GEO Magazin Nr. 10/03 - Wie der Geist den Körper heilt Seite 1 von 4
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GEO Magazin Nr. 10/03 - Wie der Geist den Körper heilt - vergriffen - › Abonnieren
Text von Stefan Klein

Placebos: Ohne Risiken und Nebenwirkungen

Die Pillen ohne Wirkstoff haben oft denselben Effekt wie echte Medikamente - oder eine Arztvisite. Lange von der Schulmedizin als unseriös abgetan, werden sie jetzt rehabilitiert


Wunden schmerzen, aber manchmal tun sie auch wohl. Das hat Dr. Bruce Moseley nach ein paar hundert Operationen gelernt. Er war Arzt der amerikanischen Basketball-Nationalmannschaft; und wenn er nicht gerade mit den Sportlern um die Welt flog, kümmerte er sich als Orthopäde in Houston, Texas, um ausgerenkte Schultern und verschlissene Knie. Viele seiner Patienten quälte die Arthrose - ein Schmerz, der entsteht, wenn sich der Knorpel im Kniegelenk allmählich abreibt und scheuert. Dann war es für Moseley Zeit für eine Operation. Er schnitt das Gelenk auf, spülte den Abrieb aus und glättete den Knorpel mit einer Fräse.


Die Hoffnung heilt

Eine Expertin für Qualitätskontrolle an Mosleys Krankenhaus verwirrte dem Arzt mit einer Frage: "Was macht Sie so sicher, dass es überhaupt auf Effizienzverbesserung ankommt?" Moseley antwortete: "Eine viertel Million Amerikaner unterziehen sich dem Eingriff jedes Jahr. Fast allen geht es hinterher besser. " Die Replik der Expertin: "Ich sage es einem so erfahrenen Chirurgen nicht gern, aber das ist oft gar nicht entscheidend. Nichts regt die Fantasie der Menschen so sehr an wie die bloße Vorstellung, operiert worden zu sein. Haben sie sich schon einmal überlegt, ob allein die Hoffnung den Schmerz nehmen kann?"


Bestätigung im Experiment

Von da an bat Moseley neue Patienten, sich an einem außergewöhnlichen, doch ungefährlichen Experiment zu beteiligen. Wer einwilligte, wurde am Tag des Eingriffs in steriler Kleidung in den Operationssaal gerollt. Wenn alles vorbereitet war, öffnete Moseley, für den Kranken unsichtbar, einen versiegelten Brief. Darin stand, ob er tatsächlich operieren sollte. Wenn ja, setzte er die übliche Prozedur fort. So geschah es bei der Hälfte aller Kandidaten - festgelegt durch jene von Ärztekollegen geschriebenen Briefe, um auszuschließen, dass Moseley sich bewusst oder unbewusst nur Kandidaten mit besonders großer Heilchance aussuchte.


Raffiniertes Theater im Dienste des Kranken

Sah das zuvor festgelegte Auswahl-Protokoll keine Operation vor, bekam der Betreffende ein starkes Beruhigungsmittel, und Moseley machte ein paar oberflächliche Schnitte ins Knie, damit hinterher eine Operationswunde zu sehen war. Das Bein wurde ein bisschen gedehnt und gestreckt, schließlich goss ein Assistent Wasser in einen Eimer - es sollte sich so anhören, als würde ein Gelenk ausgespült. Reine Vorsicht für den Fall, dass der Patient doch etwas mitbekäme, weil er ja nicht so tief narkotisiert war.


Reale Wirkung einer Scheinoperation

Nach dem Erwachen schickte Moseley alle Patienten mit einem Mittel gegen den Wundschmerz nach Hause. Niemand erfuhr, was mit seinem Gelenk wirklich geschehen war. Das spielte auch gar keine Rolle: Noch zwei Jahre später waren so gut wie alle Patienten, ob operiert oder nicht, mit dem Eingriff hochzufrieden. Viele, die vorher vor Schmerzen kaum mehr hatten gehen können, liefen wieder munter umher. Bis heute hat Moseley mehr als 180 Kniekranke nach diesem Verfahren behandelt. Seine Untersuchung, abgeschlossen vor wenigen Monaten, ist die größte je unternommene Studie über Scheinoperationen.



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Kommentare zu "Placebos: Ohne Risiken und Nebenwirkungen"


H. Freudenthal jr. | 24.08.2007 12:48

Hallo! Dieser Artikel ist seit langem das beste, was ich in der Presse gelesen habe!!!!!!!!!!!! Ich bin fast in allen Punkten derselben Meinung; allerdings bin ich selbst Akademiker und finde es schade, dass ein 'schlechtes' Wort über 'akademisch' gefallen ist...nichtsdestotrotz ist dieser Artikel mehr wert als ba (´=`man) sich momentan noch vorstellen kann, denn die Welt ist meiner Meinung nach tatsächlich schon so schlecht geworden, dass auf Rettung kaum noch zu hoffen ist...dieser Artikel macht Mut und hat daher mehr als nur eine Placebo-Wirkung auf mich - hoffentlich auch auf andere -, nein, es ist ein geschriebenes Wort, das wie die Worte eines gerade sprechenden (guten) Arztes auf mich wirkt...vielen herzlichen Dank nochmal, wer auch immer es so geschrieben haben mag... allerfreundlichste Grüße Henning Freudenthal jr. alias Hennaf junigold (Letzteres mein Künstlername) Beitrag melden!

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