätten wir so etwas niemals getan. Auf diese Weise aber geben wir den jungen Schildkröten wenigstens den Hauch einer Chance.“


PS: Nach Redaktionsschluss erreichte uns die Meldung, dass die Umzugsaktion eingestellt wurde. Biologen hatten im Golf genügend ölfreie Algenteppiche gefunden. Bis zum 9. September 2010 waren 278 Nester ausgegraben und 14 659 Schildkrötenjunge am Atlantischen Ozean ausgesetzt worden.


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