Am Abbai - geheimnisvoller Blauer Nil

Reisebericht

Am Abbai - geheimnisvoller Blauer Nil

Reisebericht: Am Abbai - geheimnisvoller Blauer Nil

Nachdem ich in den letzten Jahren weite Teile des Weißen Nils bereisen konnte, wollte ich nun endlich den geheimnisvollen Abbai, den Blauen Nil, kennenlernen.

Nahe der Stadt Bahar Dar tritt der Blaue Nil aus dem Tanasee aus, er umfließt in einem Bogen die Provinz Gojam, um Äthiopien nach über 800 Kilometern in Richtung Sudan zu verlassen. Erste europäische Entdecker, wie der portugiesische Missionar Pedro Paez 1618 und der schottische Abenteurer James Bruce im Jahre 1770 zog es an die Quellen des Blauen Nils. Doch die anschließenden Schluchtensysteme wahrten ihre Geheimnisse bis in die zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Für die Hochlandamharen ist der Fluss heilig. Sie nennen den Strom auch Ghion und nehmen damit Bezug auf die Genesis. Sie sehen in ihm einen der vier heiligen Flüsse des Paradieses.

Schlaflos am Tanasee

Begegnung am Blauen Nil

Informationen zum Bild anzeigen Bildinformationen anzeigen

Verdammt eng hier im Zelt. Meine Freunde Janos, Ludger und ich belegen jeden Zentimeter des Drei-Mann Zeltes. Die Luft, falls noch welche da ist, liegt stickig schwül auf mir. Frischluft rein lassen? Um Gottes Willen. Das Innenzelt traue ich mich nicht zu öffnen. Draußen im Vorzelt summen tausende Moskitos. Unruhig wälze ich mich auf der Iso-Matte hin und her. Lauter als die Moskitos sind die Frösche und anderen Insekten, die seit dem Sonnenuntergang vor einigen Stunden die Uferlandschaft des Tanasees mit einem einzigartigen Klangteppich überziehen. Dazwischen mischt sich immer mal wieder das Knurren der Nilpferde, die zum Fressen im Schutze der Dunkelheit an Land kommen. Weiter entfernt höre ich das klagende Rufen der Hyänen. Die Kaffeezeremonie hatte sich bis spät in die Abendstunden erstreckt. Bohnen wurden auf einem Blech über offenem Feuer geröstet, auf einem Mahlstein zerrieben, schließlich mit kochendem Seewasser aufgebrüht. Viele Menschen saßen am Lagerfeuer, die meisten aus dem nahen Dorf, andere kamen von weit her, um uns „ferenjis“ zu sehen. Mehrmals versicherten uns die Einheimischen, wir wären die ersten Weißen die das Dorf besuchen. Der alte Dorfchef lachte zunächst verlegen, als ich ihn über unseren Begleiter Melkamu fragen ließ, was es für Veränderungen die letzten Jahre gab und was er von der Zukunft erwartet. „Ja, es ist vieles besser geworden, die Regierung hat eine kleine Krankenstation eingerichtet, in der eine Krankenschwester Notfälle verpflegt. Weba, die Malaria, ist das Hauptproblem hier am Ufer. Die Zukunft? Hm, es gibt Pläne dass im nächsten Jahr ein Markt in der Nähe geschaffen wird. Vielleicht wird ja dann auch eine Straße gebaut. Darauf hoffen wir, denn momentan müssen wir gut drei Stunden bis Kunzola laufen, um unsere Erzeugnisse wie Mais, oder Teff (eine Hirseart) auf den Markt zu bringen“. Das muss alles Stunden her sein, ich drehe mich mal nach links, vielleicht schlaf ich ja dann ein. Auch nix, na ja. Positiv denken, nimm all die Geräusche mit, die du gerade hörst. Bald wirst du wieder zuhause im Bett liegen und darfst den Flugzeugen beim Landeanflug auf den Rhein-Main Flughafen zuhören. Nein, bevor ich daran denke, will ich mich lieber an unsere bisherige Zeit am Blauen Nil erinnern; beginnend im kleinen Marktflecken Mota, droben im Hochland von Äthiopien.



Zur Zerbrochen Brücke von Mota

Informationen zum Bild anzeigen Bildinformationen anzeigen

Das Dorf liegt gut zwei Stunden hinter uns. Die Rucksäcke lasteten schwer auf den Schultern. Bepackt mit Proviant für die nächsten 6-7 Tage, dazu kommen noch persönlichen Dinge. Die Ebene erschien endlos, doch nun erreichen wir den Rand des Plateaus. Vor uns öffnet sich die Erde. In den unter uns liegenden, wild zerklüfteten Tälern, können wir den Abbai nur erahnen. Zu tief hat sich der Blaue Nil in das Äthiopische Hochland eingeschnitten. Hier oben klaffen die Canyonränder bis zu 30 Kilometer auseinander. Einen guten Kilometer tiefer wird sich die Schlucht auf nur wenige Meter verengen. Wir folgen dem von tausenden Füßen ausgetretenen Weg, der sich elegant an steilen Bergflanken ins Tal windet. Es dauert nochmals zwei Stunden, ehe unser einheimischer Führer Tamasgen auf ein kleines Dorf deutet. „Hier sollten wir zelten“, meint Melkamu, der Dolmetscher. Auch wenn den Hochlandamharen der Abbai heilig ist, wagen sie sich nur mit großem Respekt weiter in die Schlucht hinab. Und in der Nacht will sich niemand direkt am Fluss aufhalten. Der Flussgott Ghion verlässt in der Dunkelheit die Wellen und holt ahnungslose Reisende in sein nasses Reich. Zudem gibt es unten am Wasser viele Moskitos und die Weltabgeschiedenheit des Canyons dient den Shifta als Rückzuggebiet. Hierbei handelt es sich um berüchtigte Räuberbanden, die zumeist aus arbeitslosen, ehemaligen Soldaten bestehen. Ich denke an unsere ersten beiden Versuche zurück, das Ufer des Blauen Nils zu erreichen. Zwei Mal weigerten sich die Einheimischen uns zum Fluss zu führen, da Sie Attacken der Shifta befürchteten. Hier im Dorf fühlen wir uns gut aufgehoben, die wenigen Bewohner sind freundlich und die Nacht verläuft ruhig. Ich fiebere dem nächsten Tag entgegen.

Bei jedem Schritt hinab wird die Luft feuchter, das Hemd klebt am Körper. Hunderte kleine Fliegen tanzen vor den Augen auf und ab. Durch eine steile Geröllrinne näheren wir uns dem nächsten Tal. Jetzt können wir ein deutliches Rauschen hören, was sag ich, entfesselte, brüllende Wassermassen übertönen alle anderen Geräusche. Zum Teil dichte, tropische Vegetation nimmt uns jede Sicht. Der Weg verläuft über eine Kante, dort eine Lichtung und endlich …. schokoladenbraun schießen die Fluten unter uns vorüber. Der Abbai ist noch immer stark angeschwollen, obwohl die Regenzeit jetzt gegen Ende September nachlässt. Kostbare Erde reißt der Fluss davon, welche den Bauern jenseits des Hochlandes fruchtbaren Boden beschert. Irgendwo muss doch die Zerbrochene Brücke stehen, deren eigentlicher Name Zweite Portugiesische Brücke lautet. Da vorn werde ich eine bessere Sicht haben…, großartig, wie eine ausgestreckte Klaue ragt die Steinbrücke, oder was davon übrig ist, in die wütenden Nilstromschnellen hinein. Bereits im 17.Jahrhundert wurde der Übergang unter dem Mitwirken portugiesischer Missionare erbaut. Seitdem tobt der Kampf Nil gegen Brücke. In dieser archaischen Landschaft erscheint jedes menschliche Bauwerk wie ein bösartiges Geschwür. Viele Leute da vorne. Gerade kommt etwas Bewegung in eine Karawane. Es mögen an die 30 Personen sein, die im Schatten eines ausladenden Jacandrabaumes warten. Der Mann mit dem Seil ist gefunden, in den nächsten Minuten können sie ihre Wanderung fort setzen. Ich folge dem Seilträger auf die Steinbrücke hinaus, sogleich stockt mir der Atem. Eine gut acht Meter breite Lücke klafft dort, wo einst der Mittelbogen stand. Um italienische Invasionstruppen zu bremsen, zerstörten die Äthiopier im Jahre 1935 den mittleren Teil. Viele der Menschen bitten uns um Geld, damit die Brücke repariert werden kann. Melkamu schmunzelt, „es liegt nicht an fehlenden finanziellen Mitteln, dass die Brücke noch kaputt ist, vielmehr möchten die Verantwortlichen genau kontrollieren, wer auf diesem uralten Handelsweg die Provinzgrenze zwischen Gojam und Gondar passiert, denn es gibt eben viele Banditen in dieser Gegend“. Auf beiden Seiten sorgen verwegen aussehende, mit Kalaschnikows bewaffnete, Milizionäre für Recht und Ordnung. Die Vorbereitungen sind nun abgeschlossen und mit Hilfe des Seils und der Unterstützung durch starke Männer, werden die Leute von hüben nach drüben gezogen. Für eine gute Minute hängt die „menschliche Last“ fünf Meter oberhalb der schlammigen Fluten. Jede glückliche Überwindung des Hindernisses wird mit fröhlichem Gejohle aller Anwesenden quittiert. Allmählich löst sich der Stau auf und nachdem die letzte Person festen Boden unter den Füßen hat, opfert die Miliz dem Ghion einige Gläser Arake, Branntwein! Auch wenn Ghion nun zufrieden sein müsste, bin ich heilfroh, dass wir nicht auf die andere Seite müssen. Ein Viehhirte ist eingetroffen und badet ein krankes Lamm in den heiligen Fluten, die das Tier hoffentlich heilen werden. Nach erfolgter Genesung, will er dem Fluss ein Huhn opfern. Behutsam nimmt er das Lamm in die Arme und trägt es zurück auf die weit oben auf einem der stufenförmigen Plateaus gelegene Weide.





Weiter Flussaufwärts

Informationen zum Bild anzeigen Bildinformationen anzeigen

Flussaufwärts wird die Landschaft immer sanfter. Auch der Nil hat es hier nicht eilig, er schlängelt sich durch satt grünes Kulturland. Gemächlich wandern wir vorbei an Feldern, die bevorzugt mit Teff – eine Art Hirse – und Mais bestellt sind. Manchmal verläuft der Weg sogar direkt am Nilufer entlang. Unsere Hoffnung auf Flusspferde zu treffen wird je enttäuscht. Einige Bauern berichten davon, dass letzte Hippopotamus in diesem Flussabschnitt sei vor drei Jahren geschossen worden. Am späten Nachmittag schlagen wir das Zelt nahe typischer Rundhütten auf. Bis in die Abendstunden sehen wir niemanden. Erst jetzt kehren die Menschen von weit entfernten Feldern zurück. Würdevoll, kommen die hochgewachsenen Amharen ans Lager. Nach der Begrüßung und einer langen Rede von Melkamu - von der wir leider kein Wort verstehen, aber es handelt sich wohl um eine sehr blumig formulierte Bitte, um hier die Nacht verbringen zu dürfen- lachen alle Anwesenden und wollen uns gerne unterstützen. Im Gegenzug verarztet Ludger einige einfache Wunden der Dörfler. Er ist zwar kein Doktor, aber macht mit seinen 54 Lenzen einen sehr seriösen Eindruck. Erst jetzt trauen sich auch die Kinder näher. Bislang standen sie kichernd und tuschelnd etwas abseits. Wenn wir sie ansahen, versteinerten die Gesichter der Kleinen. Die da, die mit der weißen Haut, sind sicher krank. Später kaufen wir noch einige Bananen, mehr Früchte sind jetzt nach der Regenzeit nicht reif. Lange sitzen wir an diesem Abend mit den Leuten am Lagerfeuer. Viele Anwesende tragen fein gearbeitete Kreuze aus Holz, Silber und Marmor, die sie als Äthiopisch Orthodoxe Christen ausweisen. Mein Interesse erregen vor allem die kleinen Ledertaschen, die sie zusammen mit den Kreuzen an Ketten und Schnüren um Hals und Taille binden. Melkamu senkt bedeutungsvoll die Stimme, „in die Lederamulette sind Schriftrollen mit heiligen Formeln zur Abwehr des Bösen Blicks, Buda genannt, eingenäht. Die Kinder muss man besonders schützen, da sie die Leiden die der Buda verursacht, nicht als solche erkennen. Nur Erwachsene sind in der Lage, ihre Beschwerden in Trance einem Schamanen mitzuteilen, um anschließend geheilt zu werden“.

In Dunst und Schaum verwandelt sich das Wasser an den Tisisat-Fällen. Auf einer Breite von 400 Metern, über einen 46 Meter hohen Abbruch, stürzen die schlammigen Wassermassen donnernd in die Tiefe. So nahe am Rauch des Feuers, so die Übersetzung von Tisisat, gedeiht im ständigen Wasserschleier sogar ein kleiner Regenwald. Über der Gischt spannen sich schillernde Regenbögen. Nur wenige Meter weiter, scheint der Fluss in einer engen schwarzen Basaltspalte komplett zu verschwinden. Hier nehmen wir vorerst Abschied vom Blauen Nil. In Tisisat-Village quetschen wir uns in den nächsten Bus nach Bahar Dar am Ufer des Tanasees.





Der Kreis schließt sich

Bahar Dar bietet unerschöpflichen Luxus: Vor allem eine warme Dusche. Vom weitläufigen Garten des Ghion-Hotels, bei einem kaltem Bier, sowie hervorragenden Kaffee (die Reihenfolge ist willkürlich) bieten sich bezaubernde Ausblicke auf den riesigen Tanasee. Wie aus einer anderen Zeitepoche erscheinen dann und wann Fischer in fragilen Papyrusbooten, Tankwas genannt. Ja, wir müssen raus auf den See. Bald schon haben wir ein Boot samt Mannschaft für die nächsten drei Tage gemietet. Bevor wir einige der Klosterinseln besuchen möchten, bitten wir den Bootsführer, uns zur Mündung des Gilgel Abbai (Kleiner Blauer Nil) zu bringen. Er strahlt übers ganze Gesicht, „wenn es einer weiß, dann ich, vor einigen Jahren war ich mit einer Expedition von National-Geographic dort“. Stunden später suchen wir verzweifelt am Rande eines dichten Schilfgürtels nach der Einmündung. Am Horizont türmen sich blumenkohlartige, dunkle Wolken auf, der Wind frischt auf. Wir stellen die Suche ein, Sicherheit geht vor und steuern das nächste Dorf an.

Ich kann immer noch nicht schlafen, oder habe ich gerade geträumt? Geträumt von einer Zeitreise am Abbai, Ghion, dem Blauen Nil?




Teilen auf

Mein Interessenprofil

Bitte melden Sie sich an, um Reiseziele zu Ihrem Interessenprofil hinzuzufügen.

Kommentare

  • alexkoch

    fast möchte man bedauern, dass der "weisse Mann" auch in noch nahezu unerschlossene Landschaften dringt.....auch wenn die Kalaschnikoff schon vorher da war.
    Sehr einfühlsam geschrieben, unglaubliche Fotos wie von einem anderen Planeten....darum alle Punkte trotz grossem Neid und zugleich Trauer...

    Alex aus Hamburg

  • tautau006

    toller Bericht, Hut ab. Und erst die Bilder, einsame Klasse.

  • desertflower

    Danke für diesen wundervollen Bericht, ich hätte gerne noch einige Seiten meht gelesen! 5 Bücher!

  • Schoena

    Ich muss gestehen, über das Foto mit der kaputten Brücke bin ich zu diesem Bericht vorgedrungen. Ich wollte wissen, Ist er nun über diese Brücke oder nicht. Schade, er musste nicht. Diese Erfahrung hätte mich schon interessiert. Aber auch ohne diese habe ich den Bericht sehr gern gelesen und es geht mir wie desertflower, es hätte ruhig noch "etwas mehr sein" können.

  • lucy (RP)

    Als großer Äthiopien-Liebhaber habe ich den Bericht verschlungen, toll geschrieben, spannend zu lesen, wirklich super!

  • Aussie

    Faszinierender Bericht, beim lesen zieht es einen an den Ort, man ist mitten drinnen.
    Super, Gruss Roswitha

  • Lette

    Was für ein schönes Land!

  • nach oben nach oben scrollen
  • Jette (RP)

    Ein sehr gut geschriebener, bereichernder Bericht, der mich mit seinen Gerüchen, Geräuschen und Ausblicken an den Blauen Nil beamt. Dazu 1a-Klasse-Fotos und authentische Begegnungen mit den Menschen dort. Auch von mir: Volle Punktzahl! Gruß, Jette

  • RdF54

    Ein sehr schöner Bericht - beamt mich zurück zu meinen Nilreisen und erhöht das Verlangen wieder hinzukommen!
    Danke
    LG Robert

  • tiboR

    ach toll... ich müsste unbedingt abnehmen,damit ich auch Zelt und Nahrung für ne ganze Woche schleppen kann.....

Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar abzugeben. Am Abbai - geheimnisvoller Blauer Nil 4.35 17

Beliebte Community-Inhalte: AustralienNorwegenThailandVietnamItalienBarcelonaIndien ReiseführerIndien Tipps