Hauptspalte:

Zur Übersichtsseite "Indianer" »
Hinter den Kulissen der Karl-May-Festspiele
Vor rund 100 Jahren starb Karl May. Mit seinen Geschichten machte er Indianer hierzulande bekannt und beliebt. Sommer für Sommer leben Mays edle Apachen auf den Freilichtbühnen in Deutschland weiter. So auch in Elspe im Sauerland. GEOlino-Reporter haben das Schauspiel hinter den Kulissen erlebt. Mit Video
Kurz vor seiner letzten Schlacht sitzt
der Häuptling der Apachen in einem
holzvertäfelten Raum - und
hat Frisurprobleme. Sein langes
schwarzes Haar ist über die vielen vorangegangenen
Gefechte dünn und filzig geworden. Er
kämmt die Strähnen nach hinten, versteckt den
erhöhten Haaransatz unter einem Lederband.
Schon hallt die Anfangsfanfare blechern über das
Gelände - und Winnetou zieht in den Kampf.
Es ist die letzte Vorstellung
der Saison für Winnetou alias
Jean-Marc Birkholz. Über 50-mal
haben er und seine Mitspieler bereits auf der
großen Naturbühne im sauerländischen Elspe
gestanden. Ihre Perücken haben Haare, ihre
Lederkostüme Perlen gelassen. Die Zuschauer
sehen das nicht oder darüber hinweg. Applaus,
als Winnetou - gefolgt von einer Staubwolke -
auf die Bühne galoppiert. Zwei Stunden spielt
Birkholz die Titelrolle in Karl Mays Klassiker
"Winnetou I – Die Geschichte einer großen
Freundschaft". Währenddessen findet hinter der
Bühne ein zweites Schauspiel statt - eines, das
lange vorher beginnt.
Ein Uhr am Mittag, noch knapp
zwei Stunden bis zur Anfangsfanfare.
Die etwa 100 Meter breite Bühne
liegt wie eine Geisterstadt da: der Saloon, ein
in- und übereinandergeschachtelter Holzbau,
zur Rechten, mittig mächtige Felsen und ein
Wasserfall, ganz links sandfarbene, mehrstöckige
Häuser. Und über allem wölbt sich an
diesem Herbsttag ein stahlblauer Himmel.
Vor dem Clubhaus oberhalb der Bühne sonnt
sich ein Dutzend der fast 60 Schauspieler, die
erst teilweise in Cowboys, Banditen und Indianer
verwandelt sind: Der Sheriff, verkörpert von
Markus Lürick, trägt Stern, aber Turnschuhe.
Old Shatterhand, gespielt von Oliver Bludau,
kommt in Jeans. Winnetou hat zwar schon das
Fransenhemd übergeworfen - aber noch immer
gegeltes, kurzes Haar. "Perücke und Schminke
kommen bei mir erst ganz zum Schluss", erzählt
der Winnetou-Darsteller. "Die Maske hilft mir
dann, ganz und gar Winnetou zu sein."
Mit Kollegin Radost Bokel schlendert Jean-Marc Birkholz zum Pferdestall. Dort, zwischen Heuballen und Misthaufen: geordnetes Chaos. Fast 40 Pferde müssen für die Vorstellung fertig gemacht werden. Putzen, striegeln, zäumen, satteln. Die acht Profireiter, die eigens für das Stück engagiert wurden, brauchen keine zehn Minuten pro Pferd - dann übergeben sie die schwarzen, weißen, schwarz-weißen und braunen Tiere an die Schauspieler. Radost Bokel, die als Winnetous Schwester Nscho-tschi zu sehen ist, nimmt die Zügel einer knubbligen Schimmelstute entgegen. "Hallo, Antaris", sagt sie und hält dem Tier eine Möhre hin. Die bekommt es jedes Mal vor der Show, und noch eine in der Pause. Die 37-Jährige spielt in diesem Jahr erstmals in Elspe. Nein, es sei ihr nicht schwergefallen, die Texte zu lernen; später, während der Vorstellung, flüstert sie gar die anderen Rollen mit. Aber das Reiten! "Ich dachte ja, ich kann das. Aber das musste ich erst lernen." Denn die Darsteller traben nicht gemächlich über das Gelände, in den Kampfszenen preschen sie im fliegenden Galopp darüber hinweg. Dazu kommt das Knallen der Pistolen, der Applaus des Publikums, am Schluss fliegt ein Fels in die Luft. Im Normalfall würde da jedes Pferd das Weite suchen. Die Tiere werden darum monatelang auf ihre Rolle in Elspe vorbereitet - "eingeschossen", sagen sie hier. Pferdetrainer führen die Tiere Stück für Stück an Feuer und Explosionen heran, anfangs am Zügel und im großen Abstand. Dann immer näher und mit den Schauspielern wie Radost Bokel auf ihren Rücken. "Dauernd ging neben uns die Welt unter", erinnert sie sich. "Und irgendwann, vielleicht beim 20. Mal, hatte Antaris verstanden, dass sie mir vertrauen kann." Mittlerweile kann aber auch die Schauspielerin auf ihr Pferd bauen. Vergangene Woche, erzählt sie, da hätte sie während einer Vorstellung fast ihren Auftritt verpasst, verquatscht. Doch Antaris hatte aufgepasst und war, mit Bokel auf dem Rücken, losgetrabt. Nun scharrt die Pferdedame wieder mit den Hufen; sie spürt, dass alle im Aufbruch sind.
Servicelinks:
Druckansicht
Artikel versenden
Deine Meinung
Kontakt
Sitemap


