Es kann sich lohnen, schon vor einer Operation mit einem Training anzufangen und nicht nur auf eine Reha danach zu setzen. Das vermindert einer Studie zufolge Komplikationen nach der Operation. Zudem könne eine spezielle Ernährung im Vorfeld in einigen Fällen den Klinikaufenthalt verkürzen, berichtet ein Team um Justine Lee von der Universität von Kalifornien in Los Angeles.
Es hatte in einer Meta-Analyse 23 Studien zur sogenannten Prähabilitation zusammengefasst. Dazu gehörten Ernährungs- und Bewegungsprogramme, um den Körper vor einer Operation zu stärken, schreibt die Gruppe im "Journal of the American College of Surgeons".
"Die Ergebnisse sind plausibel und decken sich mit anderen Studienergebnissen auf jeden Fall", sagte der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Physikalische und Rehabilitative Medizin, Christian Sturm, der Deutschen Presse-Agentur. In Deutschland gehe es erst langsam los mit entsprechenden Vorbereitungen vor einer Operation. Die Niederlande seien da viel weiter.
Problem der Verschreibung
"Das Problem ist, dass Prähabilitation so als Programm nicht bezahlt wird", betont Sturm, der Leitender Oberarzt an der Medizinischen Hochschule Hannover ist. "Das gibt es nicht als fertiges Paket, sondern höchstens nur als Einzelleistung." Ärzte könnten vor einer Operation jedoch einfach Krankengymnastik oder in einigen Fällen auch Ernährungsprogramme verschreiben.
"Entweder schaffe ich es dann, dass das Knie wieder schmerzarm wird und ich brauche gar keine Operation oder ich habe halt prähabilitiert", sagt Sturm. Es komme dann zwar zur Operation, der Patient gehe aber mit guter Kraft und guter Gleichgewichtsteuerung in den Eingriff. "Insofern ist es also in jedem Fall etwas Gutes", sagt Sturm.
Komplikationsrisiko nach Training halbiert
Patienten, die in der US-Studie an Bewegungsprogrammen teilnahmen, hatten im Durchschnitt ein um rund die Hälfte gesunkenes Komplikationsrisiko im Vergleich zur Standardversorgung. Die Programme bestanden zumeist aus Kraft- oder Intervalltraining und dauerten zwischen zwei Wochen und sechs Monaten. Auch die von den Patienten selbst angegebene Lebensqualität verbesserte sich nach den Bewegungsprogrammen. Die Verweildauer im Krankenhaus verkürzte sich hierbei allerdings nicht signifikant, auch die empfundenen Schmerzen blieben gleich hoch.
Ernährungsprogramme vor der Operation reduzierten die Verweildauer im Krankenhaus nach Angaben der Universität von Kalifornien hingegen im Schnitt um etwa 14 Prozent im Vergleich zur Standardversorgung. Diese Programme dauerten in der Regel fünf Tage bis zwei Wochen und umfassten häufig spezielle Nahrungsergänzungsmittel. Ein Einfluss auf die Komplikationen nach der Operation konnte hier nicht gezeigt werden.
25 Prozent erleiden Komplikationen nach Operation
Jährlich gibt es weltweit nach Angaben des Forschungsteams mehr als 300 Millionen Operationen "und diese Zahl wird voraussichtlich weiter steigen, da unsere Bevölkerung altert". Nach chirurgischen Operationen in Kliniken erleiden demnach bis zu 25 Prozent der Patientinnen und Patienten postoperative Komplikationen.
Das Team hatte zunächst große Studiendatenbanken für den Zeitraum 2004 bis 2024 durchsucht und Arbeiten mit bestimmten Qualitätsmerkmalen etwa zum Stichwort Prähabilitation ausgewählt. Von 298 gescreenten Studien wurden 23 mit insgesamt 2.182 Teilnehmenden (1.100 Männer) in die Metaanalyse eingeschlossen. Rund die Hälfte erhielt ein Bewegungsprogramm oder eine bestimmte Ernährung, die andere eine Standardbehandlung oder ein Placebo.
Das Team untersuchte, wie sich diese Programme nach der Operation auswirkten. Dabei wurden Bewegungsprogramme am häufigsten bei orthopädischen Eingriffen eingesetzt, während Ernährungsprogramme vorwiegend bei Operationen der Verdauungsorgane und dem Herz genutzt wurden. Es gab 18 Studien zur Bewegung und 5 zur Ernährung.
"Ziel der Prähabilitation ist es, Patientinnen und Patienten vor der Operation zu optimieren, indem ihre körperliche Ausdauer, ihre Ernährungsreserven und ihre mentale Bereitschaft verbessert werden", heißt es in der Studie. Wichtig sei eine Zusatzernährung vor der Operation besonders bei Menschen mit Ernährungsmangel. Das Team schlägt auch psychologische Ansätze wie kognitive Verhaltenstherapie vor, "die nachweislich hilft, belastende Denkmuster zu verändern und die Stressbewältigung zu verbessern".
In Deutschland wird "sehr schnell sehr viel operiert"
"Weitere Forschung ist notwendig, um herauszufinden, welches Programm für den jeweiligen Patienten und dessen spezifische Operation am besten geeignet ist", sagt Erstautorin Catherine Cascavita, ebenfalls von der Universität von Kalifornien. Ein wichtiger Aspekt ist laut Studie die Integration der Prähabilitation in den Klinikalltag. "Dies erfordert zunächst Investitionen in die Entwicklung geeigneter Programme, die auf die jeweilige Operation und Patientengruppe zugeschnitten sind."
"Es ist in Deutschland eigentlich vorgeschrieben, dass man bei jedem Menschen, der Schmerzen hat, zum Beispiel an Gelenken, erst mal versucht, das Problem ohne Operationen zu lösen, wenn es kein Notfall ist", sagt Sturm. Heute werde jedoch immer noch "sehr schnell sehr viel operiert". Es werde bei längeren Beschwerden oft operiert, weil mögliche Maßnahmen wie Physiotherapie oft den Budgets und Wirtschaftlichkeitsprüfungen in den Artzpraxen unterlägen und Ärzte daher nicht zu viel verordnen möchten.
Wichtig sind Prähabilitation und Rehabilitation
Eine Vorbereitung zur Operation ist laut Sturm vor allem bei geschwächten Menschen bedeutend, die schon seit Jahren Gelenkschmerzen oder Verdauungsstörungen haben. "Wichtig ist, dass der Patient nach der Operation wieder schnell aus dem Bett kommt, denn die Hauptrisikofaktoren für Komplikationen kommen vom Liegen." Die relativ hohe Todesrate nach Oberschenkelhalsbrüchen bei älteren Menschen komme Studien zufolge daher, "weil sie so lange liegen und so lange immobil sind", sagt Sturm. Dann kämen oft Lungenentzündungen hinzu und Embolien oder Thrombosen. Um die zu verhindern, sei nicht nur Rehabilitation, sondern auch Prähabilitation extrem wichtig.
Beispielsweise vor Hüftoperationen sollten ältere Menschen trainieren, ausreichend Flüssigkeit und Nahrung zu sich nehmen, vielleicht sogar schon mal üben, mit Unterarmgehstützen zu laufen, damit sie das nach der Operation könnten, sagt Sturm. Das vermindere das Stolpern und Hinfallen danach. Wichtig sei auch ein Sensibilitätstraining der Füße und ein Gleichgewichtstraining. Das alles reduziere die Liegezeit danach. "Und finanziell lohnt es sich auch, weil man die Leute besser wieder fitter bekommt. Man kann die schnell aus dem Krankenhaus entlassen, sie haben entsprechend weniger Intensivmedizinzeit."
Empfehlungen einer Fachgesellschaft
Für Operationen von älteren, schwachen Menschen (Frailty-Syndrom) gibt es bereits eine Leitlinie für Ärzte mit Abschnitten zur Prähabilitation der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin. Sie entstand in Zusammenarbeit mit anderen Fachgesellschaften. Das Autorenteam schlägt vor, diesen Menschen vor bestimmten chirurgischen Operationen oder dem Einsetzen eines Hüftgelenks eine Bewegungs- und Ernährungstherapie sowie psychologische Unterstützung "anzubieten". Insbesondere empfiehlt sie diesen Patienten ein körperliches Training vor Operationen. Für weitere Eingriffe wie etwa Knieprothesen oder neurochirurgische Operationen seien noch zu wenige Studien verfügbar.
Derzeit gebe es keine standardisierten, klaren Empfehlungen für die Organisation und Durchführung von Prähabilitationsprogrammen, heißt es in der Leitlinie. Die genutzten Programme unterschieden sich stark in Dauer, Inhalt und Ergebnismessung. "Folge ist eine starke Heterogenität der verfügbaren Studien." Auch der Einfluss einer Prähabilitation auf Langzeitergebnisse sei weiterhin unklar. Weitere große Studien im deutschen Gesundheitssystem bei Menschen mit Frailty seien erforderlich.
An der Medizinischen Hochschule Hannover gebe es Prähabilitation zum Beispiel bereits in der Bauchchirurgie mit einer Ernährungsberaterin, entsprechender Physiotherapie und ähnlichem, sagt Sturm. "Da übernehmen wir teilweise die Kosten, um dann die Komplikationen danach zu reduzieren. Also um Folgekosten zu senken, kann man quasi vorher investieren", betont Sturm. "Und das ist das, was politisch stattfinden muss, dass die Einzelbausteine bezahlt werden oder halt auch das Paket." Und natürlich müsse nach der Operation auch ein Rehaplatz frei sein.