Die Zentralafrikanische Republik (ZAR) hat viele Schätze. Zwei UNESCO-Welterbestätten liegen in dem Land knapp nördlich des Äquators, eine mit dichtem Regenwald, die andere mit einer weitläufigen Savanne. Unter der Erde schlummert alles, was ein Land auch ökonomisch reich machen könnte: Diamanten, Gold und Uran.
Und doch zählt die ZAR zu den ärmsten Ländern der Welt. Laut einer umfangreichen Studie der Weltbank leben knapp 70 Prozent der Bevölkerung unterhalb der nationalen – und damit sehr niedrigen – Armutsgrenze. Seit ungefähr 15 Jahren tobt in der ZAR ein Bürgerkrieg – mal mehr und mal weniger blutig.
Über diese Krise allerdings wird kaum berichtet. Laut dem aktuellen Care-Krisenreport war die Lage in der Zentralafrikanischen Republik im vergangenen Jahr die medial am meisten vernachlässigte Krise weltweit. Seit zehn Jahren veröffentlicht die Hilfsorganisation Care den Report über zehn "vergessene Krisen". In jedem Jahr befand sich die ZAR auf der Liste, im Jahr 2025 zum ersten Mal auf Platz eins.
Kampf um Weidegründe und Rohstoffe
Care hat für die Studie Berichterstattung über humanitäre Krisen in knapp 350.000 Onlinemedien auf der ganzen Welt in fünf Sprachen ausgewertet. 1532 Onlineartikel hatten demzufolge 2025 über die Krise in der ZAR berichtet. Zum Vergleich: Über die Hochzeit des Amazon-Gründers Jeff Bezos in Venedig wurde 96.927-mal berichtet, über die Lage in Syrien 288.377 Mal.
Es ist ein Kampf um Weidegründe und Rohstoffe und ein Kampf um die rechte Religion, die die ZAR seit Jahren nicht ruhen lässt. Seit etwa 2012 setzten Aufständische die Regierung unter Druck, die nördlichen Regionen stärker an den nationalen Ressourcen zu beteiligen. Weil sich die Regierung nicht an die Absprachen hielt, ging die Rebellenallianz Séléka ("Koalition") 2013 zu bewaffneten Aktionen über, eroberte die Hauptstadt Bangui und stürzte im März 2013 Präsident Bozizé. Dem brutal herrschenden Rebellenregime stellten sich die Kämpfer der Anti-Balaka ("Gegen die Macheten") entgegen. Der lose Verbund aus Milizen war aus dörflichen Selbstverteidigungsgruppen und ehemaligen Soldaten aus den südlichen Landesteilen hervorgegangen.
Der Konflikt zwischen der überwiegend christlich geprägten Bevölkerung im Süden und Westen einerseits und der Bevölkerung muslimischen Glaubens im Norden reicht weit in die Geschichte des Landes zurück. Muslime wurden lange von der Macht ausgeschlossen, die ehemalige Kolonialmacht Frankreich und das benachbarte Tschad agierten häufig als Königsmacher und brachten von ihnen abhängige Eliten an die Macht.
Frauen und Mädchen besonders betroffen
Mehr noch als Frankreich profitieren inzwischen Russland und China von dem Rohstoffvorkommen der ZAR. Die Gewinne aus der Ausbeutung dieser Rohstoffe fließen kaum in die Staatskasse der ZAR. Milizen und Rebellengruppen spalten sich immer weiter auf und bekämpfen sich gegenseitig. Angriffe auf die Zivilbevölkerung, auf Krankenhäuser und Schulen führen immer wieder zu Vertreibungen.
Laut Care tragen Frauen und Mädchen die Hauptlast der Krise. Sie müssen Wasser holen, Feuerholz sammeln und ihre Familien versorgen – oft unter unsicheren Bedingungen. Sexualisierte Gewalt nimmt zu, insbesondere auf der Flucht und in Notunterkünften. Knapp die Hälfte der 5,5 Millionen Einwohner der ZAR sind auf humanitäre Hilfe angewiesen.
Die Situation in der Zentralafrikanischen Republik ist nicht die einzige Krise, über die der Care-Report berichtet. Acht der zehn Länder auf der Liste liegen in Afrika. Die übrigen beiden Plätze belegen Nordkorea und Honduras. Die Europäische Union definiert eine "vergessene Krise" als "eine schwere, lang andauernde humanitäre Krise, in der die betroffene Bevölkerung nur unzureichende oder gar keine internationale Hilfe erhält".
Den Unterschied, warum über manche Krisen mehr berichtet wird und über andere weniger, sieht der Generalsekretär von Care Deutschland, Karl-Otto Zentel, vor allem in der persönlichen Relevanz für die Menschen. So habe der Krieg in der Ukraine durch wirtschaftliche Folgen und Fluchtbewegungen auch eine unmittelbare Verbindung zur EU und zu Deutschland. Wenn über andere Krisen, wie etwa die im Sudan, öffentlich stärker berichtet werde, liege das zumeist an großer Dramatik und hohen Opferzahlen. “Leider bleibt die Aufmerksamkeit auch in diesen Fällen nie lange bestehen”, so Zentel.
Der Journalist Hans-Hermann Klare ist viele Jahre lang als Reporter für den Stern selbst in Krisen- und Konfliktregionen gereist und hat über sie berichtet. Inzwischen ist Klare Vorsitzender des Kuratoriums der Stiftung UNO-Flüchtlingshilfe. Klare sagt: "Es gibt offenichtlich nur ein begrenztes Interesse der Menschen, die Krisen dieser Welt wahrzunehmen." Die Stiftung UNO-Flüchtlingshilfe hat es sich zur Aufgabe gemacht, Hilfe vor allen Dingen in die Regionen zu schicken, die häufig vernachlässigt werden. "Es handelt sich dabei meistens um Krisen mit einer komplizierten Geschichte. Die Regierungen sind schwach, die Staaten desintegriert", so Hans-Hermann Klare. "Wir leben in einer Welt, in der die Menschen ohnehin das Gefühl haben, vom Übermaß der Informationen überfordert zu werden. Dann sind sie erst recht selektiv in dem, womit sie sich beschäftigen möchten, und auch die Medien sind selektiv."
Hans Hermann Klare berichtete unter anderem über den Völkermord in Ruanda und über Hungerkatastrophen in Äthiopien. "Ich habe selbst erlebt, dass Menschen dringend angewiesen waren auf Hilfe von außen." Aufgrund dieser Erfahrungen engagiert Klare sich bei der UNO-Flüchtlingshilfe. Weltweit befinden sich fast 100 Millionen Menschen auf der Flucht, Binnenvertriebene nicht mitgezählt. Allein für die Zentralafrikanische Republik gilt: Jeder fünfte Bewohner ist auf der Flucht.