Medizin Nasenspray gegen Influenza-Viren: Wird die Grippeimpfung bald hinfällig?

Eine Flasche Nasenspray liegt auf einer spiegelnden Oberfläche
Ein Spray, um alle Influenzaviren zu bändigen: Was klingt wie Magie, könnte bald schon Wirklichkeit werden
© Mariyariya / Getty Images
Ein neues antivirales Nasenspray inaktiviert sämtliche Influenzaviren. Erste Tests an Menschen verliefen erfolgversprechend. Können wir demnächst auf die Grippeimpfung verzichten?

Grippe ist für vulnerable Menschen immer noch lebensgefährlich. Schwere Verläufe lassen sich durch eine Impfung in der Regel verhindern. Allerdings ist die nicht für alle geeignet. Ausgerechnet bei immungeschwächten Menschen oder solchen, die heftig auf den Impfstoff oder Wirkverstärker reagieren, kommt sie nicht in Betracht.

Und selbst Geimpfte können sich nicht immer komplett auf den Impfschutz verlassen. Nämlich dann, wenn die tatsächlich kursierenden Influenzastämme nicht ganz zum vorproduzierten Impfstoff passen. So wie es aktuell der Fall ist.

Ein neu entwickeltes Nasenspray des Pharmakonzerns Johnson & Johnson könnte diese Lücke schließen und mehr Menschen schützen. Ganz ohne Piks und Nebenwirkungen. 

Das Spray enthält einen Antikörper, der nach jetzigen Erkenntnissen gegen sämtliche Influenza-Stämme wirkt, wie Forschende im Fachmagazin "Science Translational Medicine" berichten. Darunter auch solche, die künftig vom Tier auf den Menschen überspringen und Pandemien auslösen könnten, wie etwa die in den USA schwelende Vogelgrippe.

Antikörper wirken bei vielen Krankheiten erfolgreich

Normalerweise mutieren Influenzaviren laufend. Das heißt, sie verändern ihre Oberflächenstrukturen, gegen die unser Immunsystem nach einer Infektion oder Impfung Antikörper gebildet hat. Deshalb begegnet uns die Grippe jedes Jahr wieder in einer neuen Gestalt.

Der Antikörper mit dem Namen CR9114 wurde speziell so entwickelt, dass er eine Stelle angreift, die nicht mutiert und daher bei allen Influenzaviren gleich ist. Dabei sah es in ersten Tierversuchen zunächst so aus, als sei CR9114 eine Fehlentwicklung. Der Antikörper wurde damals in den Blutkreislauf injiziert.

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© Africa Studio/Adobe Stock
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Man nennt das auch "passive" Schutzimpfung: Statt wie bei einer "aktiven" Schutzimpfung eigene Antikörper zu bilden, wird der Körper von außen mit fremden Antikörpern versorgt. Bei Krankheiten wie Tetanus, Hepatitis oder RSV ist das Verfahren Standard. In diesem Fall blieben die Antikörper jedoch wirkungslos. Offenbar kamen zu wenig davon in der Nasenschleimhaut an, um eine Infektion der Atemwege zu verhindern.

Eine erste klinische Phase-1-Studie am Menschen lässt hoffen

Erst als die Forschenden ein Nasenspray mit den Antikörpern entwickelten und applizierten, schlugen diese an. In Versuchen an Makaken und Mäusen konnte das Spray Infektionen mit verschiedenen Influenza-A-Stämmen und Influenza-B-Stämmen verhindern. Darunter ein Stamm, der zuletzt 1933 kursierte. Auch erste Studien an Menschen verliefen erfolgreich.

In einer klinischen Phase-1-Studie applizierten die Forschenden das Spray 143 Erwachsenen im Alter zwischen 18 und 55 Jahren zweimal täglich. Die Antikörperkonzentration in der Nase blieb so auf einem stabilen Level und verursachte keine nennenswerten Nebenwirkungen. Proben aus dem Nasenschleim der Versuchspersonen konnten im Laborversuch diverse Virenstämme inaktivieren. Zum Beispiel ein Vogelgrippevirus, das 2013 auf Menschen übergesprungen war.

Wer künftig von dem Nasenspray besonders profitieren könnte

Im nächsten Schritt soll mithilfe von Probanden nachgewiesen werden, dass das Spray tatsächlich wirksam verhindert, dass sich Menschen mit Influenzaviren infizieren. 

Angenommen, die Tests verlaufen erfolgreich – könnte dies das Ende der Grippeimpfung bedeuten?

Ganz ersetzen wird das Spray die Impfung wohl nicht, denn die Nase ist zwar mit die wichtigste, aber nicht die einzige Eintrittspforte der Viren. Diese können auch über den Mund in den Körper gelangen. Zudem ist eine konsequente Anwendung notwendig, damit es funktioniert.

Dennoch könnte das Spray künftig besonders vulnerablen Personen einen zusätzlichen Schutz bieten, erklärte eine Expertin, die an der Studie nicht beteiligt war, gegenüber dem "New Scientist". Zum Beispiel immungeschwächten Menschen, für die eine Impfung nicht infrage kommt, oder Mitarbeitenden im Gesundheitsdienst, die ständig Kontakt mit Viren haben. 

Auch im Falle einer künftigen Pandemie könnte das Antikörperspray noch vor den ersten aktiven Impfstoffen an vorderster Front eingesetzt werden. Denn im Gegensatz zu diesen ist keine lange Entwicklungszeit nötig, da es breit wirkt.

Wie sich die Nasenschleimhaut schon jetzt vor Viren schützen lässt

Bis das Antikörperspray alle klinischen Studien durchlaufen hat und eine europäische Zulassung erhält, dürfte noch einige Zeit vergehen, sofern es überhaupt so weit kommt. Doch schon jetzt gibt es eine Möglichkeit, die Nase vor Virusinfektion zu schützen.

Die Schleimhaut in der Nase ist von Natur aus dafür gerüstet, einen Großteil der Krankheitserreger, die uns tagtäglich begegnen, abzuhalten. Der Wechsel zwischen Kälte und Heizungsluft sowie Flüssigkeitsmangel kann sie allerdings austrocknen, rissig werden lassen und ihre Barrierefunktion beeinträchtigen. Dagegen hilft in erster Linie, viel zu trinken.

Ferner gibt es schon jetzt Nasensprays, die die Nase befeuchten. Darin enthaltene Wirkstoffe wie Carragelose oder Methylcellulose legen sich wie ein Film auf die Schleimhaut und können die Wahrscheinlichkeit, sich zu infizieren, Studien zufolge senken. 

Und wer ganz sichergehen will, wäscht sich regelmäßig gründlich die Hände – und setzt in öffentlichen Räumen auf die gute alte Atemschutzmaske.

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