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Pflanzen: Interview: Beherrschen Pflanzen die Welt?

Weshalb Bäume, Büsche und Blumen wichtiger für die Ökosysteme der Erde sind als Tiere, warum ein unscheinbares Rispengras das erfolgreichste Gewächs der Welt ist - und mehr: der Botaniker Norbert Jürgens über die globale Bedeutung der Pflanzen


Norbert Jürgens ist einer der
renommiertesten deutschen Botaniker.
Er lehrt an der Universität
Hamburg zu den Themen Biodiversität,
Evolution sowie Ökologie
der Pflanzen und erforscht unter
anderem die Auswirkungen des
globalen Klimawandels auf die
Artenvielfalt der Gewächse (Foto von: Achim Multhaupt)
© Achim Multhaupt
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Norbert Jürgens ist einer der renommiertesten deutschen Botaniker. Er lehrt an der Universität Hamburg zu den Themen Biodiversität, Evolution sowie Ökologie der Pflanzen und erforscht unter anderem die Auswirkungen des globalen Klimawandels auf die Artenvielfalt der Gewächse

GEOkompakt: Herr Professor Jürgens, Pflanzen können weder denken, noch haben sie die Möglichkeit, umherzulaufen und die Welt zu erkunden. Sind sie nicht - im Vergleich zu Tieren - von der Evolution benachteiligt worden?

Professor Norbert Jürgens: Ganz und gar nicht. Ihre Frage spiegelt die anthropozentrische Sichtweise vieler Menschen wider. Wir neigen dazu, uns vor allem über unser Gehirn zu definieren, und erleben uns als Krone der Schöpfung. Aber schon im Tierreich erweisen sich Gehirne als nicht unbedingt nötig. Sesshafte Tiere ohne Denkorgan - Korallen - vermögen gigantische Riffe aufzubauen. Und die angeblich so benachteiligten Pflanzen beherrschen immerhin die Erde.


Deren Dominanz...

...offenbart sich allein schon an ihrer Produktivität: Pflanzen stellen mehr als 99,9 Prozent der globalen Biomasse, Tiere machen weniger als ein Tausendstel aus. Zudem sind Pflanzen Pioniere. Sie sind es, die als Erste neue Gefilde erobern, etwa wenn sie auf Vulkanasche keimen oder eine im Ozean neu entstandene Insel begrünen. So schaffen Gewächse Lebensraum: Denn erst sie geben anderen Organismen die Chance, sich ebenfalls an den zuvor völlig toten Orten zu entfalten. Pflanzen sorgen also dafür, dass sich Biodiversität entwickelt. Es ist verblüffend, wie erfinderisch Gewächse sind, wenn es darum geht, unwirtliche Regionen zu beleben.


Können Sie ein Beispiel nennen?

In Südafrika gibt es Gegenden, in denen der Wind so kräftig über den Boden bläst, dass sogar Felsen wie mit einem Sandstrahl weggeschmirgelt werden. Eigentlich kann dort nichts überleben. Und doch haben bestimmte Arten von Mittagsblumengewächsen einen Weg gefunden, diesen extrem harten Bedingungen zu trotzen. Die Pflanzen scheiden auf ihrer gesamten Oberfläche Klebstoff aus. Darin bleiben Sandkörner haften und bilden mit der Zeit eine schützende Kruste. Auf raffinierte Weise nutzen die Pflanzen also den Sand, um sich vor Sand abzuschirmen.


Sind diese Gewächse die einzigen Organismen, die dort leben?

Nein, doch nur weil es dort diese Pflanzenspezies gibt, können auch andere Lebewesen diese Regionen bevölkern. Zum Beispiel einige Insekten, die sich von den Gewächsen ernähren. Eine einzige verblüffende Innovation ermöglichte es also einer Spezies, neue Ökosysteme zu erobern, in denen es vorher keinerlei Leben gab. Wir nennen das "Schlüsselanpassung".


Zeichnet eine solche Anpassung viele Pflanzenarten aus?

Nicht nur viele, sondern alle. Hinter jeder Spezies verbirgt sich eine Schlüsselanpassung, eine ganz bestimmte Lösung für ein ganz bestimmtes Problem, wodurch Überleben in dem Ökosystem möglich wird. Das ist ein evolutionäres Prinzip. Die jeweilige Innovation mag nicht immer besonders offensichtlich sein, ja in vielen Fällen ist sie überhaupt nicht bekannt. Doch ich bin mir sicher: Die weltweit 350.000 Pflanzenarten stehen für mindestens 350.000 Erfindungen, von denen jede einzelne die Welt verändert hat. Schon allein deshalb sollte keine einzige Spezies aussterben.


Welchem Umweltfaktor müssen sich Gewächse besonders anpassen?

Ein wichtiger Parameter ist der Boden. Ist der Untergrund sauer oder kalkhaltig? Ist er feucht, sandig oder lehmig? Je nachdem, wie vielschichtig die Struktur des Bodens ist, können Pflanzenarten in enger Nachbarschaft zueinander wachsen. So haben sich zum Beispiel manche Arten auf Granit spezialisiert, die wenige Meter entfernt – sagen wir, auf gipshaltigem Gestein – keine Chance hätten zu überleben. Dort gedeihen andere Spezies, und wieder ein wenig weiter mag es moorig sein, und auch dort trifft man auf angepasste Arten. Geodiversität ist ein Motor für Artenvielfalt: Wo in enger Nachbarschaft viele unterschiedliche Gesteine und Hanglagen vorkommen – und wo sich zudem Bedingungen wie Temperatur, Sonneneinstrahlung, Feuchtigkeit abwechseln – entwickelt die Evolution besonders viele Pflanzenarten. Jede einzelne ist an ein Teilökosystem angepasst; in einem Gebirge beispielsweise ist eine Spezies auf das Leben an einem sonnenbeschienenen Südhang spezialisiert, während eine andere den kühlen Schatten eines Nordhangs mit monatelanger Schneebedeckung optimal nutzen kann. Daher kommt es in solchen Regionen zu einer besonders hohen Vervielfältigung der Schlüsselanpassungen und damit der Arten: zu einer Radiation.


Gebirge haben die höchste Biodiversität?

Genau. Selbst in den Tropen, in deren Klima ja die höchste Artenvielfalt herrscht, liegen diese sogenannten Hotspots in Gebirgsregionen und nicht in anderen Landschaften. So weisen in Lateinamerika die Anden-Ketten die reichhaltigste Flora auf. Auch in den Tropen Ostasiens wachsen die meisten Spezies auf Bergen wie dem Kinabalu. Es existieren weitere bemerkenswerte Zentren der Biodiversität, zum Beispiel die Kap-Flora in Südafrika, die auf kleinstem Raum erstaunlich artenreich ist. Sie entstand durch eine spezielle Klimageschichte, aber eben auch durch Gebirgsbildungen. Ähnlich ist es im europäischen Mittelmeerraum mit seinen Bergländern und Inselwelten.


Gibt es Arten, die in ganz unterschiedlichen Regionen wachsen können? Wer ist der Global Player im Pflanzenreich?

Es gibt opportunistische Spezies, deren Strategie darin besteht, unterschiedlichen Bedingungen zu trotzen. Farne und Flechten, die sich durch besonders weit fliegende Sporen ausbreiten, sind oft nahezu weltweit verbreitet. Die Blütenpflanze, der das wohl am besten gelingt, ist das Einjährige Rispengras. Es wächst im Flachland wie im Gebirge, auf nährstoffreichen wie sandigen Böden. Es wächst selbst dort, wo Autoreifen rollen, solange nur ein paar Ritzen frei sind. Dieser Überlebensspezialist kommt sogar in der Antarktis vor. Die Gräser sind ohnehin höchst erfolgreiche Gewächse, sie stellen eine der artenreichsten Pflanzenfamilien überhaupt – weltweit gibt es rund 10.000 Spezies. Viele haben sich zum Beispiel an trockene Regionen angepasst.



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