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Afrika Die Herrin von Matamba

Als die vorrückenden Portugiesen ihren Bruder, den Herrscher eines Reichs im heutigen Angola, 1624 in den Selbstmord treiben, setzt Königin Njinga den Kampf gegen die Eindringlinge fort. In diesem blutigen Ringen ist ihr jedes Mittel recht. Selbst ein Pakt mit Kannibalen

Christin und Kannibalin, Diplomatin und Kriegerin: Im frühen 17. Jahrhundert ergreift Königin Njinga die Macht über ein Reich im heutigen Angola, verrät ihre Familie, regiert mit unerbittlicher Grausamkeit, wechselt ihre religiösen Überzeugungen je nach politischer Lage und tötet in unzähligen Schlachten Europäer wie Afrikaner.

Njinga ist eine der eindrucksvollsten Gestalten ihrer Zeit in Zentralafrika, eine der mächtigsten Frauen des Kontinents. Mutter wird sie wahrscheinlich nie, doch ihre politischen Erbinnen sitzen noch Jahrzehnte später auf dem Thron, den sie erstritten hat.

Als Njinga um 1582 geboren wird, ist ihr Vater Kiluanji Prinz im Königreich Ndongo, das er zehn Jahre später erben wird. Das fruchtbare Land südlich des Kongo ist hügelig und von wenigen, aber schiffbaren Strömen durchzogen. Kerngebiet ist ein etwa 75 Kilometer breites Hochplateau nördlich des Cuanza-Flusses. Die Portugiesen, die seit 1575 in Luanda an der Mündung des Cuanza siedeln, um von dort aus Sklaven über den Atlantik in die Neue Welt zu verfrachten, nennen die Region "Angola", abgeleitet von dem Titel ngola, den die Könige Ndongos führen.

Im Herzen des Reiches leben die Bewohner in großen Städten, in den entlegeneren Provinzen in Clangemeinschaften, angeführt von mächtigen Adeligen, die dem König tributpflichtig sind. Die Menschen von Ndongo bauen Hirse und Gemüse an, züchten Vieh, halten Haustiere wie Hühner, Ziegen, Rinder und Hunde. Haupteinnahmequelle des Königs ist der Handel mit Kriegsgefangenen, die er während zahlreicher Feldzüge gegen benachbarte Clans und Königtümer in seine Gewalt bekommt.

Als Herrscher fördert Kiluanji seine älteste Tochter. Wahrscheinlich glaubt er der Prophezeiung einer Seherin, die dem Mädchen bei seiner Geburt eine große Zukunft vorhergesagt hat. Der Monarch persönlich erzieht die Prinzessin, weist sie ein in die Kunst der Kriegsführung, nimmt sie mit in Schlachten, lässt sie vermutlich auch an Waffen ausbilden. Später wird sie ihre Krieger immer wieder persönlich in den Kampf führen.

Mehrere Zehntausend Einwohner leben in der Residenzstadt des Königs im Inland, etwa 230 Kilometer vom portugiesischen Luanda an der Küste entfernt. Njinga wächst im palisadenbewehrten Palast zwischen Hofsklaven, Offizieren und Prinzen auf. Gut möglich, dass die junge Frau hier durch Zuschauen lernt, wie man als Herrscher mit Untertanen, Konkurrenten und Feinden umgeht.

Als Kiluanji 1617 stirbt, tritt Njingas Bruder Mbande die Nachfolge an. Doch wie jeder neue König in Ndongo muss Mbande sich erst an der Macht behaupten, muss die Clanführer der Provinzen hinter sich zwingen, die Tributzahlungen durch Demonstration militärischer Überlegenheit sicherstellen.

Im selben Jahr trifft ein neuer portugiesischer Gouverneur in Luanda ein. Er nutzt die Schwäche Ndongos und greift das Land an. Er erhofft sich, möglichst viele Kriegsgefangene zu machen, um sie als Sklaven nach Übersee verschiffen zu können.

Dazu heuert der Gouverneur die brutalste Kriegertruppe der Region an, die Imbangala aus dem Gebiet südlich des Cuanza, von denen es heißt, sie äßen Menschenfleisch. Es sind Söldner, die sich als Zeichen der Tapferkeit die Schneidezähne ziehen; die ihre Neugeborenen töten, dafür die Knaben anderer Stämme rauben und zu rücksichtslosen Soldaten ausbilden, zusammengeschweißt durch geheime kannibalische Rituale. Krieg ist ihr Geschäft. Die Imbangala leben allein von ihrer Beute.

Mit diesen Kämpfern erobern die Portugiesen große Teile Ndongos, plündern die Hauptstadt, brennen sie nieder. Der König, seine Familie und sein Hofstaat müssen fliehen.

Sie ziehen sich auf die Kindonga-Inseln im Cuanza zurück, im äußersten Süden ihres Herrschaftsgebiets. Doch seinen Einfluss auf dem Festland verliert Mbande nicht völlig – einige lokale Häuptlinge im Osten des Reichs bleiben ihm gegenüber loyal.

Während der folgenden drei Jahre ziehen Menschenjäger der Portugiesen durch Ndongo und versklaven mehr als 50.000 Einwohner. Versprengte Imbangala-Gruppen verheeren das Land.

Daraufhin beschließt König Mbande, bei den Portugiesen um Frieden zu ersuchen. Und auch die haben ein Interesse an Verhandlungen.

Zum einen wollen sie Ruhe im Hinterland ihrer Niederlassung Luanda (unter anderem, um den Sklavenhandel auszuweiten), zum anderen erhoffen sie sich Tributzahlungen von Mbande.

Und schließlich sehen sie es als ihren gottgegebenen Auftrag an, möglichst viele Ungläubige zu taufen – und der König von Ndongo soll seinen Untertanen dabei vorangehen.

Afrika: Der italienische Missionar Giovanni Antonio Cavazzi da Montecuccolo trifft Njinga im Jahr 1658. Seine Zeichnung zeigt die Königin auf ihrem Thron
Der italienische Missionar Giovanni Antonio Cavazzi da Montecuccolo trifft Njinga im Jahr 1658. Seine Zeichnung zeigt die Königin auf ihrem Thron
© Collezione manuscritti Araldi/Vincenzo Negro

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Als Emissärin schickt Mbande seine Schwester Njinga. Offenbar verfügt sie nicht nur über sein uneingeschränktes Vertrauen, sondern auch über Selbstbewusstsein und taktisches Geschick.

Und tatsächlich kann die Macht der Europäer sie nicht einschüchtern. Als die Portugiesen ihr während der Verhandlungen keinen Stuhl anbieten, befiehlt sie einer Dienerin aus ihrem Gefolge, auf allen vieren niederzuknien, und führt die Gespräche sitzend auf deren Rücken.

Es gelingt ihr, einen Friedensvertrag zu schließen. Der Kontrakt erlaubt den Portugiesen, fortan offiziell Missionare und Sklavenhändler ins Land zu schicken. Im Gegenzug verpflichten sie sich, die marodierenden Imbangala aus dem Inneren Ndongos zu vertreiben. Zudem lässt sich Njinga katholisch taufen.

Doch weil die Portugiesen ihre Truppen in Luanda brauchen, halten sie sich nicht an ihre Zusage, die Imbangala zu bekämpfen. 1624 sieht König Mbande keinen Ausweg mehr – und begeht Selbstmord.

Nun reißt Njinga die Führung in ihrer Dynastie an sich. Zunächst übernimmt sie die Regentschaft für ihren achtjährigen Neffen, den Sohn ihres Bruders. Anschließend lässt sie Clanchefs, die Anspruch auf den Thron erheben könnten, exekutieren – und auch fast die gesamte königliche Familie. Einzig ihre beiden Schwestern bleiben am Leben.

So jedenfalls überliefert es Njingas späterer Beichtvater, ein italienischer Pater. Ob es stimmt, lässt sich heute nicht mehr prüfen. Die meisten Ereignisse jener Zeit sind von katholischen Missionaren überliefert worden, die Njingas Gottlosigkeit und ihre Verruchtheit besonders hervorheben wollten und bei ihren Schilderungen übertrieben haben.

Sicher aber ist, dass Njinga kurze Zeit später ihren Neffen ausschaltet. Sie lässt ihm die Kehle durchschneiden und den Leichnam in den Fluss werfen.

Ob sie dabei auf Widerstand trifft, ist nicht bekannt. Sie geht nach dem Mord behutsam vor, nimmt beispielsweise nicht sofort den Königstitel Ngola an. Die neue Herrscherin will ihre Landsleute wohl erst an die Vorstellung gewöhnen, eine Frau auf dem Thron zu sehen. Sie weiß, dass viele der Clanchefs von Ndongo in ihr eine Usurpatorin sehen, die kein Recht auf die Königswürde hat.

Njinga braucht dringend Verbündete: loyale Gefolgsleute sowie Soldaten, die sie vor ihren Feinden schützen. Nicht einfach für eine Königin, deren Land und Bevölkerung stark dezimiert worden sind. Zudem müssen viele ihrer Untertanen auf den Landgütern der Portugiesen rund um Luanda schuften.

All diese Menschen ruft Njinga nun zu sich, verspricht ihnen Freiheit und Schutz. Ganze Dorfgemeinschaften fliehen zu ihr in den Osten des Landes – sehr zum Ärger der Portugiesen, die von ihr verlangen, die Zwangsarbeiter nach Luanda zurückzuschicken.

Als sie sich weigert, gehen sie gegen die Herrscherin vor, setzen einen Vasallenkönig in Ndongo ein und vertreiben Njinga von den Kindonga-Inseln, auf denen sie nach wie vor residiert.

Die Monarchin flieht mit ein paar Getreuen nach Osten, wo sie bei einem Imbangala-Führer Unterschlupf findet, der nicht mit den Portugiesen verbündet ist. Doch der Kriegerfürst nimmt sie nur unter einer Bedingung auf: Sie soll ihn heiraten. Njinga willigt ein – wohl um mit seiner Hilfe ihr Königreich zurückzuerobern – und nimmt als Frau des Anführers vermutlich auch an den kannibalischen Riten der Söldnertruppe teil.

Mit Hilfe der Imbangala gewinnt sie den Osten Ndongos sowie ihre Inseln im Cuanza zurück und unterwirft darüber hinaus 1635 das Nachbarland Matamba. Zudem fällt sie immer wieder in Ndongo ein, ohne aber das Land zurückerobern zu können. Viele Imbangala-Krieger sind ihr nun treu ergeben, auch dann noch, als sie sich von ihrem Ehemann trennt.

In Matamba inszeniert sich Njinga fortan zusehends nicht mehr als Königin – sondern als König. Sie hält sich einen Harem von Liebhabern, die Frauenkleider tragen, während sie nun maskulinen Habit bevorzugt.

Njinga zwingt ihre Männer dazu, neben den Hofdamen zu schlafen, doch wer eine von ihnen anrührt, wird hingerichtet. Es ist fast so, als vertraue sie ihrer eigenen Weiblichkeit nicht. Vielleicht glaubt sie, männlich und grausam auftreten zu müssen, um von ihren Gefolgsleuten geachtet zu werden.

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Immer wieder im Verlauf der Geschichte Afrikas greifen weibliche Herrscher nach der Macht. Im alten Ägypten etwa regieren Pharaoninnen wie Hatschepsut und Kleopatra VII. Später kommt es in vielen Königreichen und Clangesellschaften dazu, dass Frauen wichtige Positionen einnehmen oder sogar direkt an der Herrschaft beteiligt werden.

So ist aus dem Norden Nigerias die Geschichte einer Königin namens Amina überliefert, die im 15. oder 16. Jahrhundert in mehreren Kriegszügen ihre Herrschaft ausgebaut haben soll.

Um 1505 lässt der König von Benin seine Mutter mit einer eigenen Armee für ihn ins Feld ziehen; zudem schätzt er ihren politischen und militärischen Rat. Sie ist die erste einer Reihe von einflussreichen Königinmüttern in Benin.

Bei den Asante in Ghana nehmen häufig die Schwestern der Monarchen dieses Amt ein. Sie verfügen offiziell über wenig Macht, gehören aber zum Kreis der königlichen Berater und tragen männliche Kleidung.

Von Alleinherrscherinnen ganzer Reiche südlich der Sahara ist dagegen kaum etwas bekannt. Das liegt auch an der schlechten Quellenlage aus der Zeit vor der Ankunft der Europäer: Die politische Geschichte vieler Völker ist – wenn überhaupt – nur nachträglich schriftlich festgehalten worden, daher sind viele Königslisten unvollständig.

Geschichten von Frauen, die sich stellvertretend für einen minderjährigen Regenten um die Regierungsgeschäfte kümmern, bis der eigentliche Thronfolger alt genug ist, sind hingegen häufiger überliefert. So wird unweit des Tschadsees noch Jahrhunderte später eine Regentin gepriesen, die in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts im Königreich von Kanem-Bornu herrschte und geschickt das Leben ihres Sohnes schützte, bis der Kronprinz die Macht übernehmen konnte.

Ein Matriarchat indessen, eine "Herrschaft der Mütter", von der manche europäische Forscher früher ausgingen, hat es in Afrika höchstwahrscheinlich nie gegeben.

Die Ausnahme ist Njinga.

Sie will sogar zwei Reiche beherrschen. Zum einen wird sie ihr Leben lang nicht den Anspruch auf den Königstitel von Ndongo aufgeben, auch wenn über den Großteil des Reiches längst der Vasallenkönig der Portugiesen regiert.

Zum anderen führt sie ab 1642 beinahe ununterbrochen Krieg, um ihre Macht über Matamba zu sichern und ihren Einfluss auszudehnen. Und schließlich wird sie ihren Thron an eine Frau vererben und so versuchen, eine weibliche Dynastie zu schaffen.

Während ihrer Herrschaft kämpft sie gegen den König von Ndongo im Westen wie gegen ihren früheren Ehemann von den Imbangala im Osten – und verbündet sich gegen die Portugiesen 1647 sogar mit den Niederländern, die sich kurzfristig eine Basis in Angola erkämpft haben.

Häufig überfällt sie die Sklaventransporte der Iberer. Nach und nach wird ihre Residenz in Matamba zum zentralen Handelsplatz für geraubte Menschen. In manchen Jahren verkauft sie mehr als 13.000 Unfreie, so berichten es die Holländer. Nach etlichen Kämpfen, die ihr Territorialgewinne bescheren, ist Matamba schließlich eines der größten Reiche der Region.

Erst um 1656, im Alter von über 70 Jahren, handelt Njinga mit den Portugiesen einen Friedensvertrag aus. Dafür muss sie sich allerdings erneut zum Christentum bekennen und jenen Riten abschwören, die sie als Anführerin der Imbangala-Truppen vollzogen hat. In dem Kontrakt werden Njinga die Flussinseln im Cuanza zugesprochen und die Unabhängigkeit Matambas garantiert.

Die Portugiesen setzen ihrerseits durch, dass Priester in ihrem Reich missionieren dürfen und europäische Händler Zugang zu den Sklavenmärkten erhalten.

Zu dieser Zeit lernt die Herrscherin den italienischen Kapuzinermönch Giovanni Antonio Cavazzi da Montecuccolo kennen, der schon bald ihr Beichtvater wird. In einem Bericht über die Königreiche Angolas beschreibt der Priester Njinga als eine reuige Sünderin, die am Ende ihres Lebens geläutert in den Schoß der Kirche zurückgekehrt sei.

In Matamba wird ein Gotteshaus gebaut, viele Einheimische lassen sich nun taufen und gehen regelmäßig zur Messe, auch die Königin besucht die Gottesdienste. Nach und nach entsteht am Hof eine katholische Elite von mehreren Tausend Menschen, die sich durch ihre neuen Sitten und Gebräuche immer weiter von der Mehrheit ihres Volkes sowie den alteingesessenen Adeligen und den Imbangala-Truppen absetzen.

Und so werden in Matamba die Stimmen gegen Christen und Europäer immer lauter. Viele Einwohner wollen die Fremden loswerden. Aber solange die Königin lebt, hält der Frieden.

Mit einem Kruzifix in den Händen stirbt Njinga schließlich 1663 im Alter von etwa 80 Jahren. Zur Nachfolgerin hat sie zuvor ihre getaufte Schwester Barbara bestimmt.

Als die ebenfalls kinderlose Herrscherin drei Jahre später stirbt, bricht ein Bürgerkrieg um die Nachfolge aus. Die Fraktion der Imbangala am Hof kämpft – unterstützt von Clanchefs aus den Provinzen – gegen die einheimischen Christen, denen die Portugiesen zu Hilfe kommen.

Nach einigen Jahren wechselnder Herrscher sichert sich schließlich eine junge Verwandte Njingas aus einer Nebenlinie die Königswürde. Sie regiert rund 40 Jahre, und auch mehrere ihrer Nachfolger sind Frauen.

Im benachbarten Ndongo behalten die Portugiesen die Kontrolle, und 1671 wird Njingas ursprüngliche Heimat Teil der von Lissabon abhängigen Kolonie Angola.

Matamba aber bleibt über Jahrhunderte frei – bis die Portugiesen in den 1890er Jahren auch dort einfallen, um die Macht zu übernehmen und einen Korridor zwischen ihren Besitzungen in Angola und Mosambik zu schaffen.

Königin Njinga wird in Angola heute als Freiheitskämpferin verehrt, die den vorrückenden Europäern lange getrotzt habe. In Luanda steht eine Statue jener Monarchin, die sich mal Jesus, mal einem Kannibalen unterwarf, die mordete, grausam herrschte und jahrzehntelang kämpfte, um als Königin zu sterben.

Literaturempfehlungen:

  • Linda M. Heywood/John K. Thornton, "Central Africans,
  • Atlantic Creoles, and the Foundation
  • of the Americas, 1585–1660", Cambridge
  • University Press: hervorragende Studie, die
  • das Königreich Ndongo und die Herrscherin
  • Njingas in den globalen Kontext der damaligen
  • Zeit einordnet.
  • Beatrix Heintze, "Studien
  • zur Geschichte Angolas im 16. und 17. Jahrhundert.
  • Ein Lesebuch", Rüdiger Köppe
  • Verlag: solide, wenngleich etwas trockene
  • Darstellung der frühen Geschichte Angolas.

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GEO EPOCHE Nr. 66 - 04/14 - Afrika

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