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Wissenschaftskommunikation: FameLab: Das Finale

Beim FameLab geht es darum, die Ernte jahrelanger Forschung auf 180 unterhaltsame Sekunden zu komprimieren. Und zwar so, dass es wirklich jeder versteht. Im Finale dieses von GEO mit ausgerichteten Wettbewerbs errang jetzt der Physiker Carsten Graf von Westarp den ersten Platz - mit einer Halbleiter-Romanze

Text von Jens Schröder


Manche Liebesgeschichten sind endlos schön. Andere ziehen sich am Ende viel zu lange hin. Und fast alle dauern länger als drei Minuten - bis auf die, die der Physiker Carsten Graf von Westarp am Samstagabend im Bielefelder Ringlokschuppen erzählte. Seine Romanze, zwei Minuten, 50 Sekunden, handelte von der unerwarteten Innigkeit zwischen Supraleitern und Halbleitern. Und davon, dass diese äußerst materielle Liebe nicht nur Berge versetzen, sondern auch Atomkraftwerke überflüssig machen könnte.

Mit wenigen Sätzen skizzierte der 29-jährige Doktorand der Universität Hamburg die Leiter-Liaison. Auf einer Bühne, vor 600 Laien. Die am Ende völlig aus dem Häuschen waren.

Klingt unrealistisch? Ist aber "FameLab". Dieser von GEO in Deutschland mit ausgerichtete Wettbewerb der Welterklärer ist am Samstag mit einem grandiosen Finale zu Ende gegangen. Aus fünf regionalen Vorentscheiden, in Lübeck, Hamburg, Karlsruhe, Bielefeld und Potsdam, haben insgesamt zehn Qualifikanten den Einzug in die Endrunde geschafft. Und sich dort noch einmal im Rahmen des aus Großbritannien stammenden strengen Regelwerks miteinander gemessen: Die Jungwissenschaftler dürfen maximal 35 Jahre alt sein. Jeder hält einen Vortrag von maximal drei Minuten. Als Requisite ist nur erlaubt, was man eigenhändig auf die Bühne tragen kann. Und es herrscht striktes "Powerpoint-Verbot". Eine Jury aus vier Experten bewertet die Vorträge nach den Kriterien Klarheit, Verständlichkeit, Originalität und Charisma. Witz, auch bei ernsten Themen, schadet ebenfalls nicht - zumal ja auch das Publikum begeistert werden soll.

Das wurde es auch. Denn was für die zehn Redner harte Arbeit war, bedeutete für die Zuschauer einen rasanten Parforce-Ritt durch die deutsche Forschungslandschaft: Ein Medizintechniker von der Berliner Charité redet von seiner Forschung an Gelenkprothesen - und erklärt nebenbei, warum Bier trinken (mit angewinkeltem Arm und kurzem Krafthebel an der Schulter) orthopädisch gesehen gesünder ist, als die Flasche nur festzuhalten. 2:49 Minuten. Eine Klimaforscherin vom Karlsruher Institut für Technologie erläutert, wie die Chinesen Regenwolken impfen, und was das mit ihren Lieblingsaerosolen und einer ominösen Wolkensimulationskammer in Karlsruhe zu tun hat. 2:53 Minuten. Ein Mediziner vom Lübecker Fraunhofer-Institut erscheint verkleidet als orientalischer Magier und stellt fest: Wer Organe künstlich züchten will, muss vom Hühnerei lernen, in dem neue Zellen wie aus dem Nichts an der Grenze zwischen zwei Flüssigkeiten entstehen, Eiweiß und Eigelb. Exakt 3:00 Minuten. Ein Astrophysiker aus Bielefeld hat sein altes Transistor-Radio mitgebracht, um mithilfe des Rauschens zwischen den Sendern nichts weniger zu erklären als das Universum: in 2:55.

Ein schnelles, ein knackiges Format, das jungen Forschern eine Tür aus dem Elfenbeinturm eröffnet. Und nach der haben sich, ganz offenbar, viele gesehnt.

"Die Herausforderungen der modernen Wissenschaft befinden sich immer mehr im unsichtbaren Bereich", sagt GEO-Chefredakteur Peter-Matthias Gaede, einer der Juroren im FameLab-Finale. "Sie werden gemeistert hinter verschlossenen Labortüren und unter dem Elektronenmikroskop." Daher hafte der Wissenschaft häufig etwas Dünnlippiges an, sie "erscheint blutarm und wie in Trockenstarre."

Formate wie FameLab, oder die verwandten Science Slams, bieten die Möglichkeit, diese Starre aufzubrechen. Und der Gesellschaft das wahre Heldentum ihrer Forscher wieder etwas näher zu bringen. Freilich: Niemand im Publikum ist an diesem Abend Experte für Astrophysik geworden. Niemand hat den Durchbruch bei der Organzüchtung bis ins Letzte durchdrungen. Niemand könnte die Chaos-Dynamik in einem Wolkenaerosol erklären. Aber das ist auch nicht der Anspruch von FameLab. Wichtig ist: Jeder nimmt eine ungefähre Vorstellung von dem mit, was Wissenschaftler, bezahlt mit Steuergeld, in ihren Laboren und bei ihren Feldforschungen veranstalten. Und warum es wichtig ist. Auch wenn wir als Laien manchmal nur ein Zipfelchen davon verstehen können.

Für die jungen Forscher ist der Vortrag durch die Kürze übrigens nicht einfacher geworden. Sie müssen sich zu laientauglichen Vergleichen aus dem Alltag zwingen, die wissenschaftlich nicht immer ganz exakt sind. Und sie müssen ihre Gedankenarbeit von Monaten und Jahren in 180 Sekunden so radikal zuspitzen, wie sie es wohl noch nie zuvor getan haben. An solcher Verknappung sind schon Berühmtheiten gescheitert. Von Goethe soll soll der Satz stammen: "Ich wollte Dir einen kurzen Brief schreiben, aber ich hatte keine Zeit (und so ist es ein langer geworden)."

Und natürlich siegt am Ende die Liebe. In diesem Fall repräsentiert von Carsten Graf von Westarp und seiner elektrisierenden Halbleiter-Romanze. Der junge Hamburger ist damit Deutschlandsieger von Famelab 2011. Er wird Anfang Juni beim Science Festival im britischen Cheltenham Deutschland vertreten und mit seiner Liebesgeschichte gegen Konkurrenten aus 17 Ländern antreten, von Österreich über Aserbaidschan bis Vietnam.

Und die Liebesgeschichte der deutschen Jung-Wissenschaftler mit FameLab: Die hat gerade erst begonnen.



Mehr zu den Themen: FameLab, Wissenschaft, Veranstaltung

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