Nützliche Bakterien Die richtigen Nasenmikroben könnten vor Long Covid schützen

Eine Frauennase im Profil
Einer neuen Studie zufolge birgt die Nase eventuell einen Schlüssel zur Lösung des Rätsels, warum manche Menschen an Long Covid erkranken und andere nicht
© Igor Veselkov / Adobe Stock
Womöglich gibt es einen Zusammenhang zwischen Nasenflora und Long-Covid-Risiko. Nützliche Bakterien könnten die Immunantwort stärken. Auch Antibiotika rücken in ein neues Licht

Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) erkranken schätzungsweise sechs von 100 Menschen, die sich mit Corona infizieren, später an Long Covid. Impfungen senken zwar das Risiko, dennoch sind weltweit Hunderte Millionen betroffen.

Warum aber viele die Infektion unbeschadet überstehen, während andere dauerhaft Symptome wie Brain Fog, Fatigue und Atemprobleme entwickeln, ist nach wie vor rätselhaft. Forschende könnten nun eine mögliche Erklärung im Mikrobiom der Nase gefunden haben, wie sie in der Fachzeitschrift "Microbiology Spectrum" schreiben.

Das Forschungsteam der Katholischen Universität Löwen in Belgien untersuchte zwischen 2020 und 2024 Infizierte, die im Krankenhaus behandelt wurden und verglich sie mit Grippepatienten und gesunden Probanden. Das Team wollte wissen, ob sich der Krankheitsverlauf anhand von Biomarkern vorhersagen lässt.

Bestimmte Bakterien in der Nase senken offenbar das Risiko für Long Covid

Alle Probanden wurden im Rahmen der übergeordneten "HYGIEIA"-Kohortenstudie, die sich mit den Folgen von Corona-Infektionen beschäftigt, umfassend medizinisch untersucht. Speziell für diese Auswertung wurde aber nur der Nasen-Rachen-Abstrich berücksichtigt und Long-Covid-Symptome abgefragt. Der Abstrich wurde einmal während der akuten Infektion und dann noch einmal rund 80 Tage später vorgenommen. Unter den Probanden waren 50 Covid-Patienten mit moderatem Verlauf, 57 mit schwerem Verlauf sowie zum Vergleich 25 gesunde Kontrollpersonen und 24 Grippepatienten.

Die Studie lief insgesamt über fünf Jahre. Bei der Auswertung entdeckten die Forschenden überraschende statistische Zusammenhänge zwischen der Zusammensetzung des Nasenmikrobioms und dem Krankheitsverlauf. Vor allem das Bakterium Dolosigranulum pigrum und diverse Angehörige der Gattung Corynebacterium waren bei Patienten, die später Long Covid entwickelten, in geringerer Zahl vertreten. Das könnte umgekehrt darauf hindeuten, dass ihr Vorhandensein vor Long Covid schützt. 

Frühere Experimente unterstützen die Hypothese

Zwar belegt die vorliegende Studie dies nicht kausal, sondern liefert nur einen möglichen Zusammenhang. Allerdings deuteten schon zuvor Experimente in dieselbe Richtung. So zeigte ein Versuch an menschlichen Zellen der Atemwegsschleimhaut, dass Dolosigranulum pigrum die Immunantwort dieser Zellen beeinflusste, wenn sie mit Coronaviren infiziert wurden. Die Viren konnten sich weniger gut vermehren und hinterließen weniger Schäden.

Rasterelektronenmikroskopaufnahme von Corynebacterium tuberculostearicum
Bakterien der Gattung Corynebacterium kurbeln vermutlich die Immunantwort an. Hier eine Aufnahme im Rasterelektronenmikroskop von Corynebacterium tuberculostearicum
© DENNIS KUNKEL MICROSCOPY / Image Professionals

Gleichzeitig unterstützte Dolosigranulum pigrum in Mäusen die Bekämpfung von Streptococcus pneumoniae, einem Erreger, der Lungenentzündungen verursacht. Lungenentzündungen können als Komplikation einer Covid-Infektion entstehen und zu schweren Verläufen beitragen. In anderen Studien konnte wiederum gezeigt werden, dass sowohl Dolosigranulum pigrum als auch Corynebacterium die Immunantwort von Mäusen auf Infektionen mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 verbesserten.

Könnten Antibiotika das Mikrobiom in der Nase empfindlich stören?

Darüber hinaus fanden die Forschenden Hinweise darauf, dass kürzlich mit Antibiotika behandelte Patienten häufiger an Long Covid erkrankten. Allerdings war dieser Effekt aufgrund der kleinen Fallzahl nicht statistisch signifikant. Gleichwohl wirft das Team die Frage auf, ob zu leichtfertige Antibiotikabehandlungen das Nasenmikrobiom womöglich stören und das Risiko für Folgeschäden wie Long Covid erhöhen könnten.

Man kennt diesen Effekt von Darmleiden: Nach einer Antibiotikakur sind Darmmikrobiom und Verdauung häufig eine Zeit lang aus dem Gleichgewicht, und Krankheitserreger können sich leichter festsetzen. Ob dies auch für das Nasenmikrobiom zutrifft, beibt aber spekulativ.

Dolosigranulum und Corynebacterium könnten die Immunantwort stärken

Auch wenn ihre Studie nur Zusammenhänge und keine Kausalitäten aufzeigt, stellen die Forschenden weitreichende Hypothesen auf. So vermuten sie, dass insbesondere eine starke Besiedelung mit Dolosigranulum pigrum während einer akuten Covidinfektion die Immunantwort nicht nur bei Mäusen, sondern auch beim Menschen positiv beeinflusst. In der Folge würden vermutlich Lungenschäden minimiert, ebenso wie das Risiko für Long Covid.

Speziell Corynebacterium‑Arten wiederum kurbeln vermutlich die Produktion von Entzündungsbotenstoffen an, hindern die Viren an der Vermehrung und verstärken ebenfalls die Immunantwort. Außerdem verringern sie womöglich Lungenentzündungen.

Die Vision: Ein probiotisches Nasenspray gegen Corona

Sollten sich die Ergebnisse bestätigen, könnten sich daraus neue Behandlungsansätze ergeben. So wäre zum Beispiel denkbar, schreiben die Autor*innen, künftig bei einer Covidinfektion das Nasenmikrobiom mit günstigen Bakterien oder deren Stoffwechselprodukten zu behandeln, um Langzeitfolgen vorzubeugen.

Dafür wären aber zunächst weitere Studien nötig, bei denen Betroffenen gezielt nützliche Bakterien verabreicht werden. Und in die Zukunft gedacht: Vielleicht schützen wir uns eines Tages sogar mit einem probiotischen Nasenspray gegen schwere Coronainfektionen.