Schlafforschung Je wilder, desto erholsamer: Was Träume über die Schlafqualität verraten

Fotomontage: Frau vor rotem Hintergrund biegt ihren Oberkörper und Kopf nach hinten, der Kopf steckt teils in einer Wolke
Verrückte Bilder, verzerrte Körper, starke Gefühle: Gerade besonders lebhafte Träume könnten entscheidend dafür sein, wie erholsam wir unseren Schlaf erleben
© alireza karimian / 500px / Getty Images
Was macht eine Nacht wirklich erholsam? Nicht nur Dauer und Tiefe des Schlafs spielen eine Rolle. Forschende entdecken einen Faktor, der lange unterschätzt wurde: unsere Träume

Und plötzlich reißt es einen aus der Nacht: Man wacht auf, erinnert sich an einen wilden, vielleicht sogar verstörenden Traum – und ist überzeugt, schlecht geschlafen zu haben. Zu viel Kopfkino, zu wenig Erholung. Doch genau dieses Bauchgefühl könnte uns in die Irre führen.

Eine neue Studie um den Schlafforscher Giulio Bernardi, veröffentlicht in "PLOS Biology", stellt eine der zentralen Annahmen der Schlafforschung infrage. Demnach entscheidet nicht allein die Tiefe unseres "biologischen" Schlafs darüber, wie erholsam wir eine Nacht empfinden, sondern auch, wie wir träumen.

Der alte Maßstab: langsame Wellen, tiefer Schlaf

Lange galt in der Forschung eine vergleichsweise klare Gleichung: Je ausgeprägter die langsamen Hirnwellen des Tiefschlafs, desto erholsamer die Nacht. Diese sogenannten Slow Waves entstehen vor allem im Non-REM-Schlaf, also in den Schlafphasen ohne intensive Traumaktivität, und gelten als Marker für körperliche Regeneration. Der Organismus fährt herunter, das Gehirn synchronisiert sich, der Körper repariert.

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Und tatsächlich zeigt auch die neue Studie: Wenn sich die Hirnaktivität von schnellen zu langsameren Wellen verschiebt, berichten Menschen tendenziell von tieferem Schlaf. Doch dieser Zusammenhang hat eine erstaunliche Schwäche.

Der Moment, in dem Träume die Kontrolle übernehmen

Sobald Träume ins Spiel kommen, verändert sich das Bild grundlegend. Für ihre Untersuchung weckten die Forschenden 44 Probandinnen und Probanden über vier Nächte hinweg immer wieder aus dem Schlaf, zeichneten parallel die Hirnaktivität per EEG auf und ließen sich unmittelbar berichten, was im Inneren geschehen war.

Das Ergebnis: Sobald jemand geträumt hatte, verlor die klassische Messgröße – die langsame Hirnaktivität – an Bedeutung. Stattdessen rückte etwas anderes in den Mittelpunkt: die Qualität des Traums. Menschen empfanden ihren Schlaf als besonders tief und erholsam, wenn ihre Träume

  • lebhaft,
  • emotional intensiv
  • oder geradezu bizarr waren.

Hingegen gingen eher abstrakte, gedankenartige Trauminhalte – ein inneres Grübeln, ein halbwaches Reflektieren – mit dem Gefühl einher, oberflächlich geschlafen zu haben.

Die Nacht als Innenwelt

Die Forschenden schlagen dafür ein ebenso schlichtes wie weitreichendes Bild vor: Träume wirken wie ein innerer Schutzraum, der uns von der Außenwelt abschirmt. Je intensiver wir in eine innere Welt eintauchen, desto stärker löst sich das Gehirn von äußeren Reizen. Es ist, als würde sich eine zweite Realität über die erste legen, dichter, geschlossener, schwerer zu durchdringen.

Und genau dieses "Eingeschlossensein" könnte der Schlüssel sein: Nicht die Tiefe der Bewusstlosigkeit entscheidet darüber, wie erholsam wir schlafen, sondern die Tiefe des Eintauchens. 

Warum fünf Stunden manchmal reichen

Das erklärt auch ein alltägliches Rätsel. Viele kennen Nächte, nach denen sie sich trotz kurzer Schlafdauer erstaunlich frisch fühlen, und andere, in denen selbst acht Stunden nicht genügen. Die neue Studie liefert eine mögliche Erklärung: Erholung scheint weniger eine Frage der Stunden zu sein als eine Frage dessen, was in ihnen geschieht. Wenn der Schlaf von intensiven, immersiven Träumen geprägt ist, kann er sich subjektiv tiefer anfühlen, selbst wenn objektive Marker etwas anderes nahelegen. Umgekehrt kann ein Mangel an solchen Traumerlebnissen dazu führen, dass wir uns trotz "ausreichender" Schlafzeit nicht wirklich erholt fühlen.

Träumen wir uns zur Erholung?

Was bedeutet das für unseren Blick auf den Schlaf? Zunächst einmal relativiert die Studie eine verbreitete Fixierung: Schlaf ist nicht nur ein biologischer Zustand, den man an Hirnwellen ablesen kann. Er ist auch eine Erfahrung. Und diese Erfahrung entsteht offenbar zu einem erheblichen Teil im Traum.

Dabei ist entscheidend: Man muss sich nicht einmal an die Träume erinnern. Schon die bloße Tatsache, dass das Gehirn in diesen Modus eingetreten ist, reicht aus, um das Gefühl von Tiefe zu verstärken.

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