GEOlino extra Nr. 38 - Die Indianer Nordamerikas Seite 1 von 2

Indianer
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Text von Katharina Beckmann

Hinter den Kulissen der Karl-May-Festspiele

Vor rund 100 Jahren starb Karl May. Mit seinen Geschichten machte er Indianer hierzulande bekannt und beliebt. Sommer für Sommer leben Mays edle Apachen auf den Freilichtbühnen in Deutschland weiter. So auch in Elspe im Sauerland. GEOlino-Reporter haben das Schauspiel hinter den Kulissen erlebt. Mit Video




Gigantisch: So sieht die große Naturbühne aus dem Publikum aus (Foto von: Florian Manz für GEOlino extra)
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Gigantisch: So sieht die große Naturbühne aus dem Publikum aus

Kurz vor seiner letzten Schlacht sitzt der Häuptling der Apachen in einem holzvertäfelten Raum - und hat Frisurprobleme. Sein langes schwarzes Haar ist über die vielen vorangegangenen Gefechte dünn und filzig geworden. Er kämmt die Strähnen nach hinten, versteckt den erhöhten Haaransatz unter einem Lederband. Schon hallt die Anfangsfanfare blechern über das Gelände - und Winnetou zieht in den Kampf.

Es ist die letzte Vorstellung der Saison für Winnetou alias Jean-Marc Birkholz. Über 50-mal haben er und seine Mitspieler bereits auf der großen Naturbühne im sauerländischen Elspe gestanden. Ihre Perücken haben Haare, ihre Lederkostüme Perlen gelassen. Die Zuschauer sehen das nicht oder darüber hinweg. Applaus, als Winnetou - gefolgt von einer Staubwolke - auf die Bühne galoppiert. Zwei Stunden spielt Birkholz die Titelrolle in Karl Mays Klassiker "Winnetou I – Die Geschichte einer großen Freundschaft". Währenddessen findet hinter der Bühne ein zweites Schauspiel statt - eines, das lange vorher beginnt.

Ein Uhr am Mittag, noch knapp zwei Stunden bis zur Anfangsfanfare. Die etwa 100 Meter breite Bühne liegt wie eine Geisterstadt da: der Saloon, ein in- und übereinandergeschachtelter Holzbau, zur Rechten, mittig mächtige Felsen und ein Wasserfall, ganz links sandfarbene, mehrstöckige Häuser. Und über allem wölbt sich an diesem Herbsttag ein stahlblauer Himmel. Vor dem Clubhaus oberhalb der Bühne sonnt sich ein Dutzend der fast 60 Schauspieler, die erst teilweise in Cowboys, Banditen und Indianer verwandelt sind: Der Sheriff, verkörpert von Markus Lürick, trägt Stern, aber Turnschuhe. Old Shatterhand, gespielt von Oliver Bludau, kommt in Jeans. Winnetou hat zwar schon das Fransenhemd übergeworfen - aber noch immer gegeltes, kurzes Haar. "Perücke und Schminke kommen bei mir erst ganz zum Schluss", erzählt der Winnetou-Darsteller. "Die Maske hilft mir dann, ganz und gar Winnetou zu sein."


Im Stück schließen Winnetou und Old Shatterhand Blutsbrüderschaft (Foto von: Elspe Festival)
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Im Stück schließen Winnetou und Old Shatterhand Blutsbrüderschaft

Mit Kollegin Radost Bokel schlendert Jean-Marc Birkholz zum Pferdestall. Dort, zwischen Heuballen und Misthaufen: geordnetes Chaos. Fast 40 Pferde müssen für die Vorstellung fertig gemacht werden. Putzen, striegeln, zäumen, satteln. Die acht Profireiter, die eigens für das Stück engagiert wurden, brauchen keine zehn Minuten pro Pferd - dann übergeben sie die schwarzen, weißen, schwarz-weißen und braunen Tiere an die Schauspieler. Radost Bokel, die als Winnetous Schwester Nscho-tschi zu sehen ist, nimmt die Zügel einer knubbligen Schimmelstute entgegen. "Hallo, Antaris", sagt sie und hält dem Tier eine Möhre hin. Die bekommt es jedes Mal vor der Show, und noch eine in der Pause. Die 37-Jährige spielt in diesem Jahr erstmals in Elspe. Nein, es sei ihr nicht schwergefallen, die Texte zu lernen; später, während der Vorstellung, flüstert sie gar die anderen Rollen mit. Aber das Reiten! "Ich dachte ja, ich kann das. Aber das musste ich erst lernen." Denn die Darsteller traben nicht gemächlich über das Gelände, in den Kampfszenen preschen sie im fliegenden Galopp darüber hinweg. Dazu kommt das Knallen der Pistolen, der Applaus des Publikums, am Schluss fliegt ein Fels in die Luft. Im Normalfall würde da jedes Pferd das Weite suchen. Die Tiere werden darum monatelang auf ihre Rolle in Elspe vorbereitet - "eingeschossen", sagen sie hier. Pferdetrainer führen die Tiere Stück für Stück an Feuer und Explosionen heran, anfangs am Zügel und im großen Abstand. Dann immer näher und mit den Schauspielern wie Radost Bokel auf ihren Rücken. "Dauernd ging neben uns die Welt unter", erinnert sie sich. "Und irgendwann, vielleicht beim 20. Mal, hatte Antaris verstanden, dass sie mir vertrauen kann." Mittlerweile kann aber auch die Schauspielerin auf ihr Pferd bauen. Vergangene Woche, erzählt sie, da hätte sie während einer Vorstellung fast ihren Auftritt verpasst, verquatscht. Doch Antaris hatte aufgepasst und war, mit Bokel auf dem Rücken, losgetrabt. Nun scharrt die Pferdedame wieder mit den Hufen; sie spürt, dass alle im Aufbruch sind.

Erfahrt auf der nächsten Seite mehr über die Arbeit hinter den Kulissen, Winnetou und Karl Mays Leben!



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