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Leseprobe: Gene und Erziehung

Der Hirnforscher Gerhard Roth erklärt, wie Kinder ihren Intellekt optimal entfalten und zu Bildungserfolg gelangen.


Lesen Sie einen Auszug aus der neuen Ausgabe von GEOkompakt zum Thema "Intelligenz, Begabung, Kreativität":


Gerhard Roth, Leiter des Instituts für Hirnforschung an der Universität Bremen, untersucht seit Jahren die neuropsychologischen Grundlagen der Geistesentwicklung. Zuletzt veröffentlichte der Biologe das Buch "Bildung braucht Persönlichkeit. Wie Lernen gelingt" (Klett-Cotta) (Foto von: Achim Multhaupt für GEOkompakt)
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Gerhard Roth, Leiter des Instituts für Hirnforschung an der Universität Bremen, untersucht seit Jahren die neuropsychologischen Grundlagen der Geistesentwicklung. Zuletzt veröffentlichte der Biologe das Buch "Bildung braucht Persönlichkeit. Wie Lernen gelingt" (Klett-Cotta)

Herr Professor Roth, wie kommt es, dass manche Menschen intelligenter sind als andere?
Bestimmte Regionen in ihren Gehirnen verarbeiten Informationen, Eindrücke und Sinnesreize besonders schnell. Das sind vor allem Bereiche hinter unserer Stirn, im oberen Stirnhirn, sowie unterhalb des Scheitels, im sogenannten Scheitellappen.

Kann man sich diese Bereiche wie Prozessoren in einem Computer vorstellen – bei manchen sind sie halt schneller getaktet?
Genau. Allerdings stellt das Tempo, mit dem das Hirn arbeitet, nur einen Teil unseres Verstandes dar, nämlich die „allgemeine“ Intelligenz – also die Fähigkeit, ein Problem schnell zu erkennen und zu lösen. Diese Geschwindigkeit ist eher unabhängig von der Gehirnmasse.

Der zweite Teil der menschlichen Intelligenz umfasst unsere Talente und Begabungen. Die wiederum haben sehr viel mit Gedächtnis zu tun. Und hier spielt die Zahl der Nervenzellen und ihrer Kontakte, der Synapsen, die größte Rolle. Ein Mensch, der mehr weiß als andere, hat entweder mehr Nervenzellen oder eine effektivere Verknüpfung – oder beides.

Viele Eltern fragen sich, welcher Faktor die Intelligenz ihrer Kinder stärker beeinflusst: Gene oder Umwelt. Wie bedeutend ist Ihrer Erkenntnis nach die Rolle des Erbguts für unsere Geisteskraft?
Das kann man heute aufgrund von Studien an eineiigen Zwillingen, die getrennt aufgewachsen sind, ziemlich genau sagen: Die Intelligenz eines Menschen ist zu etwa 50 Prozent angeboren. Auf diesen Wert kommen alle Experten, gleich welchen ideologischen Lagers. Aber: Es gibt nicht das eine Intelligenz-Gen, ja noch nicht einmal mehrere spezifische Intelligenz-Gene. Man vermutet, dass von unseren rund 25000 Genen etwa 15000 fürs Gehirn zuständig sind. Daher gibt es hochkomplexe erbliche Vorbedingungen, die das Wachstum des Hirns und die Zahl der Nervenzellen bestimmen und wie sie miteinander interagieren, ob sie Signale rascher oder langsamer weiterleiten.

Und welchen Anteil steuert die Umwelt zur Verstandesentwicklung eines Kindes bei?
Da ist die Forschung vorsichtig. Der Einfluss der Umwelt – etwa der Eltern – wird auf maximal 30 Prozent geschätzt, und dies auch nur in früher Kindheit. Danach sinkt ihr Einfluss stetig auf 20 und zehn Prozent.

Und was ist mit den übrigen 20 Prozent?
Sämtliche Erkenntnisse der Intelligenzforschung beruhen auf empirischen Testverfahren. Hierbei bleibt, wie bei allen psychologischen Untersuchungen, stets ein Rest von 15 bis 20 Prozent, den man nicht weiter aufklären kann. Diese natürliche Schwankungsbreite kann zum Beispiel an einer geringfügigen Ungenauigkeit der Methode liegen, an der jeweiligen Verfassung des Testers, an der Tagesform des Probanden, der untersucht wird. All das variiert. Kein Testergebnis wird an jedem Tag genau gleich ausfallen.

Gegenüber einem angeborenen Anteil von 50 Prozent scheint der Einfluss der Umwelt mit 30 Prozent ja eher gering zu sein. Stimmt das?
Auf den ersten Blick mag das so scheinen. Die Umwelt hat bei der Intelligenz, anders als bei anderen Persönlichkeitsmerkmalen, nicht die Kraft der Gene. Dennoch tragen diese 30 Prozent ganz entscheidend zur weiteren Verstandesentwicklung bei. Denn letztlich bedeutet diese Erkenntnis ja, dass in den ersten Jahren nach der Geburt der Intelligenzquotient eines Menschen allein durch den Einfluss der Umwelt um 30 IQ-Punkte variieren kann.

Nehmen wir ein Kind, das mit durchschnittlicher Intelligenzausstattung zur Welt kommt. Wird es nun mittelprächtig gefördert, bleibt es durchschnittlich intelligent und hat damit definitionsgemäß einen IQ von 100. Strengen sich aber Eltern, Erzieher, Lehrer an und sind die übrigen Umstände günstig, kann das Kind einen IQ von 115 erreichen. Das entspricht hierzulande dem Wert eines Schülers, der sein Abitur extrem gut besteht.

Nun der gegensätzliche Fall: Hat derselbe Mensch Pech, wird er also vernachlässigt, kümmert sich niemand um ihn oder wird er gar misshandelt, dann kann sein IQ durchaus auf 85 Punkte sinken – auf die Stufe eines leicht Minderbemittelten. Jene 30 Prozent, die das Umfeld beisteuert, haben also dramatische Auswirkungen auf die kognitive Reifung des Einzelnen.

Nun wächst das Gehirn eines Menschen ja schon im Mutterleib heran. Beeinflussen bereits in dieser frühen Lebensphase äußere Faktoren die kognitive Entwicklung?
Mit Sicherheit. Das Ungeborene reagiert zum Beispiel äußerst sensibel auf Stress. Wird eine Schwangere beispielsweise missbraucht oder leidet sie unter Depressionen, schüttet ihr Gehirn in hohem Maße Cortisol aus. Dieses Stresshormon gelangt dann über die Nabelschnur in den Körper des Kindes und stört dort die Entwicklung des unreifen Denkorgans. Vor allem führt ein sehr hoher Cortisolspiegel dazu, dass sich zwei enorm wichtige Hirnfunktionen nicht richtig ausbilden: das Stressverarbeitungssystem und das Selbstberuhigungssystem.

Welche Rolle spielen diese beiden Systeme für die Intelligenz eines Menschen?
Das Stressverarbeitungssystem versetzt ihn in die Lage, sich über etwas Problematisches oder Bedrohliches aufzuregen. Dies wiederum ist eine wesentliche Voraussetzung für intelligentes Denken und Verhalten: Erst dadurch, dass Teile unseres Gehirns in „Alarmstimmung“ geraten, erhält der Intelligenzteil unseres Gehirns einen Schub, sich mit einem Problem intensiv auseinanderzusetzen und eine Lösung zu suchen. Ist die gefunden, dann stellt sich die Cortisolproduktion selbst ab, und zugleich tritt das Selbstberuhigungssystem in Aktion. Dies hängt mit der Ausschüttung des hirneigenen Botenstoffs Serotonin zusammen und hilft, dass wir uns wieder beruhigen. Es signalisiert uns also gleichsam: Die Gefahr ist zu Ende, das Problem gelöst – komm zur Ruhe!

Was geschieht, wenn diese beiden Systeme nicht richtig ausreifen?
Dann regen sich Menschen zu schnell auf, sind ängstlich und unausgeglichen, ihre Gedanken sind zerfahren, ihre Konzentrationsfähigkeit ist eingeschränkt. Das zeigt sich schon im Kleinkindalter. Mütter von Schreibabys etwa haben oft eine unruhige, stressige Schwangerschaft hinter sich. Ihre Kleinen sind schnell angestrengt, können sich selbst nicht beruhigen und finden daher nicht in den Schlaf.

Und auch das hat Auswirkungen auf die Verstandesentwicklung?
Ja, weil die Eltern meist völlig hilflos sind. Die einen lassen die Babys schreien, die dann lernen: Ich bin allein, niemand hilft mir. Das schlägt sich stark auf die Psyche nieder. Die anderen Eltern stürzen jedes Mal, wenn ihr Kind schreit, hin und nehmen es auf den Arm. Das Baby lernt: Ich muss nur schreien, dann kommen die Eltern. Dadurch droht es verwöhnt, unzufrieden, unselbstständig zu werden. Auch noch bei Erwachsenen können Defekte am Stressverarbeitungs- und Selbstberuhigungssystem zu schweren Persönlichkeits- und Lernstörungen führen.

Kann man derartige Schäden später noch ausgleichen?
Nur in Grenzen. Hat die Schwangere eine schwere Traumatisierung erlitten, dann muss die geistige und emotionale Rettung des Kindes – ich sage es mal dramatisch – im ersten Lebensjahr passieren. Das weiß man aus Erfahrungen mit russischen und rumänischen Waisenkindern. Wenn die nicht im ersten Lebensjahr liebevoll aufgenommen oder von engagierten Eltern adoptiert werden, dann bleiben sie oft psychisch und intellektuell auf Dauer geschädigt.

Gibt es denn auch positive äußere Einflüsse auf die Intelligenz des Ungeborenen – kann die werdende Mutter aktiv zur Verstandesentwicklung der Leibesfrucht beitragen?
Bislang gibt es dafür keinen wissenschaftlich erhärteten Hinweis.

Auch nicht, wenn man dem Kind im Mutterleib regelmäßig Mozart vorspielt?
Nein, da ist rein gar nichts erwiesen.

Welche Lebensjahre gehören für die Intelligenzentwicklung zu den wichtigsten?
Die ersten drei – wobei die allerersten sechs Monate für die Bindungserfahrung und die Persönlichkeitsentwicklung besonders bedeutend sind. Bis zu einem Alter von drei Jahren sind die zwei Systeme zur Stressverarbeitung und zur Selbstberuhigung noch labil, ist das Gehirn höchst plastisch. Das Wichtigste für die spätere Verstandesentwicklung ist, dass Babys erleben, dass man sie liebt. Und dass sie beschützt werden, also keine Angst haben müssen. Dafür sorgt vor allem ein fürsorgliches, tolerantes, konfliktarmes Elternhaus.

Und welche Förderung empfiehlt sich?
Wichtig ist, dass Eltern ihre Kinder in jenen frühen Jahren nicht übertrieben stark stimulieren – oder gar unter Leistungsdruck setzen. Sie sollten Zweijährige nicht schon mit Gleichungen konfrontieren oder zum Klavierspielen drängen. Und sie sollten auch nicht versuchen, ihnen bereits eine Fremdsprache beizubringen, wenn sie dies nicht ausdrücklich wollen. Es ist absurd, dass manche Eltern meinen, ihre Kinder müssten so früh wie nur möglich anfangen, Chinesisch zu lernen.

Natürlich muss Spielzeug da sein. Aber auch hier: nicht zu viel, nicht zu wenig. Und auch damit müssen Kinder in den ersten drei Jahren ohne jeden Zwang umgehen können. Stress und Aufregung sind in dem Alter überaus schädlich für die heranwachsende Intelligenz. Babys und Kleinkinder müssen spielerisch und anstrengungsfrei lernen.

Das vollständige Interview können Sie in der neuen Ausgabe von GEOkompakt zum Thema "Intelligenz, Begabung, Kreativität" nachlesen.


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