Kopfschmerzen Erhöht Migräne das Demenzrisiko? Neue Studie zeigt das Gegenteil

Menschliche Hände beschützen fragiles Gehirn
Migräne als extreme Schutzreaktion des Gehirns: Diese Spekulation werfen Forschende in einer neuen Studie auf
© Alex Sava / Getty Images
Menschen mit Migräne haben oft gesteigerte Sorge vor einer Demenz. Das ist laut einer großangelegten Studie nicht begründet; womöglich könnte Migräne das Gehirn sogar schützen

Gedächtnisprobleme, Brain Fog, Konzentrationsschwäche, Sehstörungen: Die Symptome einer Migräne können erschreckend sein und erinnern manchmal gar an eine Demenz. Wer besonders schwer oder chronisch unter der neurologischen Krankheit leidet, fragt sich mitunter: Ist das noch Migräne oder baue ich geistig ab? Auch die Wissenschaft streitet seit Jahrzehnten darüber, ob Anfälle und Auren das Gehirn auf Dauer in Mitleidenschaft ziehen.

Dazu kommt: Im Gehirn mancher Menschen mit Migräne, insbesondere mit Aura, zeigen sich im MRT-Scan kleinste Gewebeveränderungen in der weißen Substanz. Ursprung und Folge dieser Mikroläsionen sind bis heute unklar. Dennoch es wurde spekuliert, dass die Mini-Gewebeschäden das Risiko für eine Demenz steigern könnten. Beweise dafür gibt es bislang nicht, vermutlich sind sie harmlos. Darüber hinaus könnten Depressionen, Stress und sozialer Rückzug, die eine Migräne häufig begleiten, theoretisch ebenfalls das Risiko einer Demenz erhöhen.

Eine großangelegte Kohortenstudie aus den Niederlanden gibt nun Entwarnung: Die Forschenden kommen zu dem Ergebnis, dass Menschen mit Migräne statistisch sogar ein verringertes Risiko haben, an Demenz und Alzheimer zu erkranken, wie sie im Fachmagazin Alzheimer's & Dementia schreiben. Wie kann das sein?

Das große Rätsel um Migräne und Demenz

Schaut man sich die bisherige Studienlage an, sind die Ergebnisse widersprüchlich. Erst 2025 war eine Metastudie zu dem Schluss gekommen, dass Menschen mit Migräne etwas häufiger an Demenz erkranken. Die Studie fasste die Ergebnisse bisher erschienener, ausgewählter Einzelstudien zusammen. Doch die Autoren warnen selbst: Die ausgewerteten Einzelstudien seien derart heterogen, dass das Resultat mit Vorsicht zu betrachten sei.

Ein Problem der meisten Einzelstudien: ein ausgeprägter "bias". Das bedeutet, dass die Auswahl der Studienteilnehmenden und die Art der Durchführung das Ergebnis verfälschen. So beruhen viele Studien auf Abrechnungsdaten von Krankenkassen, weil das günstiger ist, als Betroffene über einen langen Zeitraum direkt zu begleiten. 

Migräne wird aber häufig nicht diagnostiziert und so auch nicht behandelt und abgerechnet. Sucht ein Mensch im Frühstadium einer Demenz zum ersten Mal eine Neurologin auf, diagnostiziert und behandelt diese womöglich die Migräne gleich mit, die andernfalls nie aufgefallen wäre. Passiert dies häufiger, kann der Eindruck entstehen, Migräne und Demenz träten oft gemeinsam auf.

Ein Drittel weniger Demenz mit Migräne

Um solche Verzerrungen ausschließen, wurden die 6888 Probanden in der neuen niederländischen Studie über durchschnittlich 9,4 Jahre begleitet. Die Erwachsenen im Alter von 45 Jahren aufwärts stammen alle aus dem Rotterdamer Stadtteil Ommoord und waren zu Studienbeginn demenzfrei. Es wurden Migränehäufigkeit, Lebensstilfaktoren, soziodemografischer Status, Gesundheitswerte und etwaige Alzheimergene erfasst.

In den darauffolgenden Jahren wurden die Probanden regelmäßig untersucht und kognitiven Screenings unterzogen. 491 von ihnen entwickelten in dieser Zeit eine Demenz, 379 davon Alzheimer. Personen mit Migräne hatten dabei im Vergleich zu Personen ohne Migräne ein um 30 Prozent geringeres Demenzrisiko und ein um 42 Prozent verringertes Alzheimerrisiko. Zwischen Migräne mit und ohne Aura ergab sich kein nennenswerter Unterschied. Die Schwere der Migräne wurde nicht gesondert erfasst.

Migräne könnte ein Schutzmechanismus des Gehirns sein

Die Studie widerspricht damit nicht nur früheren Untersuchungen, die Migräne als Risikofaktor für Demenz identifiziert hatten. Die Studientautor*innen spekulieren sogar, dass Migräne ein Schutzmechanismus sein könnte, der das Gehirn vor Schäden bewahrt und vor geistigem Abbau schützt. Die Forschenden räumen allerdings selbst ein, dass trotz aller Sorgfalt methodische Fehler zu den Ergebnissen geführt haben könnten.

So war etwa die Studienteilnahme freiwillig. Es ist denkbar, dass Menschen mit schwerer chronischer Migräne eher nicht an einer solcher Studie teilnehmen und dadurch unterrepräsentiert sind. Auch ist bekannt, dass tendenziell eher gebildete, gesunde Personen in solche Studien einwilligen. All das kann die Ergebnisse verzerren.

Entwarnung für Migräniker: Gesteigerte Sorgen unbegründet

Die auf Migräne spezialisierte Schmerzklinik Kiel greift die Studie in einem Instagram-Post auf. Sie schreibt, dass Migräneattacken wie ein Reset wirken könnten, der dem Gehirn hilft, schädlichen Stress abzubauen. Außerdem zeigten Studien, dass die Gehirne von Menschen mit Migräne teilweise besser durchblutet seien. 

Unabhängig davon, welche Studie am Ende recht behält: der Zusammenhang zwischen Migräne und Demenz scheint keineswegs klar zu sein, sonst hätte sich das längst in eindeutigeren Ergebnissen gezeigt. Menschen mit Migräne haben nach jetzigem Stand also keinen Grund, sich verstärkt um Demenz zu sorgen. In der medizinischen Behandlungsleitlinie Demenz taucht Migräne folglich auch gar nicht auf. Dafür andere Faktoren, bei denen der Zusammenhang eindeutiger ist.

Dazu zählen unter anderem eine genetische Vorbelastung, Bluthochdruck, Diabetes mellitus, Übergewicht, kardiovaskuläre Erkrankungen, Rauchen, Bewegungsmangel und Hörverlust. Migräne spielt im Vergleich dazu nach jetzigem Wissensstand allenfalls eine Nebenrolle. Und wenn die neuesten Ergebnisse sich bestätigen: sogar eine positive.

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