"Breast is best", sagt die Medizin: Nichts ernährt Babys in den ersten Monaten ihres Lebens so ausgewogen und gesundheitsfördernd wie Muttermilch. Doch wie lange die Kleinen ausschließlich beziehungsweise insgesamt gestillt werden sollen, dazu gehen die Meinungen auseinander. Die Weltgesundheitsorganisation WHO spricht sich dafür aus, dass Säuglinge in den ersten sechs Monaten ihres Lebens (wenn möglich) nur Muttermilch zu sich nehmen. Danach sollen die Kleinen bis zu einem Alter von 24 Monaten weiter nach Bedarf an der Brust trinken.
Die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) stellt nun erstmals eine eigene Leitlinie zur Stilldauer vor, die Hebammen, Frauenärztinnen und Kinderärzten, Still- und Ernährungsberaterinnen, aber auch Eltern eine verlässliche Orientierung nach aktuellem Wissensstand bietet.
Was ist an der Leitlinie neu?
In Deutschland gab es bislang lediglich eine Handlungsempfehlung von 2025, die ein Team von Fachleuten erarbeitet hatte. Darin steht: "Im 1. Lebenshalbjahr sollen Säuglinge gestillt werden, mindestens bis zum Beginn des 5. Monats ausschließlich. Auch nach Einführung von Beikost – spätestens mit Beginn des 7. Monats – sollen Säuglinge weitergestillt werden. Wie lange insgesamt gestillt wird, bestimmen Mutter und Kind." Andere Länder Europas geben unterschiedliche Empfehlungen: Österreich und Schweden sehen den Beikost-Start zum Start des fünften Monats vor, Italien und Norwegen propagieren wie die WHO, im ersten halben Jahr nur zu stillen.
Die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) verändert und konkretisiert die vorherige Handlungsempfehlung leicht: Sie empfiehlt nun, gesunde Säuglinge (mit Ausnahme von Frühchen) bis zum vollendeten sechsten Lebensmonat ausschließlich zu stillen. Insgesamt sollen die Kleinen mindestens zwölf Monate gestillt werden. "Die unterschiedlichen Aussagen zur Dauer des Stillens haben viele Eltern verunsichert. Die eine Fachkraft rät zu vier Monaten, die andere zu sechs, das verwirrt", sagt Stillberaterin Pia Müller, die für die Elternorganisation Mother Hood an der Leitlinie mitgeschrieben hat. "Die neue Leitlinie bringt endlich Klarheit." Sie setze einen medizinischen Standard, auf dessen Grundlage Familien selbst entscheiden könnten.
Wie belastbar sind die Empfehlungen?
Bei der neuen Leitlinie handelt es sich um eine S3-Leitlinie – den Goldstandard evidenzbasierter Empfehlungen. Insgesamt haben 26 Berufsverbände, wissenschaftliche Fachgesellschaften und Organisationen über mehrere Jahre daran gearbeitet, federführend die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin, die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe und die Deutsche Gesellschaft für Hebammenwissenschaft.
Ausgewertet wurden insbesondere systematische Reviews und Metaanalysen, die Ergebnisse kleinerer Einzelstudien zusammenfassen und so auf eine größere Zahl von Teilnehmenden kommen. Das verhindert, dass statistische Ausreißer das Gesamtbild verzerren. Die eingeschlossenen Studien untersuchten einen Zusammenhang der Stilldauer mit rund 30 Aspekten der Gesundheit von Müttern und Kindern. Dazu zählten unter anderem Infektionen, chronische Erkrankungen und Zahngesundheit.
Dass viele Aussagen trotzdem eine niedrige oder sehr niedrige Evidenz haben, liegt an der Art der zugrunde liegenden Studien. Meist handelt es sich um reine Beobachtungsstudien. Aussagekräftiger wären Versuche, die Mütter und Kinder in Behandlungs- und Kontrollgruppe aufgeteilen: die einen stillen, die anderen nicht. Nur so lassen sich ursächliche Zusammenhänge belegen. Dagegen sprechen jedoch ethische Gründe. Außerdem sind vielen Arbeiten Querschnittsstudien, die im Idealfall einen Durchschnitt der Bevölkerung abbilden, den Gesundheitszustand der Untersuchten jedoch nicht über einen längeren Zeitraum hinweg verfolgen. Beide Faktoren führen automatisch zu einer Abwertung, so sehen es die Vorgaben für Leitlinien vor. Trotzdem handelt es sich um die belastbarsten Erkenntnisse, die wir zum jetzigen Zeitpunkt besitzen.
Wichtig ist zu betonen, dass es sich um statistische Empfehlungen für die Gesamtheit der Kinder handelt. Was jedes einzelne Baby für seine Gesundheit braucht, dazu kann im Zweifelsfall die behandelnde Kinderärztin, die eigene Hebamme oder Stillberaterin mehr sagen.
Welche Gesundheitsvorteile hat Stillen für Babys?
Stillen bringt eine Vielzahl gesundheitlicher Vorteile mit sich. Es verringert insbesondere das Risiko für Mittelohrentzündungen und Magen-Darm-Infekte. Über die Milch erhalten Babys nicht nur einen maßgeschneiderten Nährstoffmix, sondern profitieren auch vom Immunsystem der Mutter. Studien liefern auch Hinweise auf langfristige Gesundheitsvorteile, etwa ein verringertes Risiko für Asthma und Autismus-Spektrums-Störungen. Ob es einen ursächlichen Zusammenhang gibt, kann die Studienlage allerdings nicht beantworten.
Günstig scheint sich das Stillen auch auf die Zahn- und Kieferstellung auszuwirken: Beim Saugen an der Brust werden demnach Muskeln im Mund-, Gesichts- und Rachenbereich stärker gefordert als beim Saugen an der Flasche.
Regina Ensenauer, Professorin für Kinderernährung an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und Mitautorin der Leitlinie, fasst es so zusammen: "Kürzer gestillt versus sechs Monate gestillt bedeutet einen reellen Nachteil." Doch es sei natürlich nicht der einzige Faktor, der die gesundheitliche Entwicklung des Kindes bestimmt. Übergewicht etwa hängt auch von der Ernährung im weiteren Kindheitsverlauf ab.
Warum ab dem siebten Monate Beikost?
Sind Babys in den ersten Monaten ihres Lebens mit Milch zufrieden, werden sie irgendwann neugierig auf das Essen der Großen. Und das ist gut so – denn auf Dauer brauchen sie mehr Eisen, als Muttermilch allein liefern kann. Beikost führt außerdem bestimmte Eiweiße ein, die in dieser Zeit für Kinder wichtig werden. Eine ausschließliche Stilldauer von ungefähr sechs Monaten scheint also ein statistischer "Sweet Spot" zu sein, um die Kleinen optimal mit Nährstoffen zu versorgen – doch natürlich ist jedes Baby einzigartig in seinen Wünschen, Fähigkeiten und Bedürfnissen.
Warum zwölf Monate Stilldauer?
Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt eine Stilldauer von 24 Monaten unter anderen deshalb, weil in vielen Ländern die Hygienebedingungen und die medizinische Versorgung schlechter sind als bei uns. Entsprechend ist das Risiko für Durchfallerkrankungen größer. Gerade bei Kindern in den ersten Lebensjahren können diese Infektionen tödlich verlaufen. Muttermilch bietet einen gewissen Schutz.
Die deutsche Leitlinien-Kommission hat nicht untersucht, ob zwei Jahre Stillen besser ist als ein Jahr Stillen. Vielmehr hat sie geprüft, ob zwölf oder mehr Monate Vorteile gegenüber einer kürzeren Stilldauer bieten – auch deshalb, weil die Studienlage für eine Stilldauer von 24 Monaten deutlich dünner ist. Wenn Mutter und Kind das Stillen genießen, spricht absolut nichts dagegen, es über das erste Lebensjahr hinaus fortzuführen.
Hat Stillen auch Gesundheitsvorteile für die Mutter?
Ja. Frauen, die in ihrem Leben insgesamt zwei Jahre oder mehr gestillt haben, senkten ihr Risiko für eine Brustkrebserkrankung in einer internationalen Studie zufolge um fast 25 Prozent. Daten aus den deutschen Krebsregistern zeigen sogar noch deutlichere Effekte. Auch Gebärmutterkrebs und Eierstockkrebs treten seltener auf, ebenso wie Osteoporose im Alter – und das, obwohl sich während des Stillens der Knochenabbau leicht verstärkt. Auch den Blutdruck scheint es langfristig leicht zu senken, und das Risiko für postnatale Depressionen könnte sinken.
Was, wenn ich nicht stillen kann oder will?
Wer nicht stillt, soll sich durch die neuen Empfehlungen nicht unter Druck gesetzt fühlen. "Es sind letztendlich Leitplanken, die das Handlungsspektrum darstellen sollen", sagt Mitautor Michael Abou-Dakn, Chefarzt der Klinik für Geburtshilfe und Gynäkologie am St. Joseph Krankenhaus Berlin Tempelhof. Sie dienten vor allem als Orientierung für Menschen, die werdende und frischgebackene Mütter beraten – Frauenärztinnen, Kinderärzte, Hebammen, Stillberaterinnen, Pflegepersonal. Sie sollen sicherstellen, dass ihre Patientinnen eine freie, aber informierte Entscheidung treffen können.
Der zweite Teil der Leitlinien, der später veröffentlicht wird, widmet sich unterstützenden Maßnahmen für Mütter, die stillen wollen, aber Mühe damit haben. Er soll klarstellen, was nachweislich hilft, vom Stillbeginn in der Klinik bis zur Zeit daheim. Die Politik unterstützt dieses Anliegen mit einer Nationalen Strategie zur Stillförderung. Natürlich gibt es auch seltene Situationen, in denen Stillen nicht empfehlenswert ist: etwa, wenn die Mutter Medikamente nimmt, welche in die Milch übergehen und dem Kind schaden können. Dazu beraten am besten die behandelnden Ärzte und Ärztinnen.