Wanzen, Milben, Zecken: Wer auf uns so alles wohnt

Selbst der einsamste Mensch ist nicht allein. Auch du nicht. Bis du diesen Satz zu Ende gelesen hast, sind auf deinem Körper Millionen neuer Lebewesen auf die Welt gekommen
In diesem Artikel
Flöhe in goldenen Käfigen

Der menschliche Körper ist für viele Lebewesen eine geniale Abenteuerwelt: Da gibt es dichtes Gestrüpp - die Kopfhaare; warme Quellen - die Schweißdrüsen; windige Gipfel - die Nasenspitze; und feuchte Höhlen - den Mund oder Darm. Ein wahres Schlaraffenland, in dem sich die unglaublichsten Bewohner herumtreiben.

Zum Beispiel jene sonderbaren Spinnentiere, die mitten in deinem Gesicht wohnen und dort, im Schutz der Poren, fleißig Babys bekommen. Sie heißen Haarbalgmilben und sehen ein bisschen aus wie Krokodile mit acht Stummelfüßen. Sie beißen nicht und sind zum Glück friedlich. Man kann die Krokodilchen mit bloßem Auge nicht erkennen; sie sind kleiner als der Punkt hinter diesem Satz. Je älter man wird, desto mehr Milben hausen im Gesicht - Erwachsene beherbergen etwa 1000 Stück.

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Tierchen fressen Schuppen

Aber auch Flöhe, Fliegen, Mücken, Wanzen, Würmer, Viren, Läuse, Egel, Zecken, Pilze und einzellige Urtierchen können in und auf dem Körper des Menschen leben. Sie saufen Blut oder fressen Abfälle: beispielsweise abgestorbene Teilchen des Körpers. Jede Minute lösen sich Zehntausende winzige Schuppen von unserer Haut; hinzu kommen Eiweiß- und Fettabsonderungen wie Talg oder Ohrenschmalz. Lecker!

Viele der kleinen "Freunde" besuchen uns Menschen heimlich. Die blutrünstigen Bettwanzen etwa verstecken sich tagsüber in Ritzen und Fugen und kriechen - kribbel, krabbel - mitten in der stockfinsteren Nacht ins Bett, wenn alles schläft ... Und zapfen ihrem Opfer in zehn Minuten das Siebenfache ihres eigenen Körpergewichts an Blut ab.

Die meisten Besiedler allerdings stammen aus dem Reich der unsichtbar kleinen Lebewesen: Viren, Bakterien und andere Einzeller - die so genannten Mikroorganismen. Allein auf deiner Haut wuseln noch mehr Bakterien umher, als Menschen auf der ganzen Erde wohnen: mehr als sechs Milliarden. Und in deinem Darm leben noch sehr viel mehr Bakterien, ca. 100000000000000 (hundert Billionen), die dort bei der Verdauung helfen.

Zum Vergleich: Dein Körper besteht "nur" aus zehn Billionen Zellen. Auf eine Menschenzelle kommen zehn Fremdlinge - du bist also in deinem eigenen Körper in der Minderheit!

Fast unsichtbare Untermieter

Dass wir ausgerechnet die Tierchen, die uns am nächsten stehen, beharrlich übersehen, liegt an ihrer Farbe und an ihrer Größe. Eine einzelne Bazille ist nämlich durchsichtig wie Glas und etwa eine Million Mal kleiner als ein Mensch. Das winzigste Staubkorn, das man mit dem Auge noch erkennt, misst ungefähr 20 Mikrometer (ein Mikrometer ist der tausendste Teil eines Millimeters).

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Ein Bakterium durchschnittlicher Größe ist noch zehnmal kleiner. Wenn unsere Augen also nur etwas besser wären, dann könnten wir die Wunderwelt der Bakterien um uns herum und auf dem Körper sehen. Diese kugeligen, schraubigen, manchmal sogar behaarten Geschöpfe leben mitnichten in einem fernen fantastischen Reich, sondern nur ganz knapp hinter der Grenze des Sichtbaren.

Aber nicht nur die unsichtbaren Bakterien, sondern auch die größeren Tiere im Lebensraum Mensch kommen uns merkwürdig vor. "Menschen neigen dazu, ihre eigene persönliche Struktur als 'normal' zu betrachten und alles, was davon abweicht, als ausgesprochen komisch", erklärt die englische Insektenkundlerin Miriam Rothschild. "Es fällt ihnen zum Beispiel schwer, sich bewusst zu machen, dass Flöhe durch Löcher an der Seite atmen, dass sie ein Nervenbündel unter dem Magen haben und das Herz im Rücken."

Flöhe in goldenen Käfigen

Vor ein paar hundert Jahren empfand jedoch kein Mensch Flöhe als "komisch". Überall sprangen die Blut saugenden Insekten umher. Damals wimmelte es in Hütten und Palästen von kleinen und großen Krabbeltieren. Den König juckte es genauso wie den Knecht. Noch vor 200 Jahren verstieß es nicht gegen die guten Sitten, auch in vornehmer Gesellschaft mit so genannten Flohgläsern, einer Art Lupe, nach Flöhen und sonstigen Plagegeistern zu suchen. Die Herrschaften ergriffen die kleinen Lästlinge mit Pinzetten.

Mancher Liebhaber in Frankreich soll dann den Floh seiner Geliebten eingefangen und ihn in einen winzigen goldenen Käfig gesperrt haben, den er sich um den Hals hängte. Der Floh konnte sich durch die Gitterstäbe vom Blut seines neuen Herrn ernähren. Es gab auch kleine Flohfallen - Schachteln, ausgestopft mit Fell oder blutgetränkter Watte. Einige Frauen hängten sie sich als Schmuck um den Hals, andere trugen die Fallen heimlich unter dem Rock. Auch kleine Schoßhunde waren zum Zweck der Ungezieferabwehr beliebt. Flöhe und Läuse sollten vom Menschen in das Fell des Hündchens kriechen.

Leider sind nicht alle Arten von Besiedlern des Menschen so vergleichsweise harmlos wie Flöhe und Läuse. Einige Mikroorganismen sind sogar gefährliche Krankheitserreger.

Ein 0,00000000000001 Gramm leichtes Bakterium kann einen 100000 Gramm schweren Menschen töten. Doch kann man sich wehren: Eine Maßnahme im Kampf gegen Krankheitserreger ist Sauberkeit. Aber selbst wer wie ein Putzteufel bis in die hinterste Ecke wischt, kann es niemals schaffen, wirklich alle Kleinstlebewesen zu beseitigen: Das Leben ist niemals keimfrei. Was für ein Glück also, dass die meisten Geschöpfe, die auf und in unserem Körper siedeln, ziemlich friedlich sind. Denn viele von ihnen können nur überleben, wenn es auch ihrem Wirt gut geht.

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