Der Doppeldecker ist längst ein touristisches Wahrzeichen Londons. Ende der 1940er-Jahre war er schlicht ein Nahverkehrsmittel. Eine der Linien, die Nummer 187, führte durch das Industriegebiet Park Royal, vorbei am Central Middlesex Hospital, wo der Epidemiologe Jerry Morris arbeitete.
Morris leitete die Abteilung für Sozialepidemiologie am Medical Research Council. Im Nachkriegsbritannien stieg die Sterblichkeit durch Herzinfarkte, und der Council hatte Morris beauftragt, mögliche Ursachen zu ermitteln. Als wahrscheinlichste Einflüsse galten Stress, Ernährung und genetische Faktoren.
Morris wertete akribisch die Obduktionsprotokolle der vergangenen 50 Jahre aus und untersuchte die Häufigkeit von Herzinfarkten bei Männern. Wovon sich ein Mensch ernährte oder wie stark er unter Stress stand, ließ sich aus diesen Dokumenten nicht ablesen. Vermerkt waren lediglich Alter, Todesursache und Beruf. Genau diese Rubrik brachte Morris auf die Spur eines Faktors, der auf keiner Liste der Verdächtigen stand.
Das perfekte Studiendesign
Denn der Beruf lässt Rückschlüsse auf das Maß an Bewegung zu. Ein Hafenarbeiter oder Bauarbeiter ist den Großteil des Tages auf den Beinen, ein Büroangestellter sitzt. Als Morris die Todesursachen mit den Berufen abglich, zeichnete sich ein auffälliges Muster ab. Menschen in bewegungsintensiven Berufen starben seltener an Herzinfarkten.
Diese Korrelation anhand von Obduktionsprotokollen zu überprüfen, war freilich unmöglich. Zu viele Störfaktoren blieben im Dunkeln: Einkommen, Ernährung, Wohnumfeld und Lebensstil. Nötig war eine Gruppe von Menschen, die unter gleichen Bedingungen lebten und arbeiteten, gleichem Alter und Sozialstatus angehörten, sich aber im Umfang ihrer körperlichen Aktivität unterschieden. Ein solches Ideallabor lässt sich in der Wirklichkeit kaum schaffen.
Doch auf einer seiner Fahrten mit der Linie 187 kam Morris der Gedanke, dass er es gar nicht schaffen musste, weil es bereits existierte. In jedem Londoner Doppeldeckerbus arbeiteten zwei Männer: der Fahrer und der Schaffner. Beide waren zwischen 35 und 64 Jahre alt, stammten aus denselben Londoner Vierteln und teilten einen ähnlichen sozialen und kulturellen Hintergrund. Die Kollegen fuhren dieselbe Schicht unter denselben Bedingungen. Oft aßen sie sogar in denselben Imbissen. Alles war gleich, bis auf eines. Der Fahrer saß über 90 Prozent seines Arbeitstags in der Kabine, während der Schaffner ununterbrochen in Bewegung war. Er lief durch den Bus, verkaufte Fahrkarten, stieg ins Oberdeck hinauf und wieder hinunter, pro Schicht bis zu 750 Treppenstufen.
Hinzu kam ein entscheidender Vorteil. Fahrer und Schaffner waren, wie alle Beschäftigten des London Transport Executive, in demselben medizinischen System erfasst. Jede Herzerkrankung und jeder Infarkttod wurde in der Krankenakte dokumentiert. Das Experiment war im Grunde längst gelaufen. Die Wirklichkeit hatte es bereits geschaffen. Es fehlte nur noch die Auswertung.
Morris analysierte die Krankenakten von 31.000 Fahrern und Schaffnern bei Bussen, Straßenbahnen und Oberleitungsbussen. Das Ergebnis war eindeutig. Fahrer starben etwa doppelt so häufig an einem plötzlichen Herzinfarkt wie Schaffner. Wenn Schaffner einen Infarkt erlitten, verlief er außerdem milder, und sie erholten sich schneller.
Bewegung für mehr Herzgesundheit?
Heute klingt das beinahe banal. Damals wurde der Zusammenhang zwischen Bewegung und Herzgesundheit jedoch nicht ernst genommen. Eine einzige Beobachtung reichte nicht aus, um das zu ändern.
Morris wusste, dass seine These einer zusätzlichen Überprüfung bedurfte. Ließe sich das Muster in einer anderen Berufsgruppe reproduzieren, wäre es deutlich schwerer, es als Zufall abzutun. Morris hatte Zugang zu den Gesundheitsdaten von Postbediensteten. Er wertete sie aus und fand dieselbe Tendenz. Unter den Briefträgern, die den ganzen Tag zu Fuß oder mit dem Fahrrad Briefe austrugen, war die Rate an Herz-Kreislauf-Erkrankungen erheblich niedriger als unter den Telefonisten und Büroangestellten desselben Postdienstes, die ihren Tag am Schreibtisch verbrachten.
Die Ergebnisse beider Studien erschienen 1953 in dem renommierten Fachjournal "The Lancet". Die medizinische Fachwelt begegnete ihnen zunächst mit Skepsis. Doch der Aufsatz erregte Aufmerksamkeit auf der anderen Seite des Atlantiks.
Der amerikanische Epidemiologe Ralph Paffenbarger hatte Morris’ Theorie kurz vor seinem Wechsel ans National Heart Institute studiert und beschloss, sie zu überprüfen. Als Untersuchungsgruppe wählte er Hafenarbeiter und Kranführer im Hafen von San Francisco. Auch dort unterschieden sich die Arbeiter drastisch in ihrem Bewegungspensum. Hafenarbeiter schleppten den ganzen Tag Lasten, Kranführer saßen über die gesamte Schicht in ihren Kabinen. 16 Jahre Beobachtung ergaben ein klares Bild: Die Infarktsterblichkeit unter den Sitzenden lag um ein Drittel höher.
Dem Infarkt davonlaufen
In denselben 16 Jahren zeigte sich noch eine andere Entwicklung. Die Mechanisierung verdrängte die körperliche Arbeit aus einer Branche nach der anderen. Waren Anfang der 1950er-Jahre noch 40 Prozent der Hafenarbeiter in San Francisco körperlich aktiv, sank ihr Anteil bis 1972 auf fünf Prozent. Der Kontrast zwischen körperlich Aktiven und überwiegend Sitzenden, auf dem die Beobachtungen von Morris und Paffenbarger beruhte, löste sich zusehends auf. Heute gibt es in Londons Doppeldeckern keine Schaffner mehr. An ihre Stelle sind Fahrkartenautomaten getreten.
Sowohl das Problem als auch die Lösung formulierte Paffenbarger schon 1975: "Wenn körperliche Belastung vor Herzkrankheiten schützt, dann müssen Arbeitnehmer, denen schwere körperliche Arbeit fehlt, dieses Defizit durch energische Freizeitbewegung ausgleichen. Andernfalls droht ihnen ein erhöhtes Risiko."
Diese These überprüfte Morris anhand von Daten britischer Beamter. Im Büro bewegten sich alle gleich wenig. Dennoch unterschied sich die Häufigkeit von Herz-Kreislauf-Erkrankungen unter ihnen erheblich, je nachdem, was sie in ihrer Freizeit taten. Die neun Prozent, die regelmäßig liefen, schwammen, Tennis spielten oder Rad fuhren, litten halb so oft an koronarer Herzkrankheit wie die Übrigen.
Damit war die Idee der kompensatorischen Aktivität bestätigt. Die schädlichen Folgen eines sitzenden Lebens lassen sich teilweise ausgleichen, wenn man sich in der Freizeit gezielt bewegt. Diese Erkenntnis verwandelte körperliche Aktivität, bis dahin ein Merkmal wenig angesehener Arbeit, in ein Mittel der Gesundheitsvorsorge, das jedem offensteht, unabhängig vom Beruf.
Morris, der selbst unter den Folgen seiner sitzenden Tätigkeit litt, machte sich seine Entdeckung fast sofort zunutze. An einem Sonntagvormittag im Park zog er sein Jackett aus, drückte es seinen verblüfften Kindern in die Hand und lief los. Von da an wurde das Laufen zu einer festen Gewohnheit. Er hielt sich sogar für den ersten Menschen, der regelmäßig im Park joggte. In den 1950er-Jahren schauten ihm die Passanten nach, als habe er den Verstand verloren.
Als Jogging Anfang der 1960er-Jahre in den USA aufkam, wurden die ersten Freizeitläufer nicht selten sogar von der Polizei angehalten. Zu erklären, warum man auf der Straße lief, war schwierig. Der Hinweis auf die Gesundheit überzeugte kaum. Die Pioniere lernten schnell: Wer abends lief, machte sich leicht verdächtig. Seitdem gilt der frühe Morgen als die beste Zeit zum Joggen.
Für seine herausragenden Verdienste um die Erforschung von Sport und körperlicher Aktivität erhielt Morris 1996 bei den Olympischen Spielen in Atlanta gemeinsam mit seinem amerikanischen Kollegen Ralph Paffenbarger die Goldmedaille des IOC. Er starb im Alter von 99 Jahren.