Aids Aids: Ein Virus bedroht die Welt

Es ist das wohl tückischste Virus, mit dem sich Menschen je angesteckt haben: das HI-Virus. Vor genau 30 Jahren, am 5. Juni 1981, wurde er entdeckt. Weltweit arbeiten Forscher daran, den Erreger endlich zu besiegen

Michael Schindler stellt das Bild scharf. Aus dem Schwarz des Monitors schälen sich plötzlich kugelrunde Gebilde mit einer dicken Füllung: HI-Viren, vieltausendfach vergrößert. "Vielleicht sind dies die trickreichsten Wesen der Welt", sagt der Biologe vom Hamburger Heinrich- Pette-Institut, einem der besten Viren-Forschungsinstitute des Landes. Trickreich - weil seit genau 30 Jahren bekannt ist, dass die HI-Viren die tödliche Krankheit Aids verursachen. Aber bis heute ist es Forschern wie Schindler nicht gelungen, diese Wesen zu überlisten. Es gibt kein Medikament, mit dem man Aids heilen könnte. Keinen Impfstoff, der sicher vor der Krankheit schützt. Schätzungsweise 25 Millionen Menschen weltweit sind bereits daran gestorben. Rund 33 Millionen tragen das Virus in sich. Und noch immer stecken sich täglich neue mit ihm an.

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Der Hamburger Biologe Michael Schindler beschäftigt sich seit Jahren mit HI-Viren. Der 32-jährige zählt zu den bekanntesten Viren-Forschern Deutschlands

Rückblick: Juni 1981. In den US-amerikanischen Städten Los Angeles und New York behandeln Ärzte Patienten, die an einer rätselhaften Krankheit leiden. Die Menschen sind extrem geschwächt, nicht mal einem Schnupfen haben sie etwas entgegenzusetzen. Als wäre ihr ganzes Immunsystem zusammengebrochen - jener körpereigene Schutzschild, der Bakterien und Viren abwehrt und uns so vor Krankheiten schützt. Bei diesen Patienten aber funktioniert all dies nicht mehr. Die Forscher nennen die Krankheit "Acquired Immune Deficiency Syndrome" (auf Deutsch: erworbenes Immunschwäche-Syndrom), kurz:Aids.

Virus:

Wesen, das selbst nicht lebt, denn es besitzt keinen Stoffwechsel. Viren können sich einzig und allein mithilfe lebender Zellen vermehren

1983 entdecken der Franzose Luc Montagnier und der US-Amerikaner Robert Gallo erstmals das Virus, das Aids auslöst. Man nennt es später HIV, "Human Immunodeficiency Virus" (menschliches Immunschwächevirus). Schon 1984 wird sein komplettes Erbgut, quasi der Bauplan, entschlüsselt. "Viele Forscher waren sich zu diesem Zeitpunkt sicher, dass nun ratzfatz ein heilendes Medikament oder ein Impfstoff entwickelt werden würde", sagt Biologe Schindler. "Man hatte ja in den Jahrzehnten zuvor auch so schlimme Krankheiten wie Kinderlähmung oder Pocken besiegt."

Erbgut

Jedes Lebewesen besitzt Erbgut. Darin sind - wie in einem Bauplan - sämtliche Merkmale festgelegt. Die einzelnen Kapitel dieses Plans heißen Gene

Bei dem HI-Virus aber haben es die Wissenschaftler nun mit einem besonders teuflischen Gegner zu tun. Einmal in den Körper gelangt, breitet es sich darin auf hinterhältige Weise aus: Es dockt sich -

wie für Viren typisch - an eine Zelle an, schmuggelt sein Erbgut hinein und baut die Zelle nach seinem eigenen Bauplan um.

Genau wie ein Computer- Virus, das in einem Rechner plötzlich sein Eigenleben treibt, übernimmt das HI-Virus die Macht über die Zelle und bestimmt, was sie zu tun hat. Und die Zelle muss fortan vor allem eines tun: in ihrem Innern neue Viren produzieren - so viele und so lange, bis sie zugrunde geht.

Vor allem aber greift das HI-Virus ausgerechnet wichtige Unterstützer des Immunsystems an, die T-Helferzellen. Doch gegen die fiesen Eindringlinge haben die Helferzellen keine Chance. Sie sterben langsam. Und mit ihnen bricht das Immunsystem des Körpers zusammen, bis es eben nicht einmal mehr einen simplen Schnupfenerreger bekämpfen kann. Erst dann spricht man übrigens davon, dass bei einem Menschen mit HI-Virus die Krankheit Aids ausgebrochen ist. Vorher redet man von einer HIV-Infektion.

T-HelferZellen:

Sie zählen zu den weißen Blutkörperchen und gehören zur "Gesundheitspolizei" des Körpers. Sie erkennen und bekämpfen "Feinde" und alarmieren andere Helferzellen

Es passiert sehr oft, dass Betroffene den Erreger jahrelang in sich tragen, ohne dass sie selbst oder andere etwas davon mitbekommen. Bloß: Sie können auch in dieser Zeit das ansteckende Virus weitergeben - noch so eine Tücke, die die Forscher entdeckt haben. Sie wissen mittlerweile eine Menge über dieses winzige Wesen. Wie groß es ist: etwa ein Zehntausendstel Millimeter. Woraus es besteht, woher es kommt: Sein Vorläufer hat wohl schon lange in afrikanischen Affen existiert und ist vermutlich im frühen 20. Jahrhundert auf den Menschen übergesprungen und hat sich dort verändert. Anders als bei Menschen löst das Virus in den Affen aber nicht die tödliche Krankheit Aids aus. Und Schindler, der Hamburger Forscher, hat herausgefunden, warum: "Kurz gesagt, ist das Affen- Virus etwas schlauer", erklärt er. "Es bildet nämlich ein bestimmtes Eiweiß, welches dafür sorgt, dass die infizierten Zellen nicht absterben. Denn dann kann es sich ja nicht mehr vermehren."

Als der heute 32-Jährige diese Erkenntnis in Fachzeitschriften veröffentlicht und auf Tagungen präsentiert, keimt wieder einmal Hoffnung auf: Vielleicht lässt sich ja mit diesem Eiweiß aus Affen- Viren ein Medikament gegen Aids entwickeln. Schindler schüttelt den Kopf. Er weiß: Das HI-Virus wandelt sich dauernd - in einem Menschen, in einer Bevölkerung, in der Welt. Es verändert sich so schnell, dass ein Virus, das man hier in Hamburg untersucht, einem anderen aus Kapstadt oder Kalkutta in seinem Bauplan kaum ähnlicher ist als der Mensch einer Meerkatze. Darum lässt es sich so schwer bändigen. Und darum verabschieden sich die Forscher mittlerweile auch von der Idee, den einen Impfstoff für die ganze Welt zu finden. Sie arbeiten stattdessen an Stoffen für einzelne Bevölkerungsgruppen - und an ganz anderen Lösungen. Kollegen von Michael Schindler tüfteln im Labor nebenan an einer Art chemischer Mini-Schere, die den Bauplan des HI-Virus wieder aus den befallenen Helferzellen herausschneiden soll. Möglicherweise, irgendwann einmal. Bis dahin können Menschen eigentlich nur eines gegen Aids machen: sich durch Vorsicht gegen das HI-Virus schützen.

Impfstoff:

Abgetötete oder abgeschwächte Krankheitserreger, die einem Menschen verabreicht werden. So trainiert dessen Immunsystem, die Erreger abzuwehren

So steckt man sich mit dem HI-Virus an - so kann man sich davorschützen:

HI-Viren sind tückisch - und am Ende tödlich. Aber: Man kann sich vor ihnen schützen! Die Erreger schwimmen etwa im Blut eines Menschen, im Sperma eines Mannes oder in der Scheidenflüssigkeit einer Frau. Nur wenn man direkt mit diesen Körperflüssigkeiten eines HIV-Infizierten in Berührung kommt, kann sich der teuflische Erreger übertragen. Dann etwa, wenn sein Blut in eine offene Wunde gelangt. Groß ist die Ansteckungsgefahr aber auch, wenn ein Mensch Sex mit einem Partner hat, der das Virus in sich trägt. In neun von zehn Fällen wird es heutzutage so übertragen. Darum ist der wichtigste Schutz gegen das Virus, beim Geschlechtsverkehr Kondome zu benutzen. In Südafrika wie überall auf der Welt sind deshalb Helfer unterwegs, die vor allem junge Menschen darüber aufklären. Aber sie erzählen ihnen auch, dass es keinen Grund gibt, HIV-infizierte Menschen auszugrenzen. Im ganz normalen Alltag besteht nämlich kaum Gefahr, sich mit dem HI-Virus anzustecken. Es überträgt sich nicht durch die Luft und auch nicht beim Händeschütteln, Umarmen, Küssen, nicht im Schwimmbad oder durch die gemeinsame Nutzung einer Toilette.

So wütet das Virus in den Zellen:

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Ein HI-Virus hat winzige Noppen auf seiner Oberfläche, kleine "Schlüssel", mit denen es ganz bestimmte Zellen aufschließen kann, in der Grafik etwa eine T-Helferzelle 1. Hat es solch eine Zelle erkannt, dockt das Virus an und verschmilzt damit. Gleichzeitig schleust es sein Erbgut, also seinen Bauplan, in die Zelle ein 2. Bloß: Dieser Bauplan ist in einer Sprache geschrieben, mit der die Zelle nichts anfangen kann. Darum wird der Bauplan nun in eine verständliche Sprache übersetzt 3. Und genau diese Übersetzung wird im nächsten Schritt in das Erbgut im Zellkern der Zelle eingebaut 4. Danach läuft in der Zelle alles nur noch nach dem Plan des Virus ab. Und das bedeutet: Die Zelle produziert ständig neue Viren 5 , bis sie am Schluss selbst daran zugrunde geht.

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