49.244 Kilometer im Adler Clärenore Stinnes eroberte auf vier Rädern die Welt

Claerenore Stinnes im Auto
Schon als junges Mädchen sitzt  Clärenore Stinnes am Steuer. Als Erwachsene nimmt sie an Rennen teil. In den 1920er-Jahren ist sie "Europas erfolgreichste Autofahrerin"
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Ab 1927 fährt Clärenore Stinnes mit dem Auto um den Globus. Sie ist der erste Mensch in der Geschichte, der so die Welt umrundet. Ihre Reise ist ein Abenteuer voller Herausforderungen

In den frühen Morgenstunden des 24. Juni 1929 sausen zwei Wagen rasant über die Avus am Stadtrand von Berlin. Noch eine Kurve, dann rollen sie nebeneinander über die Ziellinie aus Blumen und wehenden Fahnen. Blüten, Schleifen und Glückwunschkarten türmen sich auf der Motorhaube, als eine zierliche Frau in Hosen und Bubikopf-Frisur aus dem "Adler Standard 6" steigt. Familie, Freunde, Bekannte und ein Staatssekretär sind an jenem Montag zur großen deutschen Autostraße in die Hauptstadt gekommen, um Clärenore Stinnes zu feiern.

Sie ist die Expeditionsleiterin einer Fahrt, die vorher so noch niemand gewagt hatte. Gemeinsam mit ihrem Team in dem anderen Wagen, einem schwedischen Fotografen und ihrem Hund, hat sie in den vergangenen zwei Jahren etwas Unglaubliches bewältigt: 49.244 Kilometer ist sie mit dem Adler rund um den Globus gefahren, es ist "die erste Autofahrt einer Frau um die Welt".

Die Ruhrprinzessin in "Bubenkleidern"

Clara Eleonore Stinnes wird am 21. Januar 1901 in Mühlheim an der Ruhr als drittes Kind von Hugo Stinnes geboren – damals einer der reichsten Männer Europas. Das Vermögen des Familienunternehmens stammt vor allem aus dem Bergbau. Die älteste Tochter des großindustriellen "Ruhrbarons" rufen alle nur Clärenore. Seine sieben Kinder wachsen im Wohlstand auf, eine englische Gouvernante erzieht sie streng. Clärenore erhält eine höhere Bildung, spricht fließend Englisch, Französisch, Spanisch sowie Schwedisch, da ihre Familie in Südschweden ein Ferienhaus besitzt. 

Das Mädchen spielt am liebsten mit ihren älteren Brüdern "Cowboy und Indianer". Schon als Kind lehnt sie sich gegen die Stereotype des Mädchenseins auf, stellt sie Geschlechternormen infrage. Fortan trägt sie nur noch "Bubenkleider". "So weit ich in meine Kindheitstage zurückblicken kann, war ich nie frei von dem Wunsch nach Abenteuern. In mir lag das Drängen nach dem großen Unbekannten, dem man in den unendlichen Steppen, in den schneeverwehten Urwäldern und in der hehren Einsamkeit der Berge näher zu sein glaubt", schreibt sie später in ihrem Bericht über ihre Weltreise im Automobil. Die Elfjährige zwingt ihren Chauffeur, sie auf Feldwegen heimlich ans Steuer zu lassen. So lernt Clärenore bereits als junges Mädchen, Auto zu fahren. Mit 18 Jahren erhält sie die amtliche Erlaubnis dazu. 

1921 eröffnet in Berlin die "Automobil-Verkehrs- und Übungsstraße", kurz Avus. Auch Hugo Stinnes hatte in den Bau der Straße investiert, auf der ausschließlich Autos verkehren dürfen. Seine älteste Tochter trainiert nachts heimlich auf dem knapp 19 Kilometer langen Rundkurs im Südwesten Berlins. 

Eine Dame am Steuer 

Anfang der 1920er-Jahre arbeitet sie als Privatsekretärin im Unternehmen ihres Vaters. Clärenore ist Protegée des Ruhrbarons, sie soll als dessen Nachfolgerin das Familienimperium leiten. Doch als ihr Vater 1924 unerwartet an den Folgen einer Gallenoperation stirbt, verwirft ihre Mutter den Zukunftsplan der Tochter: Die mittlerweile 23-Jährige soll heiraten. Anstelle von Clärenore treten ihre älteren Brüder und die Mutter die Nachfolge des verstorbenen Vaters an der Spitze des Unternehmens an. 

Kurz darauf suchen Dinos-Automobilwerke, ein Teil des Familienimperiums, einen Fahrer für ein Bergrennen vom Ruhrtal zur Villa Hügel in der Nähe von Essen. Eine Frau am Steuer wäre eine ausgezeichnete Reklame für den kurz vor dem Bankrott stehenden Automobilhersteller. Clärenore fühlt sich "moralisch verpflichtet" und nimmt das Engagement an. Unter dem Decknamen "Fräulein Lehmann" fährt sie in einem Dinos-Wagen ihr erstes Autorennen. Als Dritte rollt sie ins Ziel, ein erster Erfolg für die Amateurin. Schon am folgenden Wochenende startet sie erneut, jetzt unter ihrem richtigen Namen. "Selten verging ein Sonntag, an dem ich nicht an einem Rennen teilnahm", schreibt sie später. Sie nimmt an Wettkämpfen teil und gewinnt, wieder und wieder. Mit 17 Siegen ist sie damals "Europas erfolgreichste Autofahrerin". Die junge Frau, die als Journalistin arbeitet, erwägt, mit der Rennfahrerei anderweitig Geld zu machen. 

1925 lädt die sowjetische Regierung zur "allrussischen Prüfungsfahrt" ein. Neben 52 Männern ist Clärenore Stinnes die einzige Frau, die an der Rallye teilnimmt. Von Leningrad über Moskau nach Tiflis und zurück nach Moskau lernt sie Land und Leute kennen. Endlich erlebt sie jenes Abenteuer, von dem sie seit ihrer Kindheit geträumt hat. Das bringt sie auf eine waghalsige Idee, noch niemand hat ein derartiges Unterfangen je in Angriff genommen: Sie will im Automobil die Welt umrunden. 

Industriellentochter auf Sponsorenfang

Sie schmiedet einen Plan. Akribisch studiert sie Karten, berechnet mit Zirkel und Bleistift die Distanzen, sucht nach Routen über die dürftig vorhandenen Straßen; außerhalb Europas gibt es damals vielerorts lediglich holprige Feldwege oder Sandpisten. Die Industriellentochter gewinnt Geldgeber, die alten Geschäftskontakte ihres Vaters sind dabei äußerst hilfreich. Mit dem Leiter des Fahrzeug- und Maschinenbauherstellers Adler vereinbart sie einen Deal: Das Unternehmen will damals eine neue Limousine auf den Markt bringen, den "Standard 6", die Tour der jungen Frau um den Globus wäre die ultimative Zuverlässigkeitsprüfung für das Fahrzeug und eine medienwirksame Werbung. 

Claerenore Stinnes sitzt mit anderen Menschen an einem Tisch
Als Tochter eines reichen Industriellen verkehrt Clärenore Stinnes in einflussreichen Kreisen. Beim "Ball der Sezession" Ende 1926 in Berlin sitzt sie mit dem Verleger Ernst Rowohlt, der russischen Schauspielerin Olga Tschechowa und dem Maler Heinrich Heuser an einem Tisch
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Die Adlerwerke stellen Clärenore ihr neuestes Modell zur Verfügung: Es verfügt über einen Sechszylindermotor mit einer Leistung von 45 PS und Hinterradantrieb. Der Wagen erreicht eine Höchstgeschwindigkeit von 90 km/h. Sachleistungen wie Reifen, Bremsen, der Wagen selbst und Batterie werden der Fahrerin gestellt, Treibstoffdepots und Ersatzteillager auf der Strecke organisiert das Unternehmen, zudem erhält Stinnes ein Reisebudget von 100.000 Reichsmark. Großbritannien sichert ihr die Durchreise durch alle Länder des Empires zu, die Franzosen stellen ein Visum für das gesamte Kolonialreich aus. Auch die deutschen Behörden sichern alle nur erdenklichen Hilfen im Ausland zu, Clärenore Stinnes erhält einen Diplomatenpass. 

Zudem will die Journalistin ein Reisetagebuch führen, das nach ihrer Rückkehr veröffentlicht werden soll. Fehlt eigentlich nur noch eines: ein Filmoperateur, also eine Person, die die Fahrt mit der Kamera festhält. Nach einem kurzen Vorstellungsgespräch in Berlin stellt die Expeditionsleiterin den Schweden Carl-Axel Söderström ein, der Fotograf und Kameramann hat sich nicht nur mit Stummfilmarbeiten einen Namen gemacht, Stinnes wählt ihn auch als Reisebegleiter, weil er verheiratet ist. Zwei Mechaniker werden zudem in einem kleinen Lastwagen vom Typ Adler L9 mitfahren, in dem die Ausrüstung untergebracht ist: Benzinkanister, Pickel, Spaten, Beile, Drahtseile, Stemmbalken, Spitzhacken, Flaschenzüge, Winden, Munition sowie Waffen und auch Dynamit, um sich notfalls den Weg frei zu sprengen. 

Drei Männer, ein Hund und 128 hart gekochte Eier im Gepäck

Ursprünglich soll die Weltreise am 1. März 1927 starten. Doch ein Streik in den Adlerwerken verzögert die Abfahrt. Am 25. Mai ist das Gepäck verladen und alles bereit. Vor der Abfahrt spricht die Expeditionsleiterin noch mit der Presse. "Ach Gott, ich will die Welt aus eigener Anschauung sehen, das ist alles", antwortet sie auf die Frage eines Reporters, warum sie sich die Strapazen antue. Um 12 Uhr fährt Clärenore Stinnes' Wagen durch das Tor der Adlerwerke in Frankfurt am Main, die Tour beginnt. Neben ihr sitzt ein unerwarteter Reisebegleiter: Der Gordonsetter namens Lord konnte sich einfach nicht von seinem Frauchen trennen.

In ihrem Koffer liegen Sportkostüme und sechs Kleider, die "so geschneidert sind, dass sie von der Mode nicht eingeholt werden". Mit im Gepäck hat sie auch 128 hart gekochte Eier – pro Person und Tag je zwei, "damit wir uns in den ersten Tagen nicht unnötig mit Proviantsuche aufhalten müssen", schreibt sie später. Denn die verspätete Abreise wirft ihren Zeitplan durcheinander. Die Anspannung ist groß: Vor Wintereinbruch müssen sie Sibirien hinter sich lassen. 

Um halb fünf aufstehen, ein spärliches Frühstück, dann bis zum Mittag fahren, eine kurze Brotzeit am Wegesrand, weiterfahren bis zur Dämmerung, ein Nachtlager aufschlagen, Abendessen, Schlafen, am nächsten Tag wiederholt sich dieses Prozedere. Mit preußischem Drill führt die junge Frau ihr Team. Nach rund zwei Wochen sind alle Eier vertilgt. 

Von Frankfurt fahren sie nach Prag, dann lenken sie die Wagen zum Balkan und über Istanbul durch die Türkei. Dort müssen sie einen Umweg hinnehmen, denn der Kühler des Lastwagens hat ein Leck, das in Ankara repariert wird. Sie durchqueren das Taurusgebirge, schlagen dann Richtung Syrien ein. Weiter geht es durch den Irak, dann nordwärts nach Moskau. Die Mechaniker "klagen und schimpfen den ganzen Tag, ich verstehe nicht, wie Fräulein Stinnes es mit ihnen aushält", schreibt der Fotograf Söderström in sein Tagebuch. Noch bevor das Team die Hauptstadt der Sowjetunion erreicht, schmeißen die beiden hin. Den Lastwagen lenkt fortan der Kameramann. 

Das Ziel vor Augen

Weiter geht die Reise nach Sibirien, der Winter ist da, das Team wartet, bis der Baikalsee vollständig zugefroren ist. Nach einer wilden Fahrt über den Süßwassersee bietet "Fräulein Stinnes" ihrem Reisebegleiter bei einem Glas Whiskey das Du an. Gemeinsam trotzen sie allen Widrigkeiten: Schnee, Eis, Kälte oder betrunkenen Einheimischen, die auch schon mal mit dem Messer auf Fremde losgehen. Nichts hält sie auf, "weil wir bis zu unserer letzten Kraft in Einigkeit zusammengehalten hatten, das Ziel, nach dem wir strebten, vor Augen". So fahren sie durch die Wüste Gobi in der Mongolei, wo chinesische Warlords Durchreisende des Öfteren als Geiseln nehmen und foltern. Die Expeditionsleiterin drängt ihren Kameramann, nach Hause zurückzukehren, er solle nicht sein Leben riskieren – doch Söderström bleibt. 

Das Auto von Claerenore Stinnes wird von Menschen aus dem Sand gezogen
An der peruanischen Küste bleibt der Adler-Wagen Mitte Juli 1928 im Sand stecken. Clärenore Stinnes heuert kurzerhand 42 Männer an, die das Auto den Hang hinaufschleppen. Es ist nicht das erste Hindernis, das die Frau auf ihrer Reise überwindet
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In Peking geht es mit dem Schiff über Japan und Hawaii nach Panama. Neun Monate lang steuern sie von Lima über die Anden quer durch Südamerika, machen Station in Buenos Aires und Santiago de Chile. Im Frühjahr 1929 segeln sie per Schiff nach Los Angeles: "Asphalt, nichts als Asphalt", für Weltenbummler im Automobil eine glorreiche Sensation. Die Reise führt sie nach Norden über San Francisco bis nach Vancouver, wieder zurück nach Los Angeles und zum Grand Canyon. Dort geht für Clärenore ein Kindheitstraum in Erfüllung, sie besucht eine Siedlung der Hopi, des indigenen nordamerikanischen Stammes. 

Ihre Route führt sie über Phoenix, El Paso, Oklahoma, Wichita, Kansas, Chicago, St. Louis und Detroit, wo sie im Mai 1929 von dem US-Automobilpionier Henry Ford begrüßt werden. Nächster Halt sind die Niagarafälle, dort unternehmen sie eine Bootsrundfahrt mit der "Maid of the Mist". Dann geht es Richtung New York. Schon am Stadtrand der Metropole empfängt der Präsident der American Automobil Association die Europäer mit einer Polizeieskorte, die sie feierlich in die Großstadt geleitet. Für den Handschlag mit dem Bürgermeister schlüpft die Expeditionsleiterin in ein Spitzenkleid. Im Weißen Haus in Washington empfängt US-Präsident Herbert Hoover die Weltreisenden persönlich. Danach verladen sie die Adler-Wagen ein letztes Mal. Über den Atlantik segeln sie zurück nach Europa. 

Claerenore Stinnes mit Carl-Axel Soederstroem vor ihrer Limousine
Zu Hause auf vier Rädern: Carl-Axel Söderström (l.) und Clärenore Stinnes (r.) leben schon zwei Jahre in dem Adler-Wagen, als sie sich im Sommer 1929 bei ihrem Besuch in New York gemeinsam vor dem Automobil fotografieren
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"Im Auto durch zwei Welten"

Mitte Juni rollen sie im französischen Hafen von Le Havre von Bord. Sie sind nun zu viert, denn Martha Söderström, die Ehefrau des Fotografen, fährt die letzte Strecke über Paris und Mülheim an der Ruhr nach Berlin mit. In der Hauptstadt werden sie bejubelt, die Presse tituliert Clärenore Stinnes als "Auto-Amazone". Wenige Monate danach erscheint das mit Fotos illustrierte Tagebuch ihrer Reise "Im Auto durch zwei Welten". Als der gleichnamige Film 1931 in die Kinos kommt, erwarten die Expeditionsleiterin und ihr Kameramann bereits ein Kind: Söderström hatte sich kurz nach ihrer Rückkehr von seiner Frau getrennt. 

Das Paar zieht auf einen Gutshof in Südschweden. Clärenore Stinnes-Söderström stirbt am 7. September 1990 in Björnlunda. In der Automobilgeschichte des 20. Jahrhunderts hat die Pionierin einen festen Platz.