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Psychologie: Wer vergeben ist, ist sexy
Von wegen "sicherer Hafen der Ehe": In dem Moment, wo sich ein Mann auf eine feste Bindung mit einer Frau einlässt, wird er das Ziel begehrlicher Blicke der weiblichen Restbevölkerung. Dies lassen zumindest die Untersuchungen eines amerikanischen Biologen vermuten.
Lee Alan Dugatkin von der Louisville-Universität im US-Bundesstaat Kentucky schlägt in seinen Studien einen großen Bogen vom Verhalten der Guppys bis zur Groupie-Kultur. Das gemeinsame Muster, das er in seinem Buch "The Imitation Factor" beschreibt, ist der Nachahmungseffekt: Was andere gewählt haben, kann nicht schlecht sein. Und Frauen folgen dem Trieb des "mate copying" häufiger als Männer. Der Vorteil dieses Verhaltens liegt nach Meinung des Forschers in der Zeitersparnis: Aufwendige Tests entfallen, wenn schon andere den "Gebrauchsartikel" für gut befunden haben. Bei Frauen sei das Verfahren verbreiteter als bei Männern, weil weibliche Lebewesen generell mehr darauf achteten, den "richtigen" Partner zu finden als männliche Individuen, die in dieser Hinsicht weniger wählerisch seien. Denn eine Reihe von Faktoren entfallen bei der männlichen Partnerwahl: Männer bedürfen weniger Schutz und können sich leichter den Verpflichtungen der Kinderaufzucht entziehen als Frauen.
Besonders eindrucksvoll dokumentiert wurde der Einfluss des Nachahmungseffekts in einem Experiment mit Guppys. Als überaus attraktiv für die Guppy-Weibchen gelten orangefarbene Männchen, während graubraune Partner normalerweise verschmäht werden. Dugatkin gelang es jedoch, dieses Standardritual zu hintertreiben: Er sperrte ein Weibchen in einen Glaskasten mit einem graubraunen Männchen. Mangels einer Alternative ließ es sich von diesem Fisch begatten. Gleichzeitig erlaubte der Forscher einem anderen Weibchen in einem abgetrennten Teil des Aquariums, den beiden beim Liebesspiel zuzuschauen. Wurde daraufhin die Trennscheibe entfernt, wählte auch die Voyeurin den graubraunen Partner - selbst wenn gleichzeitig orangefarbene Männchen zur Auswahl standen.
Mit einem Kollegen an der Louisville-Universität, dem Psychologen Michael Cunningham, ersann Dugatkin daraufhin ein Experiment an Menschen: 166 weibliche Studenten erhielten einen ausgefüllten Fragebogen, der Informationen zur Attraktivität eines Mannes namens Chris enthielt - einerseits auf einer Werte-Skala von 1 bis 10 und andererseits in Verbindung mit einer Angabe, bei wie vielen Frauen Chris für besonders attraktiv eingeschätzt wurde. Was die Studentinnen nicht wussten: Chris gab es nicht wirklich. Und der Fragebogen war nicht - wie ihnen die Forscher glauben machten - von anderen Studentinnen ausgefüllt worden, sondern von den Forschern selbst. Auf die Frage, ob sie sich gerne mit Chris treffen würden, richteten sich die Studentinnen wesentlich mehr nach der Zahl seiner weiblichen Fans als nach der abstrakten Attraktivitätsskala. Das gleiche Experiment an Männern - hier wurde aus Chris eine Frau - fiel dagegen weit weniger deutlich aus.
Aus dem Interesse am Urteil der anderen resultiert, so Dugatkin, der "Schneeballeffekt" in Modetrends. Ist erst eine gewisse "kritische Zahl" von Nachahmern erreicht, ist der Erfolg unaufhaltsam - bis sich vereinzelte Trendsetter einem neuen Vorbild zuwenden und neue Nachahmer finden.
Weitere Links zum Thema
Näheres über Lee Alan Dugatkins Forschungsinteressen erfahren Sie auf seiner Homepage. Mit Kurzbeschreibung seines Guppy-Experimentes. English Version.
http://www.mindship.org/moller.htm
Über die sexuelle Selektion und die Biologie der Schönheit. English Version.
http://www.zoo.uib.no/classics/darwin.html
Darwins Evolutionstheorie Online. English Version.
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