Hauptspalte:
Hoffnung für die Schildkröten
Aus dem Bohrloch im Golf von Mexiko sprudelt seit Mitte Juli kein Erdöl mehr. 650 Millionen Liter sind in den Monaten zuvor ins Meer geflossen. Und bedrohen zum Beispiel Zehntausende Meeresschildkröten. Um den Nachwuchs zu retten, wagen Helfer ein Experiment
Die Gewitterwolken über den Dünen von Santa
Rosa Island verheißen nichts Gutes. Erste Windböen fegen über den Strand der zu Florida gehörenden Insel im Golf von Mexiko. Sie rütteln an dem Pavillon,
den Rick Clark und sein Team als Sonnenschutz aufgestellt haben. Er soll Schatten spenden
für die empfindlichen Eier, die seit etwa sieben Wochen an dieser Stelle im Sand vergraben liegen. Anstelle der Abendsonne aber fürchten die Biologen des US-amerikanischen Nationalpark-Services (NPS) nun Regen und Sturm. Beides könnte dem Gelege
gefährlich werden – und somit
verhindern,
dass den Biologen in
Florida eine einmalige Rettungsaktion
gelingt: Sie wollen zum ersten
Mal frisch geschlüpfte Meeresschildkröten
vor dem Tod im
ölverseuchten Meer bewahren.
An diesem Gewitter-Freitag im
Juli ist es genau 92 Tage her, dass
die Ölbohrplattform „Deepwater
Horizon“ im Golf von Mexiko versunken
ist. Unvorstellbare 650 Millionen
Liter Erdöl sind seitdem in
das Meer gesprudelt, mitten hinein
in die Kinderstube von fünf der sieben Meeresschildkröten-
Arten, die es weltweit gibt. Allein
an den Stränden des Gulf-Islands-
Nationalparks, zu dem Santa Rosa
Island gehört, kriechen in jedem
Sommer Tausende „Schlüpflinge“
aus dem Ei, darunter Grüne Meeresschildkröten,
Lederschildkröten,
Unechte Karettschildkröten
und der Nachwuchs der Atlantik-
Bastardschildkröte. Sie gilt als seltenste
Art der Welt.
Wohin die Jungen
schwimmen,
nachdem
sie das Meer erreicht
haben, wissen die Biologen allerdings
nicht genau. Bekannt ist nur
so viel: Die Winzlinge fressen in
ihren ersten zwei Lebensjahren am
liebsten Sargassum-Braunalgen,
die in riesigen Teppichen im Golf
von Mexiko treiben. Im Schutz
des Seetangs fühlen sich die kleinen
Schildkröten wie im Schlaraffenland.
In diesem Sommer aber haben sich viele der Algenteppiche in eine tödliche Falle verwandelt. „Die Jungtiere schwimmen genau dorthin, wo auch das Öl ist, zu den Sargassum-Algen“, sagt Patricia Behnke von der Florida Fish und Wildlife Conservation Commission, jener Behörde, die sich in Florida um die Belange der Fische und Wildtiere kümmert. Der Seetang hat das Öl stellenweise wie ein Schwamm aufgesogen und hält es fest. Die Wissenschaftler befürchten deshalb Schlimmes: Die meisten der rund 50 000 Schlüpflinge, die in diesem Jahr an den Küsten Alabamas und Nordwest-Floridas das Licht der Welt erblicken, könnten im ölverdreckten Meer sterben. Es sei denn, der Mensch hilft.
Wie die einzig mögliche Hilfe aussieht, demonstrieren Rick Clark und sein Team auf Santa Rosa Island. Die Männer und Frauen knien unter dem Sonnenschutz am Strand, streifen sich dünne Latexhandschuhe über und schieben mit den Händen vorsichtig den Sand beiseite. In etwa 30 Zentimeter Tiefe kommen sie zum Vorschein – die nur tischtennisballgroßen Eier einer Atlantik- Bastardschildkröte. Ihre Schale fühlt sich kaum dicker an als Butterbrotpapier. Jede noch so kleine Erschütterung könnte die Eihaut unter der Schale reißen lassen und das Junge umbringen.
Mit äußerster Vorsicht
heben die Biologen die
Eier einzeln aus der
Grube und setzen sie in Boxen aus
Styropor, die zuvor eine Handbreit
mit feuchtem Sand gefüllt wurden.
Sitzt jedes Ei richtig herum
in der Kiste, füllen die Ausgräber
eine zweite Schicht Sand darüber,
heften ein Schild mit Angaben
über den Legeplatz, die Zahl der
Eier und die Schildkröten-Art an
die Box und tragen sie behutsam
zu einem Umzugswagen der Extraklasse.
Denn den Eiern steht
nun eine lange Reise bevor.
Im Spezialtransporter mit Klimaanlage,
„unplattbaren“ Reifen
und gefederten Boxen-Halterungen
geht es von Santa Rosa Island
etwa 700 Kilometer weit an die
Ostküste
Floridas. Genauer gesagt
auf das Gelände des Kennedy
Space Centers. Dort, in Sichtweite
der Space-Shuttle-Startrampen,
nehmen die Biologin Jane Provancha
und ihr Team die Schildkröten-
Boxen in Empfang. Sie
bringen
die Eier in ein Lagerhaus.
Tag und Nacht kontrollieren
die
Tierschützer die Boxen. Regt sich
schon etwas in den Eiern? Laut
Zeitplan dürfte es nach dem Umzug
nicht länger als zehn Tage dauern,
bis die Kleinen schlüpfen.
In freier Natur buddeln sich die jungen Schildkröten nachts aus ihren Sandnestern. Bei Dunkelheit laufen sie nicht Gefahr, von Möwen, Waschbären und anderen hungrigen Strandbewohnern entdeckt zu werden. Das Team um Jane Provancha verfährt ebenso. Sowie die Jungtiere in den Boxen ihre Köpfe aus dem Sand stecken, fahren die Tierschützer noch in der gleichen oder der darauffolgenden Nacht an den Atlantikstrand und setzen die Winzlinge in der Brandung aus. Kaum eine Taschenlampe darf dabei leuchten. „Künstliches Licht würde die Jungen vom Weg abbringen, denn ihr Instinkt sagt ihnen, steuere den hellsten Punkt am Strand an. Und das ist immer das Meer“, erzählt Patricia Behnke.
Ob die Schildkröten aus dem
Golf von Mexiko in ihrer neuen
Heimat
überleben werden? Die
Wissenschaftler haben Grund zur
Hoffnung. An der Atlantikküste
Floridas
leben seit Jahrhunderten
Unechte Karettschildkröten. Zudem
haben die Biologen schon so
manche Atlantik-Bastardschildkröte
in den Gewässern vor der
Ostküste beobachtet.
Die Tiere
aus dem Golf lassen sich vermutlich
von Meeresströmungen
in
den Atlantischen
Ozean tragen.
Trotz alledem überlegen die Wissenschaftler bei jedem Nest aufs Neue, ob sie den Umzug wirklich wagen sollen. Patricia Behnke: „Unter normalen Umständen hätten wir so etwas niemals getan. Auf diese Weise aber geben wir den jungen Schildkröten wenigstens den Hauch einer Chance.“
PS: Nach Redaktionsschluss erreichte uns die Meldung, dass die Umzugsaktion eingestellt wurde. Biologen hatten im Golf genügend ölfreie Algenteppiche gefunden. Bis zum 9. September 2010 waren 278 Nester ausgegraben und 14 659 Schildkrötenjunge am Atlantischen Ozean ausgesetzt worden.
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