Wissen Warum Lärm nervt

Nicht mehr lange, dann lassen wir es wieder krachen: Zu Silvester jagen wir Böller und Raketen in die Luft. Besonders in Städten herrscht in der letzten Nacht des Jahres ein Höllenlärm. Doch was ist das überhaupt: Lärm?
Straßenverkehr

Dauerrauschen: Am stärksten nervt die Deutschen Straßenlärm. Jeder Fünfte schließt nachts sein Fenster, weil er wegen der vielen Geräusche ansonsten nicht schlafen kann

Zehn! Neun! Acht! …“ Wenn die letzten Sekunden des alten Jahres verstreichen, haben Ungeduldige längst begonnen zu zündeln. Um Punkt zwölf dann – KRAWUMM – zischen Raketen in den Nachthimmel und regnen leuchtend über die Landschaft. Chinaböller knallen, Kanonenschläge wummern, Gläser klirren. Feiernde brüllen sich „Frohes neues Jahr!“ ins Ohr, weil sie vor lauter Feuerwerk ihr eigenes Wort kaum verstehen.

Viele Menschen lieben die Silvesterknallerei. Andere hingegen empfinden sie als fürchterlichen Lärm und verkriechen sich zu Hause. Fenster zu! Ohren zu! Das Verrückte: Sie alle haben recht. Denn Lärm lässt sich nicht messen – nur empfinden. Zwar können Geräte genau feststellen, wie laut ein Geräusch ist. Doch zu Lärm wird es erst, wenn es jemanden belästigt.

Jeder Mensch hat da eine andere Grenze. Ein Motorradfahrer etwa fühlt sich cool, wenn er seine Maschine laut röhren lässt. Der Fußgänger neben ihm fällt dagegen vor Schreck fast in Ohnmacht. Und natürlich gehört für Fußballspieler auf dem Bolzplatz einer Wohnanlage der Torjubel zu jeder Partie dazu – während sich ein Nachbar, der sich auf seine Arbeit zu konzentrieren versucht, von dem Gejohle vermutlich gestört fühlt.

Dauerbeschallung - ein Umweltproblem

Was Lärm ist, hängt also nicht allein von der Lautstärke ab. In jedem Fall halten Experten ihn für ein Umweltproblem – manche sprechen gar von Lärmverschmutzung. Denn Geräusche gibt es fast immer und fast überall. Das könnt ihr selber testen: Seid mal kurz still und lauscht. Rauschen Autos vor dem Haus vorbei, tönt Geklapper aus der Küche, rattert die Waschmaschine? Wir sind fast ständig von künstlichen Geräuschen umgeben, auf dem Land und in der Stadt, oft sogar nachts.

Am meisten nervt die Deutschen laut einer Studie des Umweltbundesamtes dabei der Verkehrslärm. 75 Prozent klagen über das ständige Brummen und Bremsen von Autos und Lastwagen. 60 Prozent ärgern sich über ihre Nachbarn, etwa weil diese den Fernsehapparat laut drehen oder ständig Rasen mähen. Auf Platz drei der Quälgeräusche folgt der Lärm von Flugzeugen, von Industrieanlagen und typischer „Stadtlärm“: Restaurants, Diskotheken…

Brüllaffen

Brüllaffen haben eine große Klappe: Ihr Rufen hallt kilometerweit durch den Regenwald von Südund Mittelamerika. So wollen die Männchen die Weibchen beeindrucken – und Konkurrenten verjagen

Lärm stresst

Experten beteuern jedoch, dass der Geräuschpegel in Deutschland seit Jahren nicht zunehme. Zwar fahren mehr Autos umher als früher, dafür aber besitzen viele von ihnen leisere Motoren. Dazu schlucken Lärmschutzwände mancherorts einen Teil der Geräusche. Trotzdem scheinen immer mehr Menschen unter Lärm zu leiden. Neun von zehn Personen fühlen sich belästigt. Woran das liegt? Vielleicht sind die Menschen generell gestresster.

Häufig müssen sogar Gerichte entscheiden, ob jemand den Lärm von Bauarbeitern, kläffenden Hunden oder der Kita gegenüber ertragen muss. In Bayern kämpft ein Ehepaar seit Jahren, weil sie das Glockengebimmel von Kühen nervt. Und in Frankreich ist ein Hahn namens Maurice zum Star geworden, dem ein Rentnerpaar das morgendliche Krähen verbieten lassen wollte. Die Richter entschieden allerdings, dass diese Art von Lärm zum Landleben dazugehöre.

Die Beispiele klingen lustig, tatsächlich aber macht Lärm viele Menschen krank. Vor allem, wenn er nachts nicht aufhört. Das Ohr funktioniert nämlich wie eine Alarmanlage und schaltet sich nie ganz ab. Ständig muss das Gehirn entscheiden, ob ein Geräusch womöglich auf Gefahr hinweist. Stresshormone rauschen durchs Blut, und der Schlaf  wird schlechter. Menschen, die an einer viel befahrenen Straße wohnen, erleiden häufiger Schlaganfälle und Herzinfarkte oder kämpfen eher mit Depressionen als solche, die  in einer ruhigeren Ecke leben.

Sensible Ohren

So zehrend die Dauerbeschallung ist, so gefährlich kann plötzlicher Lärm sein. In jeder Silvesternacht erleiden rund 8000 Deutsche einen Hörschaden, weil ein Feuerwerkskörper dicht an ihren Ohren explodiert. Solch ein Knall kann lauter sein als ein Düsenjet, der in 30 Meter Entfernung startet. Eine allzu heftige Schallwelle erreicht das Innenohr und schädigt dort feine Haarzellen, die die Geräusche ans Gehirn weiterleiten.

Hund

Silvester? Nein danke! Hunde hören hohe Töne stärker und besser als wir Menschen. Kein Wunder, dass viele von ihnen Böller und Raketen hassen…

Das menschliche Gehör ist also sehr empfindlich. Zig Tierarten besitzen sogar noch feinere Lauscher. Teils können sie auch tiefere oder viel höhere Töne hören, die wir gar nicht wahrnehmen. Kein Wunder also, dass auch sie leiden, wenn es laut ist. Einige Stadtvögel haben sich aufgrund des Verkehrslärms bereits angewöhnt, lauter zu singen, damit ihre Artgenossen sie überhaupt noch hören.

Selbst in den Ozeanen herrscht keine Ruhe: In manchen Regionen werden etwa Druckluftkanonen abgefeuert, um nach Öl- und Gaslagern zu suchen. Auch der Bau von Windkraftanlagen im Meer verursacht Lärm. Und natürlich dröhnen Schiffsmotoren im Wasser. Solche Geräusche sind teils Hunderte Kilometer weit hörbar. Sie setzen etwa Walen und Delfinen zu, die sich mithilfe von Schall orientieren und verständigen.

Auch Haustiere hassen Lärm, und wohl kein Tag im Jahr stresst sie so sehr wie Silvester. Während die Raketen in den Himmel sausen, zittern viele Hunde und Katzen unter dem Sofa. Das Böllern schreckt auch Wildtiere auf und verscheucht Vögel von ihren Schlafplätzen – mitten in einer bisweilen eiskalten Winternacht. Immerhin: Die Knallerei ist nur am 31. Dezember bis zum 1. Januar erlaubt. Danach können sich Tiere und Menschen zumindest davon erholen.

Ohren
Das Gehör
Was passiert, wenn wir Geräusche wahrnehmen
Jedes Geräusch findet seinen Weg durch das Ohr in euer Gehirn - und erlebt auf seiner Reise Erstaunliches!
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