Geschichte Annie Londonderry: Mit dem Fahrrad um die Welt

Es ist eine Sensation! Vor 124 Jahren steigt Annie Londonderry in Boston auf den Sattel: Als erste Frau der Welt will sie mit dem Fahrrad den Globus umrunden. Ihr Mann, ihre Kinder? Bleiben zu Hause. Eine abenteuerliche Tour beginnt. Oder?
Annie Londonderry

Steckbrief: Annie Londonderry

  • Name: Annie Kopchovsky
  • Geboren: 1870 in Lettland als Annie Cohen
  • Familienstand: 1888 Heirat mit Max Kopchovsky; Mutter von vier Kindern
  • Beruf: Mitarbeiterin in der Werbeabteilung einer Zeitung, nach ihrer Weltreise Journalistin und Rednerin
  • Lebensleistung: Als erste Frau der Welt umrundet sie ebenjene mit dem Fahrrad. Ihre Reise startet sie in einem langen Rock und mit einem 19 Kilogramm schweren Damenrad. Im Laufe der Zeit steigt sie auf ein halb so schweres Herrenrad um und trägt Hosen. Mit Aktionen wie diesen wehrt sie sich gegen altmodische Vorstellungen.
  • Gestorben: 11. November 1947 in New York

Wer ist Annie Londonderry?

Was für eine Reise! Als sich Annie Londonderry im Juni 1894 aufmacht, die Welt mit dem Fahrrad zu umrunden, jagt ein Abenteuer das nächste. Auf dem Weg von Chicago nach New York zum Beispiel springt entlang der Bahnstrecke ein Bandit hervor und stürzt sich auf die Reisende! Annie zückt ihren Revolver aus der Hosentasche, fällt dabei jedoch auf die Gleise – auf denen just ein Zug heranrast! Im letzten Moment hechtet sie zur Seite und überlebt.

Und dann, wenige Monate später in China: Gerade tobt dort der Erste Chinesisch-Japanische Krieg. Japanische Soldaten nehmen die Radlerin gefangen und werfen sie in eine dunkle, bitterkalte Zelle. Tagelang friert und hungert Annie, bis sie endlich eine Truppe von 40 französischen Soldaten befreit. Ein Wahnsinnserlebnis, stimmt’s?

Nun ja, stimmt nicht. Genauso wenig wie die Banditengeschichte. Wahr ist: Annie Londonderry aus Boston in den USA ist die erste Frau, die mit dem Fahrrad die Welt umstrampelt hat. Wahr ist auch: Sie ist eine begeisterte und talentierte Geschichtenerzählerin. Ob in Chicago, Paris oder Hongkong – den Journalisten, die sie unterwegs trifft, tischt sie eine Lüge nach der nächsten auf. Auch dass sie gar nicht Annie Londonderry, sondern Annie Kopchovsky heißt, verheimlicht sie erst einmal. Wer ist diese Frau also wirklich?

25.6.1894: Annie Londonderry bricht zu ihrer Weltreise auf

Bevor sie ihren waghalsigen Plan fasst, mit nichts als Wechselunterwäsche und einem Revolver in der Tasche loszuradeln, führt Annie Kopchovsky ein beschauliches Leben in Boston. Mit 18 Jahren hatte sie geheiratet, kurze Zeit später bekam sie ihr erstes Kind, dann noch eines und noch eines.

"Ich wollte mein Leben nicht immerzu zu Hause sitzen, jedes Jahr wieder ein Baby in meinem Schoß", erzählt sie später in Interviews. Annie Kopchovsky will unabhängig sein, frei sein, berühmt sein! Da hört sie von der Wette zweier Geschäftsmänner: "10.000 Dollar darauf, dass eine Frau es niemals schafft, mit dem Fahrrad um die Welt zu fahren!" Diese Summe entspricht heutzutage fast einer Viertelmillion Euro. Jetzt weiß Annie, was sie machen möchte…

Wenige Tage und einige Übungsstunden später steht Annie Kopchovsky mit ihrem neuen Drahtesel auf den Stufen des Massachusetts State House, eines prächtigen Gebäudes mit goldener Kuppel im Herzen Bostons. Es ist der 25. Juni 1894, ein sonniger Montagvormittag. Mehr als 500 Schaulustige haben sich versammelt.

Frauenrechtlerinnen jubeln ihr zu, ihr Bruder steht kopfschüttelnd in der Menge. Er hält sie für übergeschnappt. Schließlich lebt Annie in einer Zeit, in der man Frauen nur eines zutraut: gute Ehefrauen und Mütter zu sein. Sie dürfen nicht wählen gehen und arbeiten nur dann, wenn es der Ehemann erlaubt. Eine Frau, die allein den Globus umrundet? Ihre Kinder zurücklässt? Völlig irre, ein Skandal!

Annie grinst unbeschwert in die Menge. "Ich werde in 15 Monaten die Welt umfahren!", verkündet sie, klettert auf den Sattel ihres knapp 19 Kilogramm schweren Rades und tritt in die Pedale.

Annie Londonderrys Weltreise

Wo genau Annie entlanggefahren ist, hat ihr Urgroßneffe Peter Zheutlin herausgefunden: Gewissenhaft sortierte er die Informationen aus Stapeln alter Zeitungen, um Annies Weltreise nachzuzeichnen. Auf ihrer Tour passierte sie von Amerika über Europa, Afrika bis nach Asien vier Kontinente

Irre ist sie dabei keineswegs, im Gegenteil. Annie Kopchovsky ist clever! Auf ihrer Tour findet sie immer wieder Unternehmer, die ihr Geld geben. Dafür hängt sie Werbeplakate an ihr Rad, pinnt sie sich an der Kleidung fest – und nimmt sogar den Namen einer großen Bostoner Wasserfirma an: Londonderry. Immer wieder schreibt sie Telegramme an Fahrradklubs und Journalisten, um auf sich aufmerksam zu machen. Und weil sie in Wirklichkeit gar nicht so viel Spektakuläres erlebt, lässt sie eben ihrer Fantasie freien Lauf, um in die Zeitung zu kommen.

Sie erzählt, dass sie einen Doktortitel in Jura hat, behauptet, sie sei eine reiche Erbin oder prahlt damit, dass sie als Medizinstudentin Geld damit verdient, Leichen aufzuschneiden. Nichts davon stimmt, aber die Journalisten kritzeln eifrig ihre Blöcke voll und freuen sich über die verrückten Geschichten. Sie hinterfragen sie nicht weiter – und Annie Londonderry wird berühmt.

In einem Punkt aber hat sie die Wahrheit gesagt: Am 12. September 1895 rollt sie in Chicago ein, nachdem sie wie angekündigt 15 Monate unterwegs war, von New York bis Paris, von Alexandria über Singapur und Yokohama. Dass sie währenddessen manche Strecke mit dem Dampfer oder Zug zurückgelegt hat? Nun, immerhin hatte sie das Fahrrad ja dabei…


Diese Geschichte stammt aus dem GEOlino Magazin Nr. 09/2018 "Echt urig!". Hier könnt einen Blick ins Heft werfen.

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