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Familie im Wandel
200 000 Paare lassen sich allein in Deutschland jedes Jahr scheiden. Doch der Traum von der Familie bleibt. Patchwork-Familie heißt die neue Form des häuslichen Miteinanders. Was bedeuten sie für Familien-Mitglieder und die Gesellschaft?
Als die Hamburger Flugbegleiterin Stephanie Olsen schwanger war, saß sie während eines Aufenthalts in Dubai mit arabischen Frauen bei einem Picknick zusammen. Sie blickten auf ihren Bauch und schlugen Namen vor für das ungeborene Kind. Einer - Rami - gefiel der werdenden Mutter sofort. Eine seiner Bedeutungen ist auch "der Erwünschte". Rami sollte der Erste in einer großen Kinderschar sein. Denn Stephanie Olsen und ihr Mann - ein irakischer Sänger - waren beide mit vielen Geschwistern aufgewachsen. Ein schönes Modell, fanden sie. "Ich wollte schon immer eine feste Partnerschaft", erinnert sich die 42-Jährige. "Bis dass der Tod euch scheidet, ganz klar."
Dann plötzlich: die Trennung
Doch kurz nach Ramis drittem Geburtstag verließ ihr Mann Frau und Kind. Jahrelang wusste sie nicht, wo er sich aufhielt. Stephanie Olsen blieb zurück mit dem Gefühl, versagt zu haben. Und mit einer großen Aufgabe: eine neue Lebensweise, ein neues Selbstverständnis zu konstruieren für sich und ihren Sohn. Dass sie sich dabei auf vermintem Gebiet bewegte, musste sie bald erkennen. Beim kleinsten Problem hieß es: Da fehlt eben der Vater! Kannst du nicht am Boden arbeiten, statt nach Rio oder New York zu fliegen?
Eingefleischte VorurteileSolche schnell dahingesagten Sätze vergällen vielen Alleinerziehenden das Leben. Dahinter verbergen sich eingefleischte Vorurteile: Eltern, die sich trennen, handeln unverantwortlich; ihre Söhne und Töchter laufen Gefahr, sich zu psychischen Krüppeln zu entwickeln; jede Familie, die vom gesellschaftlichen Vater-Mutter-Kind-Ideal abweicht, ist zu bedauern. Und gefährlich obendrein - Symptom einer Entwicklung, die unsere Gesellschaft bedroht.
Was bedeutet Patchwork für die Familienmitglieder?
Lässt sich solches Unbehagen begründen? Ist es tatsächlich immer ein Risiko, sich auf neue Familienformen einzulassen, gezwungenermaßen oder aus freien Stücken? Welche Spuren hinterlässt das Drama Trennung bei Vätern, Müttern und vor allem Kindern? Wie prägt das Leben in einer Ein-Eltern-Familie? Und was geschieht, wenn Alleinerziehende irgendwann eine neue Beziehung wagen? Wenn sie also eine jener kompliziert aufgebauten Zweitfamilien ins Leben rufen, die wir - je nach Weltsicht - "Stief-" oder "Patchwork-Familien" nennen? Was bedeutet es für Kinder, in bislang ungewöhnlichen Konstellationen aufzuwachsen: etwa mit gleichgeschlechtlichen Eltern? Oder als Söhne und Töchter unbekannter Samenspender?
Die traditionelle Familie als Auslaufmodell?
"In Deutschland leben Eltern und Kinder meistens noch sehr konservativ", sagt Walter Bien vom Deutschen Jugendinstitut (DJI) in München, das als einzige Institution einigermaßen verlässliche Zahlen zur Situation der Familie erhoben hat. "Auch heute noch wachsen fast 80 Prozent der Kinder bei ihren leiblichen Eltern auf." Dieses Fundament aus traditionellen Familien bröckele allerdings langsam. Das könne der Anfang eines großen Wandels sein, sagt Bien.
Mehr Scheidungen in Großstädten
In den meisten ländlichen Regionen ist davon wenig zu spüren. In Großstädten und vielen Gebieten Ostdeutschlands lässt sich dagegen ein Trend zum Zerfall von Kernfamilien festmachen. Doch ob man nun die instabile Situation in Hamburg, Düsseldorf oder Berlin betrachtet oder die eher stabile in einem westdeutschen Landkreis: Überall steigt die Scheidungsrate - auch wenn sich Paare mit minderjährigen Kindern längst nicht so oft trennen wie kinderlose.
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Kommentare zu "Familie im Wandel"
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