Luftverschmutzung beeinträchtigt das Gehirn. Sie schädigt das Denkorgan schon im Mutterleib und ist wahrscheinlich ein Risikofaktor für Demenz. Dieselabgase können sogar kurzfristig die funktionelle Konnektivität im Gehirn, also die Denkleistung, verringern. Das haben Forschende anhand von MRT-Aufnahmen nachgewiesen.
Aber wenn schlechte Luft schlecht fürs Gehirn ist, ist dann umgekehrt saubere Luft gut fürs Gehirn? Dieser Frage sind Forschende aus den USA nachgegangen, ihre Ergebnisse veröffentlichten sie vorab in einer Pre-Print-Studie. Das Team hatte 119 Probanden aus dem Großraum Boston ausgewählt, die maximal 200 Meter von einer großen Hauptstraße entfernt wohnten und zwischen 30 und 74 Jahre alt waren.
Die Wirkung des Feinstaubs ist altersabhängig
Die Teilnehmenden erhielten jeweils einen Luftfilter für Wohnzimmer und Schlafzimmer. Der Luftfilter lief zwei Monate lang Tag und Nacht, mit einer einmonatigen Pause dazwischen. Der Clou: In einem Monat wurde der Filter durch eine Schein-Einheit ausgetauscht. Die Probanden wussten aber nicht, in welchem Monat der echte Filter und in welchem die Schein-Einheit lief. So wollten die Forschenden ausschließen, dass das Wissen um den Luftfilter oder die Geräuschkulisse das Ergebnis verfälscht. Filterhersteller waren weder finanziell noch inhaltlich an der Studie beteiligt. Sie wurde mit öffentlichen Mitteln finanziert.
Zu Monatsbeginn und Monatsende wurde jeweils die Gehirnleistung der Probanden mit kognitiven Tests gemessen. Das Ergebnis: Bei Menschen, die älter als 40 Jahre waren, beeinflusste der Luftfilter signifikant, wie sie in den Tests abschnitten. So waren exekutive Funktionen und mentale Flexibilität mit Filter im Schnitt um 12 Prozent verbessert. Die Forschenden schreiben, das sei vergleichbar mit dem Effekt, den zusätzliche Bewegung auf die Denkleistung hat. Bei Menschen unter 40 Jahren zeigte sich hingegen keine Wirkung.
Der IQ von Kindern sinkt abhängig von der Luftverschmutzung
Die Forschenden schließen daraus, dass das Gehirn ab der Lebensmitte anfälliger für die schädliche Wirkung von Feinstaubpartikeln wird. Allerdings sagt die Studie nichts über Langzeiteffekte aus. Das Ergebnis passt dennoch zu dem Bild, das frühere Untersuchungen zeichneten.
So hatte bereits 2022 ein Team um Gabriele Doblhammer von der Universität Rostock in einer vielbeachteten Studie die Auswirkungen von Feinstaub auf die Hirnleistung untersucht. Die Forschenden brachten die Ergebnisse kognitiver Tests von knapp 50 000 Erwachsenen mit den Feinstaubwerten der letzten zehn Jahre an deren Wohnort in Verbindung. Je höher die Konzentration an bis zu 2,5 Mikrometer großen Feinstaubpartikeln, desto schlechter schnitten die Betroffenen in den Tests ab. Der mutmaßliche Grund: Feinstaub gelangt über das Blut ins zentrale Nervensystem und löst dort Entzündungen aus.
Aber nicht nur die Gehirne älterer Menschen sind anfällig für Feinstaub, sondern auch die Ungeborener. In einer Studie an Schwangeren in Ulan-Bator, der Hauptstadt der Mongolei, bekam die Hälfte der Probandinnen einen Luftfilter bereitgestellt, den sie bis zur Geburt des Kindes nutzen sollten. Ulan-Bator ist weltweit eine der Städte mit der höchsten Luftverschmutzung. Im Alter von vier Jahren wurde der IQ der Kinder gemessen. Bei den Kindern, deren Mütter einen Luftfilter besaßen, lag er im Schnitt um 2,8 Punkte höher. Außerdem verfügten sie über ein messbar besseres Wortverständnis.
Auch beim Heizen und Backen kann Feinstaub entstehen
In vielen Städten entsteht die Luftverschmutzung hauptsächlich durch Verkehr, Industrie, fossile Heizöfen und zunehmend auch durch Staubstürme, Wald- und Feldbrände. Zur Feinstaubbelastung in der Wohnung tragen zusätzlich Zigarettenrauch, offene Kamine, Kerzen, Räucherstäbchen, Backen, Braten, Toasten, Laserdrucker und Staubsauger ohne Filter bei.
Dass Feinstaub von draußen hereinkommt, lässt sich kaum verhindern. Aber manche Quellen in Innenräumen, wie Kerzen, können leicht abgestellt werden. Ob sich darüber hinaus die Anschaffung eines teuren Luftfilters lohnt, lässt sich pauschal nicht sagen, da Langzeitdaten fehlen. Die Filter wären ohnehin keine abschließende Lösung.
Schließlich findet das Leben großteils draußen statt: Der Arbeitsweg mit dem Fahrrad führt an Autoabgasen vorbei, Schulwege queren Hauptstraßen, Restaurants eröffnen in der Nähe vielbefahrener Kreuzungen, Schwangere spazieren durch Viertel mit Kaminöfen.
99 Prozent der Weltbevölkerung atmen dreckige Luft
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sieht Feinstaub daher als globales Gesundheitsrisiko. Der empfohlene Grenzwert der WHO für Feinstaubpartikel mit bis zu 2,5 Mikrometer Größe liegt bei maximal 5 Mikrogramm pro Kubikmeter. Der aktuelle EU-Grenzwert liegt derzeit bei 25 Mikrogramm pro Kubikmeter. In Europa darf im Jahresschnitt also fünf Mal so viel Feinstaub in der Luft sein, wie die WHO für gesundheitsverträglich hält.
Gemessen an der WHO-Empfehlung atmen 99 Prozent der Weltbevölkerung dreckige Luft, wie man auf dieser Karte in Echtzeit verfolgen kann (bei Schadstoff "kleine Partikel" einstellen). Die Spitzenreiter Pakistan, Indien oder Afghanistan erreichen je nach Stadt im Jahresschnitt oft Werte von über 100 Mikrogramm pro Kubikmeter.
Immerhin: Bis 2030 sollen die EU-Grenzwerte auf 10 Mikrogramm pro Kubikmeter sinken. Auf nur noch doppelt so viel, wie die WHO empfiehlt.