Ganz still ist der Weißrückengeier, den Jörg Melzheimer auf seinem Schoß in den Armen hält. Mit einer Hand sichert er behutsam den langen Hals: nicht zu fest und nicht zu locker, damit der Vogel ruhig bleibt und nicht mit seinem großen, spitzen Schnabel nach ihm hackt. Gleich wird er ihm einen Sender auf den Rücken schnallen, wie einen Minirucksack. Danach wird der Geier mit ein paar wenigen, kräftigen Flügelschlägen abheben. Und zwischen den Baumkronen der Akazien verschwinden, hier im Murchison Fall National Park in Uganda.
Doch wohin er fliegt, ob er schläft, hüpft oder kämpft, das zeichnet nun der Sender auf. Ortwin Aschenborn und Jörg Melzheimer vom Berliner Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung haben die Geräte entwickelt. Die beiden Forscher wollen sehen, was die Geier sehen, wissen, was Vögel wissen. Die Sender sammeln dazu Bewegungsdaten und Fotos, aus denen im nächsten Schritt eine KI ableitet, was die Geier gerade tun. Fressen zum Beispiel. Im Idealfall erfahren die Forscher so, wo ein gewildertes Tier liegt – und kommen dessen Wilderern viel schneller auf die Spur. In Deutschland könnten besenderte Vögel bald verraten, wo sich die Schweinepest ausbreitet oder wo illegal gefischt wird. "Wir können es uns nicht mehr leisten, einen Forscher zehn Jahre lang in den Busch zu setzen, bis er etwas Spannendes entdeckt", sagt Melzheimer. Dafür verändere sich heute alles zu schnell, Klima, Artenvielfalt, Landnutzung. "Durch unsere Allianz mit den Geiern lernen wir, was passiert – heute, nicht erst in 100 Jahren."