Wer ins All fährt, ist größten Belastungen ausgesetzt: extreme G-Kräfte beim Start, dann kosmische Strahlung und Schwerelosigkeit, die die Muskeln verkümmern lassen. Und nicht nur das: Die fehlende Schwerkraft stört auch die Zellorganisation und das Zellwachstum, während das dauerhafte Bombardement der Strahlen das Immunsystem unterdrückt. Verletzt sich ein Astronaut oder eine Astronautin, heilen Wunden deshalb schlechter.
Was sich Forschende dagegen ausgedacht haben, klingt nach Science-Fiction: eine Art Supergel mit lebenden Zellen, das Blutungen stillt, Wunden schneller schließen lässt und strahlungsbeständig ist. Es soll Infektionen bekämpfen, übermäßige Narbenbildung verhindern und ohne Verbandswechsel auskommen – gut, um Fracht zu sparen, denn Platz ist rar auf Raummissionen, und jedes Gramm Nutzlast muss mit viel Energie befördert werden.
"StellarHeal" heißt das Gel, das vom Fraunhofer-Institut für Silicatforschung in Würzburg, dem Fraunhofer-Institut für Toxikologie und Experimentelle Medizin in Hannover und dem Dresdener Institut für Luft- und Kältetechnik entwickelt wurde. Der Clou dabei ist die Verbindung eines Trägermaterials – dem Gel – mit lebenden Zellen, die weiterwachsen und sich teilen können.
Eine Illustration zeigt, wie der Ernstfall im Weltraum aussehen könnte: Per Spritze oder Pflaster bringt der oder die Verletzte die zelltragenden Materialien aus Kieselgelfaservlies und Kryogel direkt auf die Wunde. Dort werden die Inhaltsstoffe aktiv: aus Stammzellen gewonnenes Gewebe und Immunzellen, die Krankheitserreger, Fremdstoffe und Zellreste abbauen und Entzündungs- und Reparaturprozesse fördern. Die Wunde wächst nun viel schneller zusammen, das fremde Trägermaterial wird dabei vom Körper resorbiert.
Aber dafür müssen auch die lebenden Zellen den anstrengenden Flug ins All überstehen. Um das zu testen, haben gerade die ersten Proben die Erde verlassen: Über den Weltraumbahnhof Esrange Space Center nahe Kiruna in Schweden, rund 200 Kilometer nördlich des Polarkreises, wurde StellarHeal an Bord einer Forschungsmission in die Stratosphäre geschossen. "Wir wissen bisher nicht, wie sich einzelne Komponenten unter den extremen Bedingungen eines Raketenstarts verhalten", sagt Dr. Dieter Groneberg, der das StellarHeal-Projekt leitet. "Das ist für uns ein ganz spannendes Black-Box-Experiment!"
Nun warten die Forschenden darauf, die Proben auswerten zu können. Haben die Zellen etwa das Einfrieren im Kryobehälter überlebt, damit sie sich nach dem Auftauen auch wirklich weiter teilen? Die Entwicklung bis zum fertigen Produkt wird noch dauern. Aber wenn es den Forschenden gelingt, könnte ihr Mittel in Zukunft auch schwer heilende Verletzungen auf der Erde wie von Wunderhand reparieren.