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Berlin Der Sound der Straße

Vorbei die Zeiten, als Straßenmusik nur etwas für Gescheiterte oder Panflöten-Combos war. Berlin zieht scharenweise junge Musiker aus der ganzen Welt an, die Parks und Plätze in Konzertsäle unter freiem Himmel verwandeln. Und die für die Lust am Live-Auftritt sogar auf Plattenverträge pfeifen
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Gipsy-Swing trifft Balkan-Folk: Die "East Side Music Days", Berlins größtes Straßenmusikfestival, sind eine Spielwiese für Bands wie "Nova fliegt zum Mond"

Berlin entdeckt den Charme der warmen Töne

Jeder Sonntag beginnt für sie um sechs Uhr früh. Berlin liegt im Tiefschlaf, die Straßen sind menschenleer, die meisten, die um diese Zeit wach sind, tanzen sich in Clubs um den Verstand. Einsame Schritte, das Rasseln der Rollkofferräder auf dem Trottoir, man könnte Chloë Lewer und Elliott ckKee für frühe Reisende halten, doch angekommen sind sie in Berlin schon vor fünf Jahren, ihr Koffer transportiert CDs.

Man könnte auch annehmen, dass sie sich ein Musikerdasein damals anders vorgestellt haben, verruchter, dunkler, nicht so verdammt blendend und frisch wie dieser junge Morgen, aber als sie in der Stadt landeten, wussten sie noch gar nicht, dass sie Musiker sind. Sie waren ein junges, verliebtes Paar aus Neuseeland, Schauspielerin und Filmemacher, sie hatten sich erst drei Monate vorher in Auckland kennengelernt, da hatte Elliott schon ein anderes Herzensding den Kopf verdreht.

Er wollte nach Berlin, dort leben, wo er ein Jahr zuvor auf einer Europareise zum ersten Mal das Gefühl hatte: Hier kann ich sein. Erzählt Elliott heute ihre Geschichte, rutscht ihm ein Satz dazwischen, der ebenso gut ein Songtitel der Charity Children sein könnte: "Love can be such an inconvenience", Liebe kann so unbequem sein. Charity Children, so heißt ihre Band, die aus der glücklichen Dreiecksbeziehung erwachsen ist.

Chloë ist damals kurzerhand mitgekommen nach Berlin, in ein neues Leben, das wenig Grundlage hatte, weil sie die deutsche Sprache nicht konnten und ihnen die nötigen Kontakte fehlten, um im Filmgeschäft Fuß zu fassen. Dafür hatten sie eine Ukulele im Gepäck und ein paar Lieder im Kopf, manchmal sangen sie sich im Schlafzimmer gegenseitig Geschichten vor.

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Sonntags im Mauerpark:

Die Band "Charity Children" spielt die perfekten Songs für den Sommer

Eine Mischung aus Übermut und Verzweiflung trieb sie auf die Straße. Auf dem Hermannplatz in Neukölln, in der Nähe ihrer ersten Bleibe, spielte Elliott die Ukulele, und gemeinsam sangen sie zum ersten Mal an gegen Geldnot und kleine und größere Ängste, und weil das Einzige, auf das sie sich dabei verlassen konnten, der jeweils andere war, sahen sie sich beim S ingen immer in die Augen. 15 Euro erwirtschafteten sie bei ihrer Premiere, das reichte für Döner und Bier, es war eine Perspektive.

Sie blicken sich auch heute noch gegenseitig an, wenn sie spielen und singen, es ist ihr zauberhaftes Markenzeichen bei ihren Auftritten, die sie mittlerweile durch ganz Europa führen, und in ihren Videos auf Youtube, die mehr als 100.000 Menschen bislang gesehen haben und unter denen Kommentare stehen wie: "Jedes Mädchen möchte so angesehen werden, wie er es tut. Ich liebe diesen Song."

Ihr bevorzugter Konzertsaal aber ist nach wie vor das Berliner Himmelszelt, jeden Sonntag führt ihr Weg in den Mauerpark, mit Instrumenten und Verstärkern, mit dem abgeschabten grünen Koffer, in dem sich das Geld der Zuhörer sammeln wird, und mit weiteren vier Bandmitgliedern. Der frühere Grenzstreifen rekelt sich heute als fröhliche Grünfläche mit angrenzendem Flohmarktgelände zwischen Prenzlauer Berg und Gesundbrunnen, jeden Sonntag wird er zur überraschendsten Bühne der Stadt.

Mechanische Schrottskulpturen, durchtrainierte Breakdancer, Live­Karaoke im Freilufttheater – und auf jedem Fleckchen, das ein wenig Schatten und Raum für Zuhörer bietet: Musiker. Einsame Gitarrenhelden, wilde Elektroniker, Streichquartette, derber Rock ’n’ Roll – kein Veranstalter, der bei Sinnen ist, würde diese Mischung auf einem Feld versammeln. Im Mauerpark gibt es das anarchische Programm als Beigabe zum Sonntagsspaziergang.

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Abends auf dem

Alex: Die Trommler von Puto Production wirbeln Berlins Nachtschwärmer auf

"Im Park muss keiner Eintritt zahlen, wir erreichen ganz unterschiedliche Leute."

Für die Akteure freilich ist das wöchentliche Open-­Ai-r­Spektakel ein harter Job. Nur frühes Kommen sichert gute Plätze. Die grüne Lichtung, wo die Charity Children ihr 45­-Minuten­-Set an einem sonnigen Sonntag mindestens fünf Mal zum Besten geben, ist der beliebteste Auftrittsort im Mauerpark. Und so beziehen sie jede Woche zu nachtschlafender Zeit dort Stellung, auch wenn sich das Areal erst gegen elf Uhr vormittags so weit füllt, dass es sinnvoll erscheint, zu musizieren.

Der Lohn für alle Beteiligten: ein Sommerkonzert aus dem Bilderbuch der Hauptstadt, die immer noch wunderbare Blüten treibt. Chloë, die rotlockige Schönheit im flirrenden Sommerkleid, Elliott, der schmale Jüngling mit dem Porzellangesicht, immer von einem Hut beschattet, der Schlagzeuger aus den Niederlanden, der Bassist aus Deutschland, der Cellist aus Australien, der Gitarrist aus den USA, die Musik leichtherzig, melancholisch, Lieder von Liebe und Leid, eine charmante Portion Sarkasmus in den Texten, sie fangen die Menschen, die stehen bleiben, mit ganz viel Herzblut ein.

Es sind mehrere Hundert an einem guten Tag, in den Spielpausen signieren Chloë und Elliott CDs im Akkord, sie verkaufen sie für 10 Euro das Stück, ein stattlicher Haufen Geld scheine sammelt sich im grünen Koffer. Es wird am Ende reichen, um allen Bandmitgliedern mehr Geld mitzugeben, als sich in dieser Stadt mit manchem Gelegenheitsjob an einem Tag verdienen lässt.

Chloë und Elliott finanzieren ihr Leben mit ihren Konzerten und Plattenverkäufen, für ihre Videos, bei d enen Elliott, der Filmemacher, selbst Regie führt, haben sie Stipen dien aus Neuseeland. Die Charity Children sind zu einem kleinen Unternehmen geworden, ihr Musikerleben ist keine Verlegenheitslösung mehr, sondern eine tragende Idee, die an der frischen Luft am meisten Spaß macht. "Im Park muss keiner Eintritt zahlen, wir erreichen ganz unterschiedliche Leute, und wer bleibt, hört wirklich zu", sagt Elliott.

Berlin, das Techno­Mekka, die Elektronikmetropole, deren abgedunkelte Tanztempel Weltruhm erlangt haben, hat das Sonnenlicht und die warmen Töne entdeckt. An schönen Tagen wabert Musik über Plätze, Straßen, U­Bahnhöfe wie ein Soundtrack zu jenem Lebensgefühl, das die vielen Neuankömmlinge aus aller Herren Länder hier suchen und finden. Frei sein, Zeit haben, sich verwirklichen – es gibt kaum eine andere Großstadt, in der das noch so leicht geht.

Frühere Musikkeimzellen wie New York oder London sind unbezahlbar geworden, wer jung ist und Gleichgesinnte sucht, findet sie eher in Neuköllner Bars und WGs als in Brooklyn oder Camden. Findet so vielleicht auch besser die Traute, allein mit einer Gitarre und ein paar selbst geschriebenen Liedern im kalten Luftzug vor der U-­Bahn­-Station Warschauer Straße zu stehen. Zart, blond, engelsgleich und keine 1,60 groß. Zwischen Jun­kies und grimmigen Pendlergesichtern, umringt von feuchtfröhlichen Reisegruppen und stillen Unterstützern, im akustischen Nahkampf mit Polizeisirenen und dem streitsüchtigen Rapper aus Portugal, der sich immer vordrängeln will.

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Alice Phoebe Lou aus Südafrika könnte längst einen Plattenvertrag haben. Will sie aber nicht. Lieber spielt sie auf der Warschauer Brücke und verkauft ihre CD

Alice Phoebe Lou war 17, als sie auf Reisen ging. Den Schulabschluss gerade in der Tasche, hatte sie sich ein Jahr geschenkt, um Europa zu erkunden, danach wollte sie zum Studium zurück in ihre Heimat Kapstadt. Sie machte Station in Brüssel bei Verwandten, war in Paris und in Amsterdam, und je länger sie unterwegs war, desto öfter hörte sie den Satz: "Du musst nach Berlin. Das ist die Stadt für dich."

Alice war immer schon ein Freigeist, die Eltern sind politisch motivierte Dokumentarfilmer mit einer Plattensammlung voller Ikonen der Gegenkultur,

Sixto Rodriguez, Bob Dylan, Joni Mitchell, Jimi Hendrix. In Amsterdam besserte sie ihre Reisekasse noch mit Feuertanz auf, erst in Berlin hat auch sie die Musik für sich entdeckt.

Und ein Publikum, das "aufmerksam ist, respektvoll, sich Zeit nimmt und offen ist für Kunst". Studieren in Südafrika ist für die mittlerweile 22­Jährige keine Option mehr, sie lebt in einer globalen Wohngemeinschaft mit Malern, Musikern, Filmemachern aus Argentinien, Frankreich, Dänemark, Deutschland, Israel, Schweden, Großbritannien und den USA. Es ist nicht einfach, sie auf einen Sojamilchkaffee in Kreuzberg zu treffen.

Denn zu viel gibt es in ihrem Hauptstadtleben zu tun: Das erste große Hausfest vorbereiten ("In der Wohnung über uns wohnen noch mal so viele Leute aus der ganzen Welt."), an ihrer neuen Platte arbeiten ("Mein ganzes Geld geht da rein, ich bin ständig pleite."), Festivalauftritte in und um Berlin, Konzertreisen nach Südafrika und New York. In ihrer Heimat wird sie schon als "next big thing" gehandelt, in Berlin steht sie mit Gitarre und Verstärker an der Warschauer Straße, so oft es der Zeitplan erlaubt.

"Hi, I am Alice", sagt sie dann leise, und: "This is my favourite office", bevor sie anfängt zu singen. Mit einer Stimme, glasklar und strahlend, ein wenig wütend und trotzig zugleich, erzählt sie in ihren Liedern von Randexistenzen und einsamen T räu­ mern, singt den "Berlin Blues" für die, die mit einer Flasche Billigbier in der Hand zu ihrem Stammpublikum gehören.

Und wer sie zum ersten Mal hört, spürt: Sie könnte, sollte berühmt sein. Es sind schon viele dort vorbeigekommen, die sie für den Profi­-Pop­-Zirkus dressieren wollten, im Vorprogramm der britischen Band Coldplay sollte sie spielen, aber auf die große Arena hat sie keine Lust. "Auf der Straße habe ich direkten Kontakt zu den Menschen. Ich brauche nicht viel, ich kann von meiner Kunst leben und frei bleiben. Das macht mich sehr glücklich."

Glamour? Braucht doch niemand: Nach einem langen Tag auf der Straße nimmt Gitarrist Geordie Little die U-Bahn

Berlin war schon immer ein Baukasten improvisierter Lebense ntwürfe. Was bislang nicht wirklich zum Inventar gehörte, ist ein so leuchtendes Lächeln, wie es Geordie Little ins Verkehrschaos Schönhauser Allee, Ecke Eberswalder Straße schickt. "Bleib doch mal stehen", sagt eine blonde Prenzlauer-Berg­-Pflanze zu ihrem tätowierten Begleiter, der sie an der Hand die Treppe zur U­-Bahn hinaufzieht.

Ein Kind winkt aus dem Designerbuggy dem Mann zu, der seiner Gitarre klopfend, zupfend, schlagend Töne entlockt, die das Rattern der Straßenbahnen, die hupenden Autos, die Flüche der Fahrradfahrer in einen wundersamen Klangteppich verzaubern. Ein Anzugträger hält inne, deutet eine Gänsehaut an, kauft kurzerhand eine CD, wird das Gefühl mit nach Hause nehmen.

Geordie Little, der Ausnahmegitarrist, der eine der lautesten Kreuzungen Berlins zu einem Konzertsaal macht, kommt aus Adelaide, Australien, er spielt am liebsten barfuß und sagt: "Die Leute merken, dass ich kein Bettler bin, der ein bisschen klampfen kann. Das hier ist mein Beruf." Er hat die Website berlinstreetmusic.com gegründet, auf der sich die Straßenmusiker der Stadt vernetzen können, sich austauschen auch darüber, wie und wo man Genehmigungen bekommt, was alles verboten ist in einer Stadt, die gern mit ihrer freien Kulturszene wirbt.

Das Wort "Ordnungsamt" kann er fehlerfrei auf Deutsch aussprechen, genauso wie "Anwohner" und "Ruhestörung". Das Gesetz will es so, dass die Beschwerde eines Einzelnen genügt, um ganz vielen den Spaß zu verderben, so recht will Geordie Little das nicht verstehen.

Der Straßenmusik ist immerhin schon ein jährliches Festival gewidmet. Auf den East Side Music Days hat Geordies Plattform einen Teil des Programms mitgestaltet, Höhepunkt der zweitägigen Feier am East­Side­Park, wo die angelandeten Passagiere der Ausflugsdampfer und die zufälligen Sonntagsflaneure sich über spontanen Musikgenuss und unverhofft schäumende Bierhähne freuen, ist ein Auftritt der Charity Children.

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Profibands wie "The Trouble Notes" lassen die Reaktion des Publikums direkt in ihre Musik einfließen

Vor der Bühne drängen sich die Menschen, Chloë und Elliott spielen mit ihrer Band in den Sonnenuntergang hinein, vor dem größten Publikum, das ihnen die Stadt bislang geschenkt hat. Gleich hier an der nächsten Straßenecke, erzählt Elliott den Zuhörern sichtlich bewegt, hätten Chloë und er vor ein paar Jahren noch einsam mit ihrer Ukulele gestanden.

"Everything You Want I’ll Give" heißt ihr letzter Gruß in eine heiße Berliner Sommernacht. Das übliche Mauerparkkonzert am folgenden Tag muss a usfallen, weil Chloë und Elliott an diesem Samstagabend alle ihre CDs ausverkaufen. Aber die Crowdfundingkampagne für das nächste Album läuft schon, der interessierten Plattenfirma haben sie unlängst abgesagt. Deren Manager haben sich schnell disqualifiziert mit dem Satz: "Wenn ihr bei uns unter Vertrag seid, müsst ihr nicht mehr auf der Straße spielen."

 

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