Orient Express - mit dem Zug von Deutschland in die Türkei

Reisebericht

Orient Express - mit dem Zug von Deutschland in die Türkei

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10.02.2009

Von München nach Belgrad

Drei Wochen hatte ich für meine Türkei-Reise im Februar/März 2009 eingeplant.
Die Fahrt sollte mich von Erlangen nach München, von München nach Belgrad, von Belgrad nach Istanbul, von Istanbul nach Kayseri und von dort weiter mit dem Bus nach Göreme (Kappadokien) führen. Von Göreme wollte ich mit Bus und Bahn über Ankara - Izmir - Denizli nach Pamukkale, von dort mit Bus und Bahn nach Selcuk (Ephesos), von dort mit dem Zug über Izmir - Eskisehir nach Istanbul fahren.
Von Istanbul schließlich sollte die Reise dann zunächst wieder über Belgrad, dann über Budapest - Dresden - Berlin nach Ludwigslust (Mecklenburg) führen.

Ich hatte mir ein Interrail-Ticket bei der Deutschen Bahn gekauft und per E-Mail bzw Telefon Schlafwagenkarten für die Züge von Belgrad nach Istanbul und von Istanbul nach Kayseri, von Istanbul nach Belgrad sowie bei der Deutschen Bahn Liegewagenkarten von Budapest nach Dresden gebucht.

Kurz vor Mitternacht wurde der EuroNight nach Budapest und Zagreb in München Hbf. bereitgestellt. Es gab einen Kurswagen direkt nach Belgrad, allerdings nur ein Sitzwagen. Es war ein slovenischer Wagen mit Klimaanlage, nach mitteleuropäischen Standard, also vergleichbar mit unseren InterCity-Abteilwagen.
Ich hatte eine Platzkarte, aber diese war nicht erforderlich, denn ich hatte das Abteil ganz für mich alleine. Also konnte ich es mir bequem machen und mich auf die Sitzbank legen.

Pünktlich um 23.40 fuhren wir los. Unterwegs fing es an zu schneien.
In Salzburg, wo unser Zug geteilt wurde (ein Zugteil fuhr weiter nach Budapest, der andere über Ljubljana nach Zagreb), war schon alles weiß.
Dann begann der Aufstieg über die Alpen. Der Schnee wurde immer höher, und nach einer Ausweiskontrolle durch österreichische Grenzbeamte im Zug schlief ich endlich ein.
In Villach an der österreichisch-slovenischen Grenze wachte ich auf. Unser Zug änderte die Fahrtrichtung und eine slovenische Lok wurde angehängt.
Nach der Abfahrt in Richtung Slovenien schlief ich wieder ein.

An der ersten slovenischen Station Jesenice war es dann vorbei mit der Ruhe. Drei slovenische Pendler setzten sich in mein Abteil und unterhielten sich den Rest der Fahrt bis zur Hauptstadt Ljubljana.

Der Bahnhof Ljubljana war nicht viel größer als unser Bahnhof in Erlangen (5 Bahnsteiggleise). Ab hier war ich wieder alleine im Abteil.
Es begann zu dämmern.
Wir fuhren jetzt durch eine malerische Berglandschaft. Allerdings gab es hier keinen Schnee mehr. Die Gleise und Bahnhöfe waren in erstaunlich gutem Zustand, und unser Zug fuhr auch relativ schnell (130 - 140 km/h).
Da Slovenien relativ klein ist, waren wir schnell am slovenisch-kroatischen Grenzübergang angelangt. Hier wurden die Lok gewechselt und die Pässe kontrolliert. Immerhin verliessen wir jetzt die Europäische Union.
Auch das Stromsystem wechselte von 3 kV Gleichstrom auf 25 kV Wechselstrom.
Je näher wir Zagreb kamen, desto schlechter wurden die Gleise und unser Zug immer langsamer.
Auch der Zagreber Hbf. ist mit 5 Bahnsteiggleisen relativ klein. Hier endete der EuroNight.

Unser Wagen wurde abgehängt und an einen anderen Zug rangiert. Es war ein kroatischer Schnellzug nach Vinkovci (kurz vor der kroatisch-serbischen Grenze).

Nach einer knappen Stunde setzte sich unser Zug wieder in Bewegung. Die Strecke war jetzt nur noch eingleisig.
Im Schneckentempo von ca. 50 km/h schlichen wir durch sumpfiges Gelände. Das ging eine knappe Stunde so weiter. Ich war immer noch alleine im Abteil.

An einem Unterwegsbahnhof setzte sich eine hübsche Kroatin in mein Abteil.
Die Strecke wurde jetzt wieder zweigleisig, und unser Zug beschleunigte auf 120 km/h.
Die Landschaft war nicht sehr aufregend. Wir fuhren über eine ausgedehnte Tiefebene.

Je weiter wir kamen, desto besser wurden die Gleise. An aufgestellten Schildern war zu lesen, dass die Bahnstrecke mit Geldern der Europäischen Union ausgebaut wird.
Unser Zug hielt nur an größeren Stationen und raste jetzt mit bis zu 160 km/h durch die Tiefebene. Anscheinend waren die Ausbauarbeiten auf diesem Streckenabschnitt schon abgeschlossen.

Später erfuhr ich, dass die gesamte Bahnstrecke von Zagreb bis zur serbischen Grenze mit EU-Mitteln für höhere Geschwindigkeiten und eine deutlich höhere Kapazität ausgebaut wird.

In Slavonski Brod verließ die schöne Kroatin mein Abteil. Es war mittlerweile Mittag geworden.

Vinkovci ist der letzte größere kroatische Bahnhof vor der Grenze zu Serbien. Hier endete unser Zug. Mein Kurswagen nach Belgrad wurde wieder an einen anderen Zug rangiert.
Der kroatische Zoll kam durch, und es wurden wieder einmal die Pässe kontrolliert und gestempelt.

Die Bahnstrecke bis zum serbischen Grenzbahnhof Shid war eine große Baustelle. Deshalb fuhr unser Zug hier sehr langsam (ca. 50 km/h).

In Shid wurde unsere kroatische Lok ab- und eine serbische angehängt, und es wurden wieder die Pässe kontrolliert.
Der serbische Streckenabschnitt bis nach Belgrad war in einem wesentlich schlechteren Zustand als der kroatische. Wir fuhren zwar mit ca. 100 km/h, aber zwischendurch gab es immer wieder Langsamfahrstellen. Auf den Bahnhöfen standen viele ausrangierte Güterwagen.
Die Landschaft war immer noch sehr flach.

Am Nachmittag erreichten wir dann die Vororte von Belgrad. Was ich da sah, erinnerte mich an die Townships von Südafrika. Tausende provisorisch zusammengeflickte Blechhütten, umgeben von Müllbergen, richtige Slums. So etwas hatte ich in Europa noch nicht gesehen!
Je näher wir unserem Endbahnhof Belgrad kamen, desto langsamer wurde unser Zug. Schließlich fuhren wir im Schrittempo über eine große Brücke über die Donau und anschließend in den Hauptbahnhof von Belgrad ein.

Es hatte angefangen zu regnen.
Unser Zug war sogar pünktlich. Es war kurz vor 16.00 Uhr. Ich wollte meine Schlafwagenkarte für die morgige Fahrt von Belgrad nach Istanbul hier im Reisebüro von Wasteels in Empfang nehmen. Per Telefon hatte ich mit dem sehr freundlichen Herrn Popovic vom Wasteels-Reisebüro ausgemacht, dass ich die Schlafwagenkarten, die er mir freundlicherweise reserviert hatte, hier abhole und bezahle (in serbischen Dinar). Allerdings hatte das Reisebüro nur bis 16.00 Uhr auf, aber Herr Popovic hatte mir versprochen, dass er auf mich warten würde, falls mein Zug Verspätung hätte.
An der Wechselstube neben dem Reisebüro tauschte ich mir ein paar Euro in Dinar um und bezahlte meine Schlafwagenkarten nach Istanbul und zurück.
Der Bahnhof von Belgrad ist ein Kopfbahnhof, aber im Vergleich zu Leipzig, Frankfurt oder München ziemlich klein.

In Belgrad wollte ich die Nacht verbringen und am nächsten Morgen in der Frühe weiterfahren.

Ich hatte mir in einem Hostel gegenüber vom Hauptbahnhof einen Schlafplatz reservieren lassen. Das Hostel befand sich in einem sechsstöckigen Haus ganz oben.
Mit einem altersschwachen Fahrstuhl fuhr ich nach oben und war erleichtert, dass mir eine freundliche Frau gleich öffnete und mich in mein Zimmer führte. Es war ein Mehrbettzimmer mit ca. 6 Betten mit Blick auf den Hauptbahnhof. Für eine Nacht würde das vollkommen ausreichend sein.

Die freundliche Frau von der Rezeption gab mir einen Schlüssel und einen Stadtplan. Also machte ich mich im Regen auf den Weg in die Stadt, Proviant für den nächsten Tag kaufen und mir ein wenig Belgrad ansehen.
Leider wurde es dann recht schnell dunkel, so dass ich keine Fotos mehr von Belgrad machen konnte.



Hauptbahnhof Belgrad in der Morgendämmerung


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Kommentare

  • Blula

    Drei Wochen auf den Gleisen des Orient Express unterwegs zu sein, oja, das könnte mich schon auch mal reizen, vor allem jetzt, nachdem ich Deinen tollen Bericht lesen durfte. Danke für's Mitnehmen und auch für die vielen guten Informationen.
    LG Ursula

  • INTERTOURIST

    Diese Art des Reisens empfinde ich als besser, als überall schnell hinzujetten, auch wenn ich mir die Zeit selten nehme.
    Die Fahrt ist ebenfalls schon eine Erfahrung und ich glaube, dass das Reiseerlebnis so viel intensiver ist.

    grüsse Jörg

  • agezur

    Ich kan dich nur bewundern - so eine Reise mit "hoffentlich", "vielleicht" und anderen Unsicherheiten wäre nichts für mich. Dass du auf diese Art ganz besondere Kontakte hattest ist klar - aber trotzdem nichts für mich.
    Deinen Bericht habe ich aber gerne und mit großer Aufmerksamkeit gelesen.
    Und jetzt meine Frage: Würdest du diese Reise genauso nochmals machen?
    LG Christina

  • frieden_schenker

    Zu Deiner Frage, Christina: Zur Zeit würde ich die Reise nicht machen, einfach aus dem Grunde, weil beide Bahnhöfe in Istanbul wegen Bauarbeiten am Marmaray-Projekt (der Tunnel unter dem Bosporus) ab Mitte Februar 2012 für voraussichtlich mehrere Jahre gesperrt sein werden. Wenn der Tunnel und die Hochgeschwindigkeitsstrecke von Instanbul nach Ankara fertig sein werden (geplant: 2013 - kann sich aber noch weiter verzögern), dann könnte man darüber nachdenken. Vor allem dürften dann auch die Bahnstrecke von Sofia zur türkischen Grenze und die Bahnstrecke von Zagreb nach Belgrad besser ausgebaut sein.
    Mein Traum ist, mal von Deutschland über Istanbul - Teheran - Pakistan nach Indien mit dem Zug zu fahren. Dafür braucht es aber mehr als 3 Wochen Urlaub.
    Übrigens gab es vor dem Bürgerkrieg im ehemaligen Jugoslawien einen durchgehenden Zug mit Schlaf-, Liege- und Autotransportwagen von München nach Istanbul.

  • Zaubernuss

    Ich bin leider für solche Reisen auch nicht mehr zu haben, obwohl es mich reizen würde, länger mit dem Zug zu reisen. Wenn man älter wird, schätzt man einen gewissen Komfort, lässt sich nicht mehr gerne auf Unbestimmtes ein. Aber gerade deshalb, weil Du dies alles gewagt hast und uns so ausführlich darüber schreibst, ist Dein Reisebericht selbst beim Lesen eine tolle Reiseerfahrung ! Danke !
    LG: Ursula

  • globetrotter

    Sehr interessanter Bericht mit vielen schönen Bildern! Eine Reise der besonderen Art, die macht nicht jeder:)
    LG Ute

  • costep

    Zuerst einmal: großartig. In der Beschreibung, in den Details und in der Durchführung einer nicht ganz so trivialen Reise. Für mich war auch die Information interessant, dass Interrail jetzt auch für Leute über 26 erhältlich ist.
    Trotzdem ist es leider so, dass es für Belgrad -Sofia nur eine Liegewagenverbindung mit einem 6er gibt. Die tue ich mir als Geschäftsreisender nicht an. Es gibt im Internet Angaben, wonach es auch 1. Klasse geben soll, aber meine Bekannte hat am Belgrader Bahnhof extra nachgefragt und eine abschlägige Auskunft erhalten.
    Ich kann also deinen Bericht indirekt recht gut bestätigen.
    Zu deiner Information: ich war in Belgrad auf einigen Veranstaltungen, wo Banken von Krediten in Milliardenhöhe gesprochen haben, die in den Infrastrukturausbau, speziell auch Bahn, gehen sollten. Davon sieht man wenig. Was gebaut wird, ist alles für das Auto gedacht.
    -
    Und so muss ich von Belgrad nach Wien und von Wien nach Sofia fliegen, wenn ich die Dienstreisen an aneinander folgenden Wochen geplant habe.
    Ich darf mich insoferne outen, dass ich nach Frankfurt, oder auch bis Düsseldorf oder Essen lieber mit dem Zug fahre als zu fliegen. Aber nach Belgrad kann ich nur einen Flug einplanen, alles andere wäre zu unsicher.

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  • frieden_schenker

    Hallo Costep,

    danke für deine Nachricht.
    Auch ich bin bei meiner zweiten Türkeireise nach den Erfahrungen mit der Zugfahrt durch Serbien und Bulgarien nach Istanbul geflogen.
    Abgesehen davon wurde der Tageszug von Belgrad nach Sofia (mit welchem ich gefahren bin) wegen angeblichen Lokmangels bei der Serbischen Staatsbahn gestrichen. Es bleibt also nur noch der Nachtzug von Belgrad nach Sofia (mit Schlafwagen von Budapest nach Sofia) mit dann halbtägigem Aufenthalt in Sofia oder der gewaltige Umweg über Rumänien.
    Außerdem fahren zur Zeit überhaupt keine Fernzüge nach Istanbul wegen dem Ausbau der Strecken vom und zum Bospurustunnel (Marmaray-Projekt).
    Der Zug von Sofia / Bukarest nach Istanbul fährt nur bis ca. 100 km vor Istanbul. Von dort geht es dann mit dem Bus weiter.
    Und die Fernzüge von Istanbul nach Asien beginnen bis auf 2 Ausnahmen in Ekisehir mit Buszubringer.
    Allerdings sollen ab Frühjahr 2014 die Hizli Treni (Hochgeschwindigkeitszüge) von Pendik (ein Vorortbahnhof im Großraum Istanbul) nach Ankara fahren und in ca. 2 Jahren soll das Projekt fertig sein, so dass man vom neuen Hauptbahnhof im europäischen Teil Istanbuls bis nach Ankara (und weiter) durchfahren kann. Eine Hochgeschwindigkeitsstrecke bis nach Edirne (bulgarische Grenze) ist auch geplant bzw. teilweise schon im Bau.
    Auf bulgarischer Seite wird zumindest am Streckenabschnitt Plovdiv - Dimitrovgrad - türkische Grenze gebaut (Ausbau für 160 km/h).
    Auf serbischer Seite ist bisher wenig passiert. Obwohl gerade wieder Gelder freigegeben wurden für den Ausbau kroatische Grenze - Belgrad und Budapest - Belgrad.

    Auf kroatischer Seite war schon zur Zeit meiner Reise die Bahnstrecke bis zur serbischen Grenze im Bau (Ausbau für 160 km/h).

    Bleibt zu hoffen, dass es in einigen Jahren wieder durchgehende (und wesentlich schnellere und bequemere) Züge zumindest von Budapest bis Istanbul geben wird.



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