Louis Braille: Der Junge, der die Blindenschrift erfand

Lesen? Für Menschen, die nichts sehen können, ist das lange Zeit undenkbar! Doch ein blinder Junge aus einem französischen Dorf will sich Anfang des 19. Jahrhunderts nicht mit seinem Schicksal abfinden: Louis Braille entwickelt die Brailleschrift - eine Blindenschrift, die heute auf der ganzen Welt benutzt wird
Louis Braille

Auf den Punkt gebracht: Jahrelang tüftelt Louis Braille an seiner Blindenschrift. Der Durchbruch gelingt ihm in den Sommerferien 1824 – in der Werkstatt seines Vaters

Der Geruch! Das glatte Leder! Die vielen Werkzeuge! Louis Braille liebt die Sattlerwerkstatt seines Vaters im nordfranzösischen Dörfchen Coupvray. Obwohl es ihm verboten ist, schleicht sich der Dreijährige an einem Tag im Sommer 1812 in den Raum, um dort zu spielen. Dabei geschieht das Unglück: Louis versucht, wahrscheinlich mit einer Ahle, einer dicken Nadel, Löcher in ein Lederstück zu stanzen. Doch er rutscht ab und rammt sich den spitzen Metallstift ins Auge. Blutüberströmt und schreiend vor Schmerzen finden ihn seine Eltern. Eine zu Hilfe gerufene Nachbarin bringt Lilienwasser herbei und versorgt die Verletzung mit kalten Umschlägen.

Aber es nützt alles nichts: Das verletzte Auge entzündet sich so schlimm, dass Louis Braille bald darauf nur noch auf dem anderen sehen kann – bis die Infektion auch dieses befällt! Ein Schleier trübt nun die Sicht des Jungen, im Lauf der Zeit wird er immer dunkler. Zwei Jahre nach dem Unfall ist Louis Braille schließlich komplett erblindet.

Louis Braille führt ein fast normales Leben

Anfang des 19. Jahrhunderts enden blinde Menschen in der Regel als Bettler oder auf Jahrmärkten, wo sie zur Belustigung der Sehenden tanzen und Wettläufe austragen. Doch Louis Brailles Vater gibt seinen Sohn nicht auf. Er schnitzt ihm einen Blindenstock, mit dessen Hilfe sich der Junge allein im Dorf zurechtfindet. Außerdem lehrt er seinem Sohn mit auf Holz geschlagenen Nägeln die Buchstaben.

Zu Hause wird Louis ganz normal behandelt. Trotz seiner Behinderung muss er den Tisch decken und seinem Vater bei der Arbeit in der Werkstatt zur Hand gehen. Ab dem Jahr 1816 besucht Louis sogar die Dorfschule, wo er mit guten Leistungen glänzt – obwohl er als einziger Schüler nicht sehen kann, was der Lehrer an die Tafel schreibt.

Mit zehn Jahren darf Louis Braille an das Königliche Institut für junge Blinde im 25 Kilometer entfernten Paris wechseln, eine der ersten Blindenschulen der Welt. Was für eine Ehre! In der Bibliothek des Instituts stehen bereits einige Bücher in einer speziellen Tastschrift. Valentin Haüy, der Gründer der Schule, hat sie entwickelt: Mithilfe von Bleiklötzchen prägt er die Buchstaben der normalen Schrift in dickes Papier. So lassen sie sich mit den Fingerspitzen erfühlen.

Doch die Bücher, die so für Blinde „übersetzt“ werden, sind nicht nur aufwendig herzustellen und deshalb rar. Weil das Papier dick ist und die Prägeschrift viel Platz benötigt, sind sie auch unhandlich und schwer. Viele Kinder haben außerdem große Mühe, die Buchstaben zu ertasten. Die Schüler lernen in dem Internatsgebäude an der Rue Saint-Victor daher vor allem durch die „Papageienmethode“: zuhören und wiederholen. Louis Braille hat trotzdem viel Freude am Unterricht und vergisst sein anfängliches Heimweh.

Von Punkten und Zeichen: Die Blindenschrift

An der Blindenschule lernt er auch die sogenannte Nachtschrift von Charles Barbier kennen. Der Offizier der französischen Armee hat sie ursprünglich erfunden, um nachts laut- und lichtlos Befehle wie „vorwärts“ oder „Rückzug“ zu übermitteln. Die Nachtschrift besteht aus einem komplizierten System von Punkten, die in Karton gestanzt werden und für bestimmte Laute stehen.

Die meisten Schüler finden das Prinzip viel zu umständlich, nur Louis Braille ist begeistert: Punkte als Buchstaben – das scheint ihm die perfekte Idee für eine leicht lesbare Blindenschrift zu sein! Unermüdlich tüftelt, knobelt und experimentiert er fortan, um Charles Barbiers Nachtschrift zu vereinfachen. Weil er tagsüber nicht die Schule vernachlässigen will, brütet Louis Braille meist in den späten Abendstunden über den Schriftzeichen. Oft schläft er nicht mehr als zwei Stunden.

Die "Brailleschrift" wird ein Erfolg

Der entscheidende Einfall kommt ihm in den Sommerferien 1824. Wieder sitzt Louis – mittlerweile 15 Jahre alt – in der Werkstatt seines Vaters, wieder greift er zur Ahle. Mit der dicken Nadel drückt er Punkte ins Leder, angeordnet wie die „6“ auf einem Würfel. Das ist es! Louis jubelt!

Je nachdem, welche und wie viele der Punkte hervorgehoben sind, lassen sich mit seinem System insgesamt 63 verschiedene Zeichen darstellen: Buchstaben, Zahlen, Satzzeichen oder mathematische Symbole, später kommen auch Musiknoten dazu.

Seine Lehrer und Mitschüler sind begeistert, als Louis ihnen das System nach den Ferien vorstellt. So können Blinde viel leichter mit ihren Fingern lesen! Es dauert nicht lange, bis es die ersten Bücher in Punktschrift gibt. Louis wird derweil zum Hilfs- und später zum vollwertigen Lehrer ernannt.

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Louis Braille und sein Kampf um Anerkennung

Dass seine Schrift trotzdem beinahe in Vergessenheit gerät, liegt an Pierre-Armand Dufau. Der wird im Jahr 1840 Direktor des Pariser Blindeninstituts und verbietet die Punktschrift kurzerhand. Er möchte nicht, dass blinde Menschen eigene Zeichen benutzen, die Sehende nicht verstehen. Deshalb sollen seine Schüler wieder die schlecht lesbare Tastschrift mit den erhabenen, normalen Buchstaben benutzen. Doch viele Kinder halten sich nicht an das Verbot und lernen heimlich weiterhin die Punktschrift.

Und Louis Braille, inzwischen geschwächt von der Krankheit Tuberkulose, kämpft für seine Idee. Er schreibt an den berühmten Blindenlehrer Johann Wilhelm Klein in Wien, um für seine Erfindung zu werben, und stellt sie bei einem Vortrag in Paris einem großen Publikum vor. Mit Erfolg: 1854 wird die "Brailleschrift" in Frankreich endlich offiziell anerkannt.

Louis Braille erlebt das nicht mehr: Er stirbt bereits zwei Jahre zuvor im Alter von 43 Jahren. 1878 erklärt ein internationaler Kongress in Paris die Brailleschrift schließlich zur offiziellen Schrift für den Unterricht in Blindenschulen auf der ganzen Welt. Noch heute lernen sie Millionen Menschen.

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