Cheops-Pyramide: Gibt es eine Schatzkammer?

Was verbirgt sich am Ende zweier schmaler Schächte, tief im Innern der Cheops-Pyramide? Mit ferngesteuerten Robotern hat man versucht, es herauszufinden.Ein Archäologie-Krimi
In diesem Artikel
Das letzte große Geheimnis
Durch den Staub von 4000 Jahren
Neue Fragen statt Lösungen

Das letzte große Geheimnis

Der Schacht ist 20 mal 20 Zentimeter klein. Ein winziges Loch im gigantischen Steinhaufen der Cheops-Pyramide, der gewaltigsten auf dem Gizeh-Plateau nahe Kairo, der Hauptstadt Ägyptens. Vor diesem kleinen Loch steht der Münchener Ingenieur Rudolf Gantenbrink im Jahre 1993. In seinem Arm hält er ein Maschinchen aus Aluminium, 12 Zentimeter breit, maximal 28 Zentimeter hoch: "Upuaut 2".

Das letzte große Geheimnis

Gantenbrink hat es selbst konstruiert. Upuaut soll wie ein kleiner Panzer, auf Ketten, in den engen Tunnel hineinfahren, ferngesteuert. Noch 120 Jahre nach der Entdeckung der Hohlräume weiß niemand, was sich am Ende der Tunnel verbirgt. Es ist das letzte große Geheimnis der Cheops-Pyramide. Und Gantenbrink will es lüften.

Zwei rätselhafte Schächte 1872 hatte der Engländer Walter Dixon insgesamt zwei schmale Schächte in der Wand der so genannten Königinnenkammer entdeckt, tief im Innern der Pyramide. Einer führte in einem Winkel von 40 Grad nach Norden, einer nach Süden. Der Rauch von Feuern, die Dixon in den Schächten entfacht hatte, zog nicht ab. Daraus schloß er, dass die Tunnel unvollendet geblieben waren und nach ein paar Metern im Stein enden würden.

Eine Mission für "Upuaut"

Diese Folgerung übernahmen ganze Generationen nachfolgender Ägyptologen. Bis der Ingenieur und Amateur-Archäologe Gantenbrink mit "Upuaut" auftauchte. Ins Altägyptische übertragen, bedeutet der Name etwa "Öffner der Wege". Das Vehikel war für seine spannende Mission gut gerüstet. Sieben unabhängige Motoren trieben seine Funktionen an. Was vor "Upuaut" lag, übertrug eine Videokamera auf einen Monitor, der als Leitstand in der Königinnenkammer aufgestellt war.

Durch den Staub von 4000 Jahren

Es ist der 22. März 1993, als Rudolf Gantenbrink den Roboter behutsam in den Schacht setzt. Dann drückt er auf die Fernbedienung. Leise schnurrend verschwindet das Gefährt in der Dunkelheit. Wie es da drinnen aussieht, verfolgt Gantenbrink am Videomonitor. Taschenlampen an Upuauts Stirn beleuchten den behauen Kalkstein. Der Staub von vier Jahrtausenden bedeckt den Boden. Bei einem früheren Versuch war Upuaut in einer sanften Biegung hängengeblieben. Sein Erfinder musste den Roboter am Fernbedienungskabel wieder herausziehen, wie einen Fisch an der Angel.

Kunstraub hat hier Tradition

Gantenbrink hat Glück, dass er seine Mission überhaupt starten darf. Denn die ägyptische Altertümerverwaltung kontrolliert sehr streng, was die vielen ausländischen Ägyptologen am Nil bergen. Vor allem im 19. Jahrhundert waren die Kunstschätze Ägyptens nämlich im ganz großen Stil außer Landes geschmuggelt worden. Damit schmücken sich heute Museen in aller Welt. Solcher Kunstraub soll sich nicht wiederholen. Deshalb schauen Behördenvertreter auch Gantenbein ständig auf die Finger.

Zögerlich fährt "Upuaut" los

Allerdings hat sich der Ingenieur schon sehr beliebt gemacht. Er hat mit entsprechenden Konstruktionen für ausreichende Ventilation gesorgt, so dass die Cheops-Pyramide nicht länger in jener Feuchtigkeit gammelt, die zahllose Touristen täglich im Innern ausschwitzen. Quasi zur Belohnung darf er deshalb "Upuaut" einsetzen. Und der rollt diesmal ohne Probleme vorwärts. Zehn Meter, 20 Meter, 40 Meter. Die Spannung der Zuschauer vor dem Monitor in der Königinnenkammer steigt und steigt. Allen wird klar, dass es sich nicht, wie Dixon 1872 vermutet hatte, um einen Schein-Schacht handelt. Warum hätte man ihn sonst so tief ins Gestein getrieben, wenn er keine Funktion haben sollte?

Eine Tür versperrt den Weg

Dann, um exakt 11 Uhr und 5 Minuten, nach 60 Metern zurückgelegter Strecke, blockiert eine polierte Steinplatte die Weiterfahrt. Sie schließt den Weg hermetisch ab. Upuaut 2 tastet den Stein mit einem Laserstrahl ab. Zwischen Platte und Boden wird ein winziger Spalt erkennbar. Außerdem ragen zwei gebogene Kupferzapfen aus der Platte. Reste von Handgriffen? Handelt es sich um eine Türplatte, die man nicht zugemörtelt hat? Und was ist hinter dieser Tür?

Neue Fragen statt Lösungen

40 Kilo Gewicht könnte Upuaut ziehen. Doch der Tür ist so nicht beizukommen. Gantenbrink bricht seine Mission ab. Im Lauffeuer wird sich die Meldung verbreiten, dass man in der Cheops-Pyramide eine geheimnisvolle Tür entdeckt hat. Das Rätsel hat Gantenbrink nicht gelöst. Im Gegenteil: Die Fantasien sind angeheizter denn je.

Die Experten schütteln die Köpfe

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Die Cheops-Pyramide von innen

Mit Spott und Kopfschütteln verfolgen die alteingessenen Ägyptologen die Aufregung. Für sie gibt es keinen Zweifel: Hinter der Schein-Tür gibt es keine Schatzkammer, kein Königsgrab - sondern bloß weiteren Stein. Oder ein Papyrus mit frommen Totensprüchen. Denn durch Schein-Türen sollte die Seele des toten Pharao ihren Weg ins Jenseits finden. Die Platten symbolisieren also den Durchgang in das Totenreich. In vielen Pyramiden hatte man solche Seelenkorridore nachgewiesen. Warum sollte es bei Cheops anders sein?

Ein neuer Versuch

Neun Jahre vergehen, bis die rätselhaften Schächte im September 2002 wieder die Öffentlichkeit beschäftigen. Die amerikanische National Geographic Society hatte nach Gantenbrinks Vorbild einen eigenen Roboter gebaut, den "Pyramid Rover". Er sollte dort weitermachen, wo Upuaut aufgegeben hatte. Fernsehzuschauer in 144 Ländern sind - fast - live dazugeschaltet. Eine solche Inszenierung hat es in Gizeh noch nie gegeben.

Lüftet sich jetzt das Geheimnis?

Auch Pyramid Rover erreicht nach 60 Metern sein Ziel. Das Hightech-Mobil fährt einen elektrischen Bohrer aus, fräst ein Löchlein in die Schein-Tür und führt eine winzige Kamera ein. Millionen Menschen vor ihren Fernsehgeräten halten den Atem an. Man sieht ... - nichts. Besser: kaum etwas. Hinter der Tür liegt, wie von den Ägyptologen vorhergesagt, ein enger Hohlraum. Und dahinter - noch eine Schein-Tür.

Warten auf die nächste Mission

Die Enttäuschung ist groß. Tags darauf amüsieren sich die Zeitungen in aller Welt über die blamierten Schatzsucher. Auch Rudolf Gantenbrink hat die TV-Übertragung verfolgt. In Deutschland. Denn nach Ägypten hatte man ihn nicht mal eingeladen. Mehr noch: Schon seit 1993 ist es ihm verboten, in der Cheops-Pyramide weiter zu forschen. Das Medienspektakel ist der gescheiterte Versuch der Amerikaner, den Coup ohne den Pionier aus Deutschland zu landen. Doch da hatten sich die Veranstalter geirrt.

Es scheint, als wollte die Cheops-Pyramide ihr letztes Geheimnis keinem verraten. Aber gerade das macht sie ja so verlockend.

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