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Die Welt mit anderen Augen sehen

GEO Forum Welche Spenden helfen wirklich?

Gute Vorsätze allein garantieren beim Spenden noch kein gutes Ergebnis. Die Frage lautet also: Wie können wir so effizient wie möglich helfen? William MacAskill, schottischer Philosoph, hat Antworten:

Die meisten Menschen möchten dazu beitragen, die Welt zu verbessern – Sie wahrscheinlich auch. Nun wissen wir aber alle, dass schöne Vorsätze allein noch kein gutes Ergebnis garantieren. Die Frage lautet also: Wie können wir so effizient wie möglich helfen? Wie erzielen wir, etwa mit einer Spende, den größtmöglichen Nutzen?

Wenn wir strikt rationale Abwägungen zur Grundlage altruistischen Handelns machen, können wir sehr viel bewirken. Damit der einzelne Spender eine gute Entscheidung treffen kann, müsste aber jedes einzelne Hilfsprojekt systematisch geprüft wer-den; so sorgfältig wie ein neues Medikament. Solche „randomisierten“, kontrollierten Wirksamkeitsstudien, wie sie in der klinischen Forschung Pflicht sind, gibt es aber bisher in der Entwicklungshilfe kaum.

Und wenn es sie gibt, tritt oft Erstaunliches dabei zutage: So wurden zum Beispiel verschiedene Projekte miteinander verglichen, die den Lernerfolg von Schülern im ländlichen Kenia zu steigern versuchten. Gelingt dies durch mehr Unterrichtsmaterial? Nein. Durch mehr Lehrer? Nein. Den größten positiven Effekt erzielten: Wurmkuren. Die Entwurmung der Schüler reduzierte nämlich deren Fehlzeit um 25 Pro- zent. Für jede 100 investierten US-Dollar lassen sich so (verteilt auf viele behandelte Schüler) insgesamt zehn Jahre zusätzlichen Schulbesuchs gewinnen. Ich nenne diesen Ansatz: effektiven Altruismus.

»Ein Börsenmakler kann 
mehr Gutes bewirken als ein Entwicklungshelfer«

Die Idee des effektiven Altruismus habe ich während meines Examens in Oxford mitentwickelt. Toby Ord und ich untersuchten die Kosteneffizienz von Entwicklungshilfeprojekten. Und fanden gewaltige Unterschiede. 2009 riefen wir „Giving What We Can“ ins Leben, eine Organisation, die Menschen dazu ermutigen soll, mindestens zehn Prozent ihres Einkommens zu spenden (mehr dazu: givingwhatwecan.org). Aber nur an die allerbesten Projekte. Welche das sind? Darüber gibt das Ranking von „GiveWell“ Auskunft, gegründet von zwei ehemaligen New Yorker Hedgefonds-Analysten. Die beiden gaben ihre Jobs auf, um systematisch zu untersuchen, welche Hilfsorganisationen am meisten Gutes bewirken.

Ganz oben in der Rangliste steht eine Organisation, die ihre Spendengelder ohne jede Vorgabe unmittelbar an bäuerliche Haushalte in Afrika verteilt. Die also sagt: Hier habt ihr 1000 Dollar, macht damit, was ihr wollt. Und damit herausragen­de Erfolge in der Armutsbekämpfung erzielt.

Durchschlagende Wirkung wurde auch „Deve­lopment Media International“ bescheinigt. Deren Mitarbeiter machen TV- und Radiospots zu Gesundheitsthemen (etwa über den Segen des Händewaschens). Und lassen sie in Burkina Faso ausstrahlen – was die Kindersterblichkeit

nachweislich reduziert.

Allmählich verstanden wir, dass sich das Konzept des effektiven Altruismus auch auf andere Lebensbereiche übertragen lässt. So wurde ich 2011 Mitgründer von „80 000 Hours“. Der Name bezieht sich auf die Zahl der Arbeitsstunden, die ein Durchschnittsmensch in seinem Leben leistet. Wir beraten Leute, die den größtmöglichen gemeinnützigen Effekt mit ihrem beruflichen Dasein erzielen wollen. Das muss nicht zwangsläufig bedeuten, Entwicklungshelfer zu werden. Ein Börsenmakler kann unter Umständen mehr Gutes bewirken. Indem er viel Geld verdient. Und viel davon spendet. Und zwar an die effizientesten Hilfsorganisationen.

Effektiver Altruismus ist eine neue Art zu denken – zum Wohle anderer. Ein Lebensstil, der sich über die folgenden Fragen definieren lässt:

1. Wie viele Menschen profitieren wie stark von unserer Hilfe?

Die besten Gesundheits- und Erziehungsprogramme sind hundertfach wirksamer als die „nur“ sehr guten. Deshalb müssen Spender harte Entscheidungen treffen: Wem helfen wir? Und wem helfen wir nicht? Wie viel Gutes kann mein Euro in unterschiedlichen Projekten ausrichten?

Es mag zynisch klingen, die Kosten etwa einer Krebstherapie gegen die von Malariaprävention aufzurechnen. Aber wenn es uns einzig darum geht, eine möglichst große Anzahl von Menschen­leben zu retten, kommen wir um nüchtern quantifizierende Vergleiche nicht herum. Die erfolgreiche Krebstherapie eines einzigen Menschen in einer reichen Industrienation mag 50 000 Dollar kosten. Mit der gleichen Summe ließen sich Tausende Moskitonetze kaufen und viele Menschen in armen Ländern davor schützen, an Malaria zu erkranken – und womöglich daran zu sterben.

2. Ist, was wir tun, auch tatsächlich effizient?

Internationale Entwicklungshilfe wird oft kritisiert und bisweilen insgesamt infrage gestellt – zu Unrecht. Wir dürfen nicht auf die schlechten Beispiele schauen, sondern müssen die besten betrachten. Weil sie es sind, die den Unterschied machen.

Zum Beispiel die Kampagne der internationalen Gemeinschaft zur Ausrottung der Pocken: Vor ihrer Eliminierung im Jahr 1977 tötete diese Krankheit 1,5 bis drei Millionen Menschen pro Jahr. Die Anti-
Pocken-Kampagne hat 1,4 Milliarden Dollar gekostet und seit ihrem erfolgreichen Abschluss über 60 Millionen Menschenleben gerettet. Wenn alle interna­tionale Hilfe, die für sämtliche Projekte überall auf der Welt ausgegeben wurde, nur dies eine bewirkt hätte – die Ausrottung der Pocken: Sie hätte sich allein dafür gelohnt. Denn unter dem Strich stünden: 40 000 Dol­lar für ein gerettetes Menschenleben.

3. Wo ist es am sinnvollsten, Hilfe zu investieren?

Effektive Altruisten denken ökonomisch. Was zu dem Ratschlag führt: Spenden Sie nicht für die Opfer von Naturkatastrophen. Wenn Bilder aus einem Erdbebengebiet um die Welt gehen, löst das eine Spendenflut aus, in der ihr Geld kaum noch zusätzlichen Nutzen entfaltet. In unterversorgten Bereichen ist es besser investiert. Etwa in der Bekämpfung jener tagtäglichen Katastrophen, die aus Armut entstehen – und viel mehr Menschenleben fordern als Naturkatastrophen (aber nicht mehr mit drastischen Bildern in den Hauptnachrichten auftauchen). Aids, Malaria oder Tuberkulose etwa. Wer einen Menschen aus einem brennenden Haus zieht, wird als Held gefeiert. Geld zu spenden ist weniger glamourös, aber oft wirkungsvoller. Vorsichtigen Schätzungen zufolge kostet es 3000 Euro, ein Menschenleben in einer Armutsregion zu retten. Viele von uns könnten diesen Betrag jedes Jahr erübrigen. Sie sollten allerdings darauf achten, ihn nur den aller­effizientesten Organisationen zu überlassen.

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Richtig spenden: "Fragen Sie nach der Wirkung!"
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