Es ist ein Grieche! 60.000 Menschen im neu erbauten Olympiastadion Athens springen an diesem 10. April 1896 auf, jubeln, werfen ihre Hüte in die Luft, schwenken griechische Fahnen und rufen den Namen des dürren, sonnenverbrannten und schweißüberströmten Mannes, der soeben die Laufbahn erreicht: Spyridon Louis.
40 Kilometer Marathon liegen hinter ihm. Und nun, in diesem Oval der Ekstase, ist er für einen Moment überwältigt. "Wo, zum Teufel, ist dieses Zielband, dachte ich, als ich ins Stadion einbog", beschreibt Louis die letzten paar Hundert Meter seines Laufs später. Endlich findet er es doch, der griechische Kronprinz und der Prinz geleiten ihn das letzte Stück, und hinter der Ziellinie sinkt der Sportler vor der Königin auf die Knie: "Ich bin nur ein Bauernsohn, Eure Majestät."
Die ersten Olympischen Spiele seit 1527 Jahren
Ein Bauernsohn, der Geschichte schreibt: Spyridon Louis ist der erste Sieger im Marathon – und der erste Sportheld der modernen Olympischen Spiele, die 1896 erstmals wieder stattfinden, nach 1527 Jahren Pause. Sein fulminanter Lauf hat weitreichende Folgen: "Der Marathonsieg von Spyridon Louis stärkte sowohl das griechische Selbstbewusstsein als auch die olympische Idee", schreibt der Autor Klaus Zeyringer in seinem Buch "Olympische Spiele: Eine Kulturgeschichte von 1896 bis heute".
Damals kann Griechenland die Spiele nur mit größter Mühe überhaupt organisieren. Das Land, 75 Jahre zuvor vom Osmanischen Reich unabhängig geworden, ist geplagt von einem Staatsbankrott und maroder Wirtschaft. Olympia, die ersten Spiele der Moderne, soll nun den Aufbruch einläuten und gleichzeitig an die große griechische Kultur erinnern. Ab dem 6. April 1896 treten rund 300 Athleten aus 13 Ländern in Wettbewerben der Leichtathletik, im Turnen, Fechten, Gewichtheben, Radfahren, Schießen und anderen Disziplinen an.
Der Höhepunkt der Spiele soll ein alter Mythos werden: Marathon. Die Idee stammt nicht von einem Griechen, sondern von dem französischen Altphilologen und Linguisten Michel Bréal. Offensichtlich kannte er die Legende von dem Boten, der im Jahr 490 v. Chr. nach dem Sieg der Griechen über die Perser in der Schlacht von Marathon knapp 40 Kilometer nach Athen gelaufen sein soll, dort verkündete "Wir haben gesiegt!" – und dann tot zusammenbrach.
Diese Erzählung schien die perfekte Vorlage für einen heroischen Wettbewerb mit Anklängen an die Antike. "Zur nationalen Angelegenheit und patriotischen Spannung eignete sich dies bestens", schreibt Zeyringer. Und wer könnte den Marathon gewinnen, wenn nicht ein Grieche?
Spyridon Louis ist trainiert, weil er Wasser nach Athen schleppt
Tatsächlich ist die Ausgangslage gut: 13 der 17 Läufer sind Griechen. Einer von ihnen: Spyridon Louis. Im Militärdienst war er einem Offizier aufgefallen, der den Anfang 20-jährigen Mann dazu anhielt, sich bei der nationalen Qualifikation für Olympia zu melden. Tatsächlich trägt Louis, der Sohn eines Bauern, als Broterwerb von seinem Heimatdorf Wasser nach Athen – und ist deshalb gut trainiert. Trotzdem birgt der Marathon Risiken, sind solche langen Rennen außerhalb einer Arena und ohne Ruhepausen doch etwas völlig Neues. Und so warnen manche Mediziner, dass die Anstrengung für die Sportler nicht zu bewältigen sei.
Am 10. April ist es so weit: Um 11 Uhr bekommt jeder Athlet Milch und Bier verabreicht, kurz vor 14 Uhr versammeln sie sich nordöstlich von Athen in Marathon an der Strecke und laufen nach dem Startschuss los. Ein Schiedsrichter und ein Arzt folgen dem Pulk. Vor ihnen liegen 40 Kilometer über eine gewundene, in Teilen staubige Piste, die zunächst an der Küste entlangführt, dann bergauf Richtung Westen in eine hügelige Landschaft, anschließend wieder bergab zur griechischen Hauptstadt. Dort füllt sich in der Zwischenzeit das Stadion: 60.000 Zuschauerinnen und Zuschauer wollen den Zieleinlauf des Marathonsiegers erleben.
Auf der Strecke geben zuerst die ausländischen Athleten – ein Franzose, gefolgt von einem Amerikaner –, das Tempo vor, während die Griechen zurückfallen. Reiterboten übermitteln die Zwischenstände ins Stadion nach Athen. Doch bis Nachrichten dort eintreffen, hat sich die Lage an der Strecke längst geändert: Der Franzose kann sein Tempo nicht halten, bei Kilometer 23 muss der Amerikaner aufgeben und der Australier Edwin Flack übernimmt die Spitze. Bei Kilometer 30 führt er komfortabel, sein Sieg scheint sicher. Im Stadion in Athen harren die Menschen ungeduldig aus.
Was sie nicht wissen können: Ein Grieche im Läuferfeld fühlt sich noch gut bei Kräften. Spyridon Louis, dem – so schildert er es später selbst – Zuschauer an der Strecke Wein einflößen, kommt Flack näher und näher. Schließlich laufen die Kontrahenten nebeneinander. "Ich weiß nicht, ob es hundert, zweihundert oder fünfhundert Meter waren, auf denen der Australier und ich Seite an Seite um den Sieg kämpften", sagt Louis später. Die Zuschauer am Straßenrand haben einen klaren Favoriten: "Hellas! Hellas!", rufen sie. Schließlich geht dem Australier die Luft aus, wenige Kilometer vor dem Ziel muss er aufgeben.
Kuriose Disziplinen: Als Tauziehen olympisch war
Kaum hat Louis die Führung übernommen, überbringt ein Bote die Nachricht zum Stadion. Dort erwarten 60.000 Menschen ungeduldig den Läufer. "Alles rief meinen Namen. Es regnete Blumen und Zweige. Alles schrie", schildert Louis später den Einlauf. Zwei Stunden und 58,50 Minuten hat er für die 40 Kilometer gebraucht.
Olympia 1896 löst in Griechenland Aufbruchstimmung aus
Der Marathonsieger ist der Held des neuen Griechenlands. Schnell machen verschiedenste Geschichten über Louis die Runde: Lief er den Marathon nicht, um die Eltern seiner Geliebten zu beeindrucken, nachdem diese ihn abgewiesen hatten? Wollte er nicht siegen, damit der König seinen hinter Gittern sitzenden Bruder begnadigt? Ist er nicht ein Ziegenhirte, der sich durch frommes Fasten und Beten auf den Wettkampf vorbereitet hat? In ganz Europa berichten Zeitungen über den Triumph des Spyridon Louis. Der Marathonlauf trägt dazu bei, den Geist von Olympia wiederzuerwecken – und nationale Aufbruchstimmung in Griechenland zu versprühen.
Der Olympiasieger aber zieht sich schnell aus der Öffentlichkeit in sein Dorf zurück. Einen großen Auftritt hat Louis noch, als Ehrengast bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin. Dort überreicht Hitler ihm einen Olivenzweig.