GEO Magazin Nr. 4/07 - Was den Menschen prägt Seite 1 von 4
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Text von Ethan Watters

Epigenetik: der Übercode

Eine neue Disziplin, die "Epigenetik", räumt mit alten Vorstellungen auf: Gene sind nicht starr, sondern ein Leben lang formbar. Wir selbst können sie durch den Lebensstil, etwa die Ernährung, an- oder ausschalten. Genetisch beeinflussten Krankheiten lässt sich so vorbeugen. Sogar über das eigene Leben hinaus: bei Kindern und Kindeskindern


Eine Extraportion Vitamin B12, ein bisschen Folsäure, eine Prise Cholin - allesamt Stoffe, die sich in vielen in Apotheken erhältlichen Nahrungsergänzungsmitteln finden. Randy Jirtle von der Duke University im amerikanischen Durham und sein Mitarbeiter Robert Waterland setzten die aufgepeppte Diät dicken, gelben Mäusen vor, die in der Wissenschaft unter dem Namen Agouti-Mäuse laufen. Das Agouti-Gen in ihrem Erbgut ist es, das den Tieren ein gelbes Fell verleiht, sie gefräßig macht. Die Weibchen bekamen das Futter zwei Wochen vor der Paarung und während der Schwangerschaft. Wenn Agouti-Mäuse Nachwuchs bekommen, wird dieser normalerweise ebenso gelb, ebenso fett und ebenso krankheitsanfällig, wie es die Eltern sind. Die Mehrzahl der Nagerkinder in Jirtles Experiment schlug jedoch aus der Art: Sie waren überwiegend schlank und braun. Außerdem fehlte den Sprösslingen die Veranlagung für Krebs und Diabetes. Durch einen subtilen Prozess war das Agouti-Gen abgeschaltet worden. Und das, ohne einen einzigen "Buchstaben" im Erbgut der Nager umzuschreiben.



Paula und Lidia Lopez Serra, 26 Jahre: Ihre Lebenswege verlaufen noch verblüffend parallel. Sie teilen sich eine Wohnung, sie erforschen im gleichen Institut Krebserkrankungen und sie lieben Rockmusik (Foto von: Andreas Teichmann)
© Andreas Teichmann
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Paula und Lidia Lopez Serra, 26 Jahre: Ihre Lebenswege verlaufen noch verblüffend parallel. Sie teilen sich eine Wohnung, sie erforschen im gleichen Institut Krebserkrankungen und sie lieben Rockmusik

Drei Milliarden Bausteine im Erbgut

Jirtles Aufregung ist verständlich. Denn wenn Genetiker von Mäusen sprechen, meinen sie meist auch den Menschen. Das menschliche Erbgut: drei Milliarden Bausteine, etwa 25.000 Gene, dazwischen eine Unmenge scheinbar sinnloser Sequenzen, insgesamt ein zwei Meter langer Faden aus Desoxyribonukleinsäure (DNS). Dieses Riesenmolekül gilt heute weithin als Bauplan für den menschlichen Körper. Aber es werden Anweisungen benötigt, wann welcher Schritt auszuführen ist. So enthält eine Leberzelle dieselben genetischen Informationen wie eine Gehirnzelle, dennoch erfüllen beide völlig unterschiedliche Aufgaben, produzieren beide spezielle Eiweiße in typischen Mengen. Zwar kann man gewisse Details dieses Differenzierungsprozesses durch das Regiment von Steuerungs-Genen erklären, die in den DNS-Faden integriert sind. Doch seit Jahren mehren sich die Hinweise darauf, dass die Aktivität vieler Gene auch von außen beeinflusst wird: Bestimmte Proteine heften sich an die DNS und helfen, jenes Enzym in Position zu bringen, das den genetischen Code abliest.


Schalter, die Gene an- und ausknipsen

Wie dieses Merken funktioniert, ist Gegenstand eines der gegenwärtig aufregendsten Forschungsfelder der Molekularbiologie: der "Epigenetik". Epigenetische Marker stecken nicht in den Buchstaben der DNS selbst, sondern auf ihr: Es sind chemische Anhängsel, die entlang des Doppel-Helix-Strangs oder auf dem "Verpackungsmaterial" der DNS verteilt sind. Sie wirken als Schalter, die Gene an- und ausknipsen. In den vergangenen Jahren haben Epigenetiker große Fortschritte im Verständnis dieser übergeordneten Steuermechanismen erzielt. Dabei wurde immer klarer, dass das Epigenom für die Entwicklung eines gesunden Organismus ebenso wichtig ist wie die DNS selbst. Deutlich wurde bei den Forschungen auch, dass das Epigenom durch äußere Einflüsse weit leichter als die Gene verändert werden kann. Die größte Überraschung aber ist: Epigenetische Signale werden von den Eltern an die Kinder weitergegeben.


Die neuen Entdeckungen erschüttern das bisherige Wissen über Genetik und gängige Vorstellungen von Identität. Stellen also infrage, was gemeinhin angenommen wird: dass die DNS unser Aussehen, unsere Persönlichkeit und unsere Krankheitsrisiken bestimmt. Die These "Die Gene sind unser Schicksal" ist bei vielen zur Überzeugung geworden. Solche eindimensionalen Vorstellungen aber sind nun obsolet. Denn selbst wenn Menschen exakt über die gleichen Gene verfügen, unterscheiden sie sich häufig in den Mustern der Genaktivität und damit auch in ihren Eigenschaften.



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Kommentare zu "Epigenetik: der Übercode"


Thomas Franz | 18.12.2009 17:23

Ein Beweis dafür das der Geist stärker ist als die Materie, etwas was alte Hochkulturen schon lange Wissen. Beitrag melden!

Strena | 18.10.2009 19:08

So ist es mit wissenschaftlichen Erkenntnissen. Jede wirft neue Fragen auf und hinterfragt voriges Wissen. Die Aussagen sind keine Postulate. Die Ergebnisse der Praxis, ergeben Hinweise auf die Präzision oder die Vorläufigkeit der Forschungsergebnisse. Hier tun sich dann wieder neue Fragen auf. Die Wissenschaftler werden nie fertig. So muss es sein. Beitrag melden!

Nico Steckhan | 13.03.2009 00:07

Das was die Wissenschaft heute erfährt, ist das Wissen der Weisen. Ich rate Euch schaut mal in die asiatischen Kulturen. Der Begriff Karma wird euch sehr an das erinnern, was ihr hier gelesen habt. Beitrag melden!

Moritz | 15.12.2007 17:31

Ich würde sagen, einfach das Geo im Shop bestellen! hab ich auch gemacht! Beitrag melden!

Peter Haußmann | 02.11.2007 17:58

gerne hätte ich den Artikel "Ein Dogma fällt" aus GEO 4/2007 S. 152 ff gelesen. Wie komme ich an den Text? Danke für ihre Hilfe. Mit freundlichen Grüßen, Peter Haußmann Beitrag melden!

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