Am liebsten spielt Dennis zu Hause "Star Wars". Dann baut er Logo-Raumschiffe zusammen und lässt sie durch das kleine Zimmer fliegen, in dem er und seine Mutter schlafen. Unter seinem Hochbett wartet eine ganze Flotte auf ihren Einsatz, die Werkstatt breitet sich vor dem Schlafsofa der Mutter aus. Jeden Flügel steckt er selbst zusammen. Das Geld für die Raumschiffe aber kommt vom Staat.
Viele Menschen brauchen Unterstützung
Dennis ist acht und lebt mit seiner Mutter in einer Zweizimmerwohnung in Hamburg. Auch die zahlt der Staat. Denn seine Mutter erhält jeden Monat Arbeitslosengeld. Sie arbeitet zwar ab und zu in einer Kantine, aber dort verdient sie zu wenig, um davon zu leben. Also bekommt sie neben der Miete monatlich 439 Euro Unterstützung, dazu einen Zuschuss für den Hort, in dem der Junge mittags isst. Ferienreisen oder teure Turnschuhe sind nicht drin, aber Dennis und seine Mutter können ganz gut leben – und neue Raumschiffe gibt’s auch manchmal. So wie Dennis’ Mutter erhalten zurzeit mehr als 4,5 Millionen Menschen in Deutschland Arbeitslosengeld. Unser Land ist nämlich ein Sozialstaat. Das bedeutet: Diejenigen, die sich nicht selbst helfen können, bekommen staatliche Unterstützung. Niemand soll hungern, frieren oder obdachlos sein.
Bismarck und der Sozialstaat
Im 19. Jahrhundert änderte
sich das Leben in Europa schlagartig. Fabriken entstanden, qualmende Schornsteine und
zischende Dampfmaschinen verwandelten ganze Landstriche in Industriegebiete. Hunderttausende Arbeiter schufteten
in Fabriken, oft unter miserablen Bedingungen. Hatte einer einen Unfall, war zu alt oder
zu schwach für die Arbeit, stand er vor dem Nichts. Die Familie musste betteln.
Wie konnte man die Not lindern und verhindern, dass in Deutschland ganze Heerscharen von Elenden umherzogen? Der Reichskanzler Otto von Bismarck hatte eine Idee: Zwischen 1883 und 1889 führte er die ersten so genannten Sozialversicherungen ein. So etwas hatte es bis dahin in keinem Land der Welt gegeben! Von nun an mussten alle, die Arbeit hatten, einen Teil ihres Lohns dem Staat geben. Wenn sie dann nicht arbeiten konnten (wegen Krankheit, Alter, Unfall und später auch Arbeitslosigkeit), bekamen sie Geld von den staatlichen Versicherungen – und mussten nicht betteln.
Bismarcks "Erfindung" ist der Anfang des so genannten Sozialstaats, einer Gemeinschaft also, die sich um die Armen und Bedürftigen kümmert. Die Prinzipien existieren bis heute.
Aber der Staat, also der Bund, die Bundesländer und die Gemeinden, sorgen nicht nur für Einzelne – er erledigt auch Aufgaben, die für alle Menschen in Deutschland wichtig sind. Straßen und Schulen bauen etwa, Krankenhäuser oder Kindergärten in Schuss halten, Universitäten und Bibliotheken finanzieren. Außerdem werden viele Menschen bezahlt, die für die Gemeinschaft arbeiten: Polizisten, Feuerwehrleute, Soldaten, Müllmänner oder Sozialarbeiter.
Auch Schulbildung kostet Geld
Sogar eure Bildung zahlt der Staat: Für jedes Schulkind gibt er umgerechnet 4900 Euro im Jahr aus. Das gilt auch für Dennis, der in die dritte Klasse geht. Lehrer, Schulgebäude, Tische, Hausmeister und Kreide kosten eben. Doch nur so wird sichergestellt, dass jedes Kind eine gute Schulbildung bekommt – ganz egal, ob es arme oder reiche Eltern hat.
Insgesamt gibt unser Staat so jedes Jahr rund eine Billion Euro (eine Eins mit zwölf Nullen) für gemeinschaftliche Aufgaben aus. Woher dieses Geld kommt? Von den Menschen, die in Deutschland leben und arbeiten: Sie zahlen Abgaben und Steuern.
Steuern
Eine uralte Erfindung! Schon die Ägypter mussten den Pharaonen einen Teil ihrer Ernte geben oder beim Pyramidenbau helfen. Auch die alten Römer wurden zur Kasse gebeten; der römische Kaiser Vespasian forderte sogar eine "Pinkelsteuer" für jeden Gang auf eine öffentliche Toilette! Im Mittelalter waren es hierzulande vor allem die Bauern, die den adligen Herren Steuern zahlen mussten, oft in Form von Getreide oder Wein. Ein ungerechtes System, bei dem die Reichen meist nichts bezahlen mussten, die Armen aber rücksichtslos ausgequetscht wurden.
Heute geht es nicht mehr um Herkunft und Stand – in Deutschland muss jeder Steuern zahlen: jeder Mensch und jedes Unternehmen. Dafür haben sich Experten fast 40 Steuerarten ausgedacht – von der Hunde- über die Kino- bis zur Kaffeesteuer. Eine der wichtigsten ist die Mehrwertsteuer. Die zahlen sogar Kinder – denn sie wird immer dann fällig, wenn jemand etwas kauft. Egal, ob Schokolade oder ein GEOlino-Heft, ein Teil des Geldes fließt in die allgemeine Kasse. Wenn Dennis für Raumschiff-Bausteine 5,80 Euro bezahlt, behält der Ladenbesitzer davon nur 5 Euro – 80 Cent bekommt der Staat. Auf diese Weise kommen knapp 140 Milliarden Euro im Jahr zusammen. Genug, um davon alle Schulen, Universitäten, Krankenhäuser, Theater, die Straßen, die Bundeswehr und die Polizei zu bezahlen.
Die wichtigste Einnahmequelle für den Staat ist jedoch die Einkommensteuer: Jeder, der durch seine Arbeit Geld verdient, muss einen bestimmten Anteil an das Finanzamt zahlen. Außerdem sind Abgaben an die so genannten Sozialversicherungen fällig. Arbeitnehmer und Arbeitgeber zahlen zum Beispiel in eine Kasse, aus der Rentner ihre Unterstützung bekommen.
Auch der Staat muss sparen
So kommt insgesamt also ein Riesenbatzen Geld zusammen – doch leider wird in Deutschland seit Jahrzehnten mehr ausgegeben als eingenommen. Der Staat sitzt auf einem Schuldenberg von über 1,4 Billionen Euro! Umgerechnet auf die deutschen Bürger hieße das: Jeder, vom Neugeborenen bis zum Greis, hat über 17500 Euro Schulden. Damit das nicht so weitergeht, fordern viele, der Staat solle sparen. Aber wo? Lieber weniger Straßen bauen – oder weniger Schulen reparieren? Eher weniger Forschung betreiben – oder beim Naturschutz sparen? Eine schwierige Angelegenheit!
Kritiker sagen: Der Staat muss vor allem aufhören, Steuergelder zu verschwenden! Fachleute schätzen, dass jährlich über 30 Milliarden Euro sinnlos verschleudert werden – durch schlechte Planung, fehlende Kontrolle und auch Betrug. In Hamburg etwa sollen mindestens elf Schulen geschlossen werden, weil es zu wenige Schüler gibt. Ein Teil der Schulgebäude aber wurde von der vorherigen Regierung in den vergangenen Jahren für 14 Millionen Euro renoviert – obwohl man da schon hätte wissen können, dass nicht genügend Kinder "nachkommen"!
Mit dem Geld hätte man mit Sicherheit Besseres anfangen können. Mehr schöne Spielplätze bauen, Parks pflegen, Armen helfen. Dann hätten wir alle was davon – auch Dennis mit seinen Raumschiffen.
Der Staat braucht Geld...
...für Kinder
Kein Mädchen oder
Junge soll hungern oder
obdachlos sein, alle sollen
eine gute Bildung bekommen! Dafür lässt der Staat
Schulen bauen, bezahlt
den Unterricht und
unterstützt Familien,
wenn Vater oder Mutter
arbeitslos sind
... für Job-Center
In Deutschland sind etwa 4,6 Millionen
Menschen ohne Arbeit – und haben deshalb
kein eigenes Einkommen. In so genannten "Job-Centern" müssen sie sich regelmäßig
erkundigen, ob es freie Stellen für sie gibt
...für Sozialarbeit
Ein Obdachloser in Hamburg
bittet um Almosen – leider auch in einem reichen Land wie Deutschland keine Seltenheit. Der Staat hilft mit Notunterkünften
und stellt Sozialarbeiter ein, die sich um Menschen auf der
Straße kümmern
... für Studenten
Rund zwei Millionen
Studentinnen und Studenten gibt es an deutschen Universitäten. Für das Studium
müssen sie nicht viel bezahlen. Allein die Bundesregierung gibt in diesem Jahr knapp
10 Milliarden Euro für Bildung und Forschung aus
...für Arbeitslose
Unterstützung aus dem
Automaten: Ein Mann holt sich sein Arbeitslosengeld. Das steht jedem zu, der vorher einen Job hatte und Beiträge zur Arbeitslosenversicherung gezahlt hat. Verliert er seine Stelle,
unterstützt ihn die Versicherung für eine bestimmte Zeit
...für den Wohnungsbau
Nicht jeder kann sich
ein eigenes Haus oder viel
Geld für die Miete leisten.
Deshalb gibt es in Deutschland
1,8 Millionen Sozialwohnungen, wie hier in Hamburg: Sie wurden größtenteils mit staatlichem Geld gebaut und haben deshalb niedrige Mieten
…für die Feuerwehr
Retten, bergen, löschen –
das sind die Hauptaufgaben der Feuerwehr. In Deutschland sind rund 27000 Berufsfeuerwehrleute im Einsatz.
Ein wichtiger Dienst für
die Allgemeinheit
...für den Straßenbau
Neu anlegen, pflegen,
ausbauen: In unserem Land gibt es insgesamt 230800
Kilometer Straßen. Vom kleinen Landweg bis zu riesigen Autobahnen. Bund, Länder
und Gemeinden teilen sich die
Kosten für das Wegenetz
...für Zivilschutz
und Polizei Helfer im Einsatz: Das Technische Hilfswerk (THW) ist sofort zur Stelle, wenn etwa Hochwasser, Stürme
oder Erdbeben das öffentliche Leben lahm legen. Die Polizei sorgt für
die Sicherheit der Bürger
...für Familien
Damit Familien besser über
die Runden kommen, werden Eltern und Alleinerziehende vom Staat unterstützt. Sie müssen weniger Steuern bezahlen, und die meisten bekommen
Kindergeld: Für das erste, zweite und dritte Kind gibt es jeweils 154 Euro pro Monat